Zürich

Mirjam Varadinis bringt die grosse Kunst nach Zürich

Mirjam Varadinis beim Aufbau der Ausstellung von Cindy Sherman im Kunsthaus Zürich.

Mirjam Varadinis beim Aufbau der Ausstellung von Cindy Sherman im Kunsthaus Zürich.

Am Donnerstag eröffnet das Kunsthaus Zürich die Retrospektive über Cindy Sherman. Eine Ausstellung, die jedes grosse Museum gerne zeigen würde. Geschafft, die Künstlerin von Weltrang nach Zürich zu holen, hat Kuratorin Mirjam Varadinis.

Wir treffen den 41-jährigen Shootingstar der Schweizer Kuratorengilde beim Einrichten. Die riesigen Fototableaus mit den verfremdeten Selbstbildnissen von Cindy Sherman werden ausgepackt, stehen an den Wänden. Eindrucksvoll.

Frau Varadinis, wie angelt man sich als Kuratorin einen Big Name wie Cindy Sherman?

Mirjam Varadinis: (Lacht). Den Ausschlag gegeben hat die langjährige Beziehung von Cindy Sherman zum Haus. Sie hat vor zwei Jahren den Roswitha-Haftmann-Preis bekommen und Werke von ihr waren in thematischen Ausstellungen zu sehen. Für mich ist Cindy Sherman seit meinem Studium eine prägende Künstlerin – und ich habe davon geträumt, mit ihr eine Ausstellung zu machen.

Was liess Sie denn träumen, ausser dass Sherman berühmt ist?

Ausschlaggebend war nicht, dass sie berühmt ist! Sie hat schon sehr früh und radikal grundlegende Fragen zum Thema Identität, zu Geschlechts- und Rollenbildern, zum Frausein, zu Frauen in den Medien gestellt. Mir gehts generell nicht um Big Names, ich will Künstlerinnen und Künstler zeigen, die relevant sind.

Warum interessiert Sie das Thema Frauen und Kunst?

Ich finde die Rolle der Frau in der Gesellschaft – nicht nur in der Kunst – im Zuge des neokonservativen Rutsches ein wichtiges Thema. Und wenn eine Künstlerin das Thema über 40 Jahre lang immer wieder von einer neuen Seite anpackt, gibt das viel her. Mich interessieren generell Künstler und Künstlerinnen, die in gesellschaftlichen, sozialen oder politischen Fragen eine Haltung haben. Aber man darf Cindy Sherman nicht auf die feministische Künstlerin reduzieren. Sie hat viel mehr Facetten.

Im Gegensatz zum MoMa in New York klammern Sie schwierige Themen wie Sex oder Gewalt in Shermans Werk nicht aus. Wie stark ist der Einfluss der Künstlerin bei Ihrer Auswahl und Präsentation?

Das ist ein Pingpong zwischen der Künstlerin und der Kuratorin – und in diesem Fall auch ein Austausch mit den beiden Partner-Museen in Oslo und Stockholm. Wir wollten Cindy Sherman nicht so zeigen, wie man das üblicherweise macht. Wir wollten also die grundlegenden Fragen zu unserer Existenz, wie eben Leben, Tod, Sex, Gewalt, die in ihrem Werk eine zentrale Rolle spielen, nicht ausklammern. Die soll man zeigen, ohne Angst, dass sie problematische Reaktionen auslösen können.

Ein Plädoyer für die künstlerische Freiheit?

Ja. In der Kunst muss man immer wieder Grenzen überschreiten, Dinge neu zeigen. Das kann unbequem und schwierig sein. Auch ich verstehe Werke nicht immer. Aber wenn man nur immer das zeigt, was man schon kennt, kommt man nicht weiter.

Der Titel «Untitled Horrors» ist nicht gerade anmächelig und nicht publikumswirksam. Warum trotzdem?

In Kombination mit dem Namen Cindy Sherman sollte er funktionieren. Der Titel ist vielleicht nicht besonders sexy, aber er stimmt. Sie betitelt ihre Werke nie, sondern will, dass die Betrachter eigene Geschichten in den Bildern finden. Und «Horrors» meint, dass es in ihren Werken eben viel Abgründiges, Schreckliches gibt. Kommt dazu, dass Cindy Sherman Horror-Filme liebt. Sie selber hat einen Film gedreht: «Office Killers». Es ist eine Horror-Komödie, recht schräg – und mit viel Humor.

Trotzdem: Der Titel ist wenig publikumswirksam. Ist das Marketing nur Aufgabe des Direktors und der Marketingabteilung oder haben Kuratoren auch die Aufgabe Zuschauerzahlen zu generieren?

Natürlich, die Eintritte sind Teil des Budgets. Aber wir schauen auf die Balance innerhalb des Jahres und über mehrere Jahre. Die ganze Zahlenreiterei soll man nicht zu weit treiben. Wir sind kein Profit-Unternehmen, sondern ein Museum mit einem öffentlichen Bildungsauftrag. Unsere Grundaufgabe ist es, Kunst adäquat zu präsentieren – und dazu gehört der passende Titel, das richtig gestaltete Plakat.

Sie sind Kuratorin für zeitgenössische Kunst, und selbst wenn Sie Cindy Sherman zeigen, wird die Ausstellung kein fetter Blockbuster. Warum eigentlich?

Kunst aus der eigenen Zeit zieht nie die grosse Masse an. Das braucht Zeit – und das war schon vor hundert Jahren so. Aber zeitgenössische Kunst, die Fragen von heute thematisiert und zur Diskussion stellt, macht ein Kunsthaus lebendig und aktuell.

Der Kunsthandel, die Messen und die Auktionen boomen. Gerade auch wegen der zeitgenössischen Kunst. Ein Widerspruch?

Galerien und Sammler haben heute sehr viel mehr Geld zur Verfügung als früher. Dadurch haben sich die Gewichte tatsächlich verschoben. Das heisst aber auch, dass die Museen als Vermittler von Wissen und Inhalten besonders gefragt sind. Es ist fast pervers, wie im Kunsthandel die Preise explodiert sind. Aber auch dort ist nicht die breite Masse beteiligt, sondern durch die Globalisierung ist eine neue Schicht von reichen Menschen, sind neue Märkte in Russland und Asien entstanden.

Haupt-Player im Kunstmarkt sind die Galerien. Versuchen die, Ihre Künstler bei Ihnen zu pushen?

Es gibt immer wieder Vorschläge. Aber ich bin noch nie darauf eingegangen. Es ist zudem ein Trugschluss zu glauben, dass eine Museums-Ausstellung automatisch die Künstler fördert und die Preise hochtreibt. Es gibt Künstler, die im Handel enorm erfolgreich sind, aber nicht an Institutionen gezeigt werden – und umgekehrt.

Wie wichtig ist die Art Basel als Schaufenster der Galerien für Sie?

Nur bedingt wichtig. Es ist ein Treffpunkt. Ein Ort, um mit Galeristen, Sammlern, Museumsleuten, Kuratoren zu reden. Aber Entdeckungen mache ich dort kaum. Ich reise viel, schaue mir Gruppenausstellungen, Biennalen, Galerien an, die nicht an der Messe sind … und bin mit Leuten in verschiedensten Weltgegenden vernetzt.

Sie sind eine typische Vertreterin der heutigen international tätigen Kuratoren-Szene: Sie arbeiten nicht nur in Zürich, sondern kuratierten letztes Jahr an der Moskau-Biennale, vorher in Belgien . . .

. . . und in Indien war ich in einer Jury. Ja, das ist spannend, weil man andere gesellschaftliche Realitäten kennen lernt, andere Leute trifft. Das Kunsthaus hat mich dabei unterstützt, indem ich dafür unbezahlten Urlaub nehmen konnte. Schliesslich profitiere von den Erfahrungen nicht nur ich, sondern auch das Haus.

Sie nutzen die sozialen Medien, ist das Ihre Vernetzung?

Ich bin zwar bei Facebook dabei, aber nicht sehr aktiv. Mich interessiert die Möglichkeit, das Internet als Raum für Kunst zu nutzen. Für die Cindy-Sherman-Ausstellung habe ich beispielsweise eine App entwickelt – auch für Leute, die nicht selber herkommen und sich die Ausstellung anschauen können.

Die Kuratoren sind im Kunstbetrieb wichtiger und vor allem viel zahlreicher geworden. Warum ist der Beruf so attraktiv?

Mmmh, gute Frage. Spannend und faszinierend ist der Austausch mit Künstlern. Eine Ausstellung zu machen mit Auswahl, Präsentation, Raumarchitektur, Katalog: Das Ganze ist sehr vielfältig und jedes Mal wieder völlig anders. Da wird es einem nie langweilig. In den letzten Jahren ist zeitgenössische Kunst zum Social Event geworden und damit sind einige wenige Kuratoren quasi zu Stars geworden. Dies interessiert mich persönlich aber nicht.

Im Kunsthaus Zürich sind Sie Nachfolgerin von Bice Curiger, einer der bekanntesten Kuratorinnen weltweit. Da treten Sie in grosse Fussstapfen.

Das überlege ich mir lieber nicht. (Lacht). Aber sie ist ein gutes Vorbild denn ich schätze ihre Arbeit sehr und finde es toll, dass sie so bodenständig geblieben ist. Aber ich habe mir selber auch bereits ein Profil geschaffen. Immerhin bin ich schon zehn Jahre am Haus.

Am Anfang haben Sie vor allem jüngere Künstlerinnen präsentiert. Sie sind jetzt 41, sind Sie mit den Künstlern älter geworden?

(Lacht). Ja, vom Junior zum Senior. Dass ich hier jetzt regelmässig «grosse Kisten» machen kann, freut mich. Aber ich werde weiterhin auch Kleineres machen und Junge präsentieren.

Der Frauenanteil in den Museen ist sehr hoch. Aber es gibt weltweit kaum Direktorinnen an grossen, wichtigen Häusern. Warum?

Das ist das Abbild einer gesamtgesellschaftlichen Realität. An den mächtigsten Positionen sind Frauen untervertreten. Meine Mutter war alleinerziehend und die erste weibliche Bankdirektorin in der Schweiz überhaupt. Daher bin ich für diese Frage sensibilisiert und wünschte mir, das würde ausgeglichener.

Dann wollen Sie sicher mal Direktorin an einem grossen Haus wie dem MoMa in New York werden.

Klar (lacht schallend). Nein, mal im Ernst: Ehrlich gesagt, es hat grosse Vorteile Kuratorin zu sein. Als Direktorin haben Sie viele politische, repräsentative, administrative Aufgaben und sind weiter weg von der Kunst. Und die Nähe zur Kunst und zu den Künstlern ist genau das, was mir gefällt. Aber wenn eine Anfrage käme …

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