Theater Neumarkt
Milo Rau macht der «Weltwoche» den Schauprozess

Rau inszeniet ein Stück Schweizer Gegenwart. 14 Stunden soll verhandelt werden vom Freitag bis in den Sonntagabend hinein. Und schon fragt die «Weltwoche»: Wozu dieses Theater?

Stefan Busz
Merken
Drucken
Teilen
Milo Rau inszeniert im Theater Neumarkt ein Stück Schweizer Gegenwart.keystone

Milo Rau inszeniert im Theater Neumarkt ein Stück Schweizer Gegenwart.keystone

Die Bühne für den Schauprozess ist schon eingerichtet. Platz für Platz sind die Rollen vergeben. Im Zentrum ist die Richterin, links der Zeugenstand, zu ihrer rechten Seite sind die Anwälte der Anklage und Verteidigung. In einer Reihe sitzen die sieben Geschworenen, die dann das Urteil fällen: schuldig oder unschuldig im Sinn der Anklage.

Zürcher Prozess: Von Art. 258 StGB bis Art. 275 StGB

«Gegenstand des Prozesses ist der Vorwurf des Panik- und Prangerjournalismus der Zeitschrift ‹Weltwoche›, die wegen Schreckung der Bevölkerung im Sinne von Art. 258 StGB, Rassendiskriminierung im Sinne von Art. 261bis StGB sowie der Gefährdung der verfassungsmässigen Ordnung im Sinne von Art. 275 StGB angeklagt ist.» So hat man einen Theaterzettel noch nie gelesen, was aber das Dispositiv für die Aufführung der «Zürcher Prozesse» im Theater Neumarkt ist. Fingiert wird da in der Regie von Milo Rau und im Bühnenbild von Anton Lukas, der schon für die Ausstattung von «Die letzten Tage der Ceausescus» und «Hate Radio» verantwortlich war, ein Schauprozess, der an die Grenzen geht: Ernsthaft und doch spielerisch soll über die «Weltwoche» geredet und diskutiert werden.
Freundlicher als an den «Moskauer Prozessen» sollte es aber in Zürich für Milo Rau werden. Kosaken, die die Aufführung stören, gibt es hier in dieser Form nicht. Aber wie immer übernimmt die Wirklichkeit eine Art Teil-Regie.
Zum Ablauf: Am Freitag, 3. Mai, um 19 Uhr ist die Eröffnungssitzung mit den Plädoyers der Anklage und Verteidigung. Die Kreuzverhöre zu den einzelnen Punkten sind am Samstag (12 bis 19 Uhr, mit einer stündigen Pause um 15 Uhr) und am Sonntag (11 bis 14 Uhr) angesagt. Die Schlusssitzung findet dann von 15 bis 17 Uhr statt, die Urteilsverkündung wird gegen 19 Uhr erwartet. Das letzte Wort hat wie immer der Angeklagte.

Gegenstand der Verhandlung ist die «Weltwoche». Der Zeitung wird im Theater Neumarkt der Prozess gemacht. Geprüft werden die Straftatbestände von Schreckung der Bevölkerung über Rassendiskriminierung bis zu Angriff auf die verfassungsmässige Ordnung. Alles hat da seine Prozessordnung und Paragrafen.
14 Stunden soll verhandelt werden, vom Freitag bis in den Sonntagabend hinein. Und schon fragt die «Weltwoche»: Wozu dieses Theater?

Vom Reporter zum Akteur

Die Idee ist von Milo Rau, geboren 1977 in Bern, einem Theatermacher mit Spezialgebiet Wirklichkeit. International haben seine Inszenierungen für Aufsehen gesorgt – und auch für Befremdung. In Rumänien liess er die letzten Tage der Ceausescus im Theater nachstellen, und im Umlauf von den Wiener Festwochen über Lissabon, Brüssel bis nach Avignon sind aktuell noch immer die Produktionen «Hate Radio» (zum Thema der Aufforderung zum Völkermord in Ruanda), «Die Moskauer Prozesse» (zu Pussy Riot, Putin und Konsorten). Zuletzt kam «Breiviks Erklärung» zur Aufführung, die Verteidigungsrede eines 77-fachen Mörders in Kurzform, vorgetragen auf der Bühne von einer Kaugummi kauenden Schauspielerin. Der Regisseur spielt mit den Abgründen.

Immer mehr hat sich Milo Rau aus dem Zentrum der Recherche entfernt und ist vom Reporter selber zum Akteur geworden. Er macht den Prozess – damit in seinem Theater etwas sichtbar wird, was in der Öffentlichkeit sonst nicht so direkt verhandelt wird. «Theater ist, so wie ich es verstehe, kein Informationsmedium, es ist auch kein Medium der Erklärung, es ist ein Medium der Vergegenwärtigung, oder besser: der Erzeugung von Gegenwärtigkeit.»

Diskurs um den Böög

Die «Weltwoche» auf der Anklagebank ist da nur ein Vorwand, Titelblatt mit Romakind mit Spielzeugpistole hin, Anti-Minarett-Texte her. Denn auf dem Prüfstand steht die Schweiz: «Was ihre Gesellschaft im Innersten zusammenhält – und was sie auseinandertreibt».

Der Vorwand hat aber Namen. Das Gerichtspersonal kommt aus dem Who’s who der erweiterten TV-Arena, ein mediales Spektakel könnte der Zürcher Prozess auch werden. Die «Weltwoche» ist da nur virtuell präsent – Herausgeber und Chefredaktor Roger Köppel wollte da nicht in echt vor dem falschen Gericht stehen.

Auf der Seite der Anklage: Rechtsanwalt Marc Spescha, der für seinen Einsatz gegen die Ausschaffungsinitiative von der «Weltwoche» auch als «Wanderprediger» bezeichnet wurde, unterstützt vom Experten Robert Misik, der in Österreich einst gegen das Roma-Cover klagte. Auf der Seite der Verteidigung dann Valentin Landmann, «bekannt für seinen Einsatz für Randgruppen», zu der wohl auch manchmal die SVP gehört, sekundiert von Claudio Zanetti, SVP-Kantonsrat. Der machte schon während der Pressekonferenz seinem Unwillen gegen den Prozess Luft: «Alles ein Tanz um den Böög.»

Eine Überforderung

Im Reigen der Zeugen sind: Alex Baur, notabene der einzige «Weltwoche»-Autor, der vor die Schranken des Gerichts tritt, und seine Whistleblowerin Margrit Zopfi. Dann geht es kreuz und quer durch die politische und mediale Landschaft mit Menschen, die mit ihrem Namen für eine Haltung stehen: von Nicolas Blancho, dem Präsidenten des Vereins Islamischer Zentralrat Schweiz, über Georg Kreis, der die eidgenössische Kommission gegen Rassismus vertrat, und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger bis zur Politologin Regula Stämpfli.

Wenn man Glück hat, sagt Milo Rau, entsteht aus dieser Begegnung «ein Erstaunen, eine Überforderung – und schliesslich eine Diskussion». Denn sein Theater, wie er es versteht, hat keinen Auftrag und ist auch keine moralische Anstalt: «Dieses Moralding geht nach hinten los, das funktioniert auf der Bühne einfach nicht.» Vielleicht aber manchmal in der Wirklichkeit. Und ein bisschen fürchtet er sich auch, dass der Prozess zugunsten der «Weltwoche» ausgehen könnte. Das Urteil wird am Sonntag gesprochen. Sicher ist nur, dass die Kosten der Veröffentlichung des Urteils vom Veranstalter übernommen werden.