Jammern wolle er eigentlich nicht. Das betont Rolf Gilgen, CEO des Spitals Bülach, wenn man mit ihm über die jüngsten Entwicklungen im Gesundheitswesen spricht. «Auf die Spitäler wird Druck gemacht», sagt er aber. Jüngst hat der Regierungsrat die Spitallisten für das Jahr 2018 aktualisiert und dabei unter anderem neu Mindestfallzahlen für Operateure in bestimmten Fachgebieten eingeführt. Das hat für Gilgen das Fass zum Überlaufen gebracht. Bis nächste Woche werde das Spital Bülach Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht gegen den Regierungsratsbeschluss einreichen.

Konkret gehe es darum, ob der Regierungsrat überhaupt dazu legitimiert ist, Chirurgen in bestimmten Fällen eine gewisse Mindestanzahl vorzuschreiben und ihnen die Erlaubnis für gewisse Operationen zu verweigern, sollten sie nicht auf diese Zahlen kommen.

Kritik vom Spital-Direktor

«Die Idee an und für sich ist schon umstritten», sagt Gilgen und macht einen Vergleich: «Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Regelung, wonach nur noch Hamburger braten darf, wer täglich 50 Stück schafft. Der Mitarbeiter einer Fast-Food-Kette schafft das spielend. Wollen Sie das Hamburgerbraten einem Spitzenkoch mit Michelin-Sternen verbieten, weil er nur ab und zu einen Burger zubereitet?»

Es sei schon klar, dass bei gewissen komplexen Spezialeingriffen wie Herzoperationen die Erfahrung wichtig ist. Aber viele Eingriffe, zum Beispiel eine Brustkrebsoperation, beherrsche ein Operateur in der Regel allein aufgrund seiner Aus- und Weiterbildung. Für Gilgen ist nicht nachvollziehbar, dass für einen Operateur bei den eher einfacheren Brustkrebsoperationen eine Mindestfallzahl von 50 gilt, während bei den komplexen Herzoperationen lediglich eine minimale Fallzahl von 12 verlangt wird.

Zudem sei nicht erwiesen, dass mit Mindestfallzahlen die Qualität der Behandlung steige. «Für solche Behauptungen findet man fast immer eine Studie, wenn man danach sucht.» Aber eigentlich wolle er sich gar nicht auf einen Studienstreit einlassen. «Meiner Meinung nach gibt es momentan einfach keinen Grund, an der Qualität der Spitäler rumzuschrauben. Sie ist bereits sehr gut.»

Qualitäts- oder Sparmassnahme?

Für Gilgen ergibt darüber hinaus noch ein weiterer Punkt wenig Sinn: Die Regelung mit den Mindestfallzahlen betreffen nur die stationären Behandlungen. Diese machen aber nur 21 Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus. Interessant dabei ist, dass die Abgeltung für eine ambulante Behandlung anders als diejenige für eine stationäre verteilt ist. Bei einem stationären Fall übernimmt der Kanton 55 Prozent der Kosten, die anderen 45 übernimmt die Krankenkasse. Bei einem ambulanten – und dadurch tendenziell günstigeren – Fall übernimmt die Krankenkasse die gesamte Bezahlung. «Würde es nur um die Qualität gehen, müsste man doch dieselben Regeln auch bei den ambulanten Behandlungen anwenden», sagt Gilgen.

Gilgen mutmasst, dass es beim Beschluss des Regierungsrats ohnehin nicht allein um die Qualität der Behandlungen gegangen sei. Er hat den Verdacht, dass der Kanton vielmehr die Zahl der Spitäler längerfristig reduzieren will, um die Kosten zu senken.

Grundsätzlich wehre er sich gegen eine eigentliche Regulierungswut, sagt Gilgen. «Wir haben ein Mass an Regulierung erreicht, welches den Alltag für die Spitäler mehr und mehr erschwert.» Und gerade Regionalspitäler wie Bülach seien davon betroffen. Gilgen befürchtet, dass die Regionalspitäler immer weniger spezialisierte – und damit auch lukrative – Behandlungen anbieten können. Wodurch es für sie schwieriger würde, wirtschaftlich zu funktionieren. «Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass regionale Spitäler geschlossen werden. Und sich die Gesundheitsversorgung auf einige grosse Zentren wie Universitätsspital oder Triemli konzentriert.»