Mietnomaden
Mietnomadin hinterlässt verwüstete Wohnung und 24 000 Franken Schulden

Immobilien Die Frau zieht ein, zahlt weder Depot noch Miete, baut die Wohnung in Eigenregie um und nutzt alle juristischen Mittel, um sich gegen die Ausweisung zu wehren: Ein solcher Fall von «Mietnomadentum» hat sich kürzlich in Hombrechtikon zuget

Jonas Schmid
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Die Mieterin hinterlies die Wohnung in chaotischem Zustand (Symbolbild).

Die Mieterin hinterlies die Wohnung in chaotischem Zustand (Symbolbild).

Keystone

«Sie ist eine ganz durchtriebene Person, die alle Tricks kannte», sagt Toni Fischer fast bewundernd über die arglistige Mieterin, auf die sein Klient hereingefallen war. In einem Artikel für den Schweizerischen Hauseigentümerverband schildert der Rechtsanwalt und ehemalige Präsident des Hauseigentümerverbands Meilen ausführlich, wie sich der Fall zugetragen hat.

Auf das Inserat für eine 21⁄2-Zimmer-Parterrewohnung meldete sich im März 2014 eine Frau mittleren Alters. Sie habe sich von ihrem Partner getrennt und suche deshalb eine Wohnung für sich alleine, gab sie gegenüber dem Vermieter an. Als Einkommen nannte sie einen monatlichen Betrag von 4200 Franken. Der Nettomietzins betrug 1530 Franken. Der Mietvertrag wurde abgeschlossen, und es wurde vereinbart, dass die Mieterin bei einer Bank ein Mietzinsdepot in der Höhe eines Monatslohns eröffnet. Für die vereinbarte Kaution händigte die Frau dem Vermieter ein ausgefülltes Formular aus. Eine Finte, wie sich später herausstellte: Das Konto wurde zwar eröffnet, Geld hat die Mieterin aber nie einbezahlt.

Ein erstes Mal stutzig wurde der Vermieter, als die Frau mit einem Umzugslastwagen voller Möbel, Schachteln und Gerätschaften vorfuhr. Weil ihr die Wohnung mitsamt Keller nicht ausreichte, um alle ihre Habseligkeiten unterzubringen, baute sie auf dem Sitzplatz ein Zelt auf, um ¬darin weitere Gerätschaften unterzubringen. Eine böse Überraschung ereilte den Vermieter, als sich wenig später Handwerker an der Wohnung zu schaffen machten. Sie entfernten die Dusche und bauten eine Badewanne ein, ohne dass die Mieterin dafür Rücksprache mit dem Vermieter genommen hätte. Dieser versuchte vergebens, mit der Frau in Kontakt zu treten. Die Hausglocke war ausgeschaltet, Telefonanrufe nahm die Dame nicht entgegen und auch schriftliche Anmeldungen für eine Besichtigung liess sie unbeantwortet.

Frühere Vermieterin warnte

Das seltsame Verhalten seiner Mieterin liess dem Vermieter keine Ruhe. Er schaltete Rechtsanwalt Fischer ein. Dieser konnte die frühere Vermieterin der Frau ausfindig machen und bekam zu hören: «Aha, die ist jetzt bei euch. Macht euch auf einen langen Rechtsstreit gefasst!»

Und so kam es: Die Mieterin erhob bei den Schlichtungsbehörden Einsprache gegen ihre Kündigung. Zum Verhandlungstermin vor der Behörde erschien sie nicht und gab als Grund gesundheitliche Probleme an. Die abschlägige Antwort der Schlichtungsbehörde liess sie nicht auf sich sitzen und zog den Fall weiter ans Obergericht. Dort machte sie wiederum Krankheit und Gerichtsunfähigkeit für 30 Tage geltend, was sie mit einem ärztlichen Gutachten belegen konnte. Das Obergericht gab der Mieterin recht und wies das Verfahren wieder an die Schlichtungsbehörde zurück.

Plötzlich verschwunden

Laut Fischer fand das Ausweisungsverfahren keinen formellen Abschluss. Die Geschichte endete eines Tages damit, dass die Mieterin eine Umzugsfirma bestellte und mit ihrem Hausrat ohne Angabe einer neuen Adresse davonfuhr. Niemand weiss, wo sich die Frau, die dem Vermieter noch 24 000 Franken Mietzins schuldet, seither aufhält. Die Wohnung hinterliess die säumige Mieterin in chaotischem Zustand: Defekte Apparate, Zeitungen, Flaschen und auf einen Haufen geworfene Kleider blieben zurück; die Waschmaschine war nicht gereinigt, das WC verdreckt und im Kühlschrank gammelten verdorbene Speisen. Auch hat die Mieterin die von ihr ohne Zustimmung des Vermieters abgeänderte Badezimmereinrichtung nicht in den ursprünglichen Zustand zurücksetzen lassen.

Diese Massnahmen bieten Schutz vor Mietnomaden:

Sich beim bisherigen Vermieter erkundigen und Referenzen beim Arbeitgeber einholen.
Eine Mietzinskaution in der Höhe von drei Monatslöhnen einfordern, mit Zahlungsbeleg vor oder anlässlich der Vertragsunterzeichnung.
Den Mieter persönlich treffen und seine Angaben überprüfen.
Vom Mieter ein detailliertes Anmeldeformular ausfüllen lassen.
Einen aktuellen Betreibungsregisterauszug beiziehen.

Besonders dreist war, dass sich die Frau zwei verschiedene Auszüge aus dem Betreibungsregister aushändigen liess. Einen ausgestellt vom Betreibungsamt Oberland in Interlaken, gültig für den Zeitraum 2011 bis 2013. Dieser erfasste keine Betreibungen oder Verlustscheine. Ein zweiter, datiert vom 15. Januar 2014 vom Betreibungsamt Siggenthal-Ennetbaden, war indes weniger harmlos: Er führte Betreibungsschulden in der Zeit von 2009 bis 2013 von rund 63 000 Franken und offene Verlustscheine von 32 000 Franken auf.

Dieser Trick gelang der Frau, indem sie dem Betreibungsamt in Interlaken einen Doppelvornamen vortäuschte, worauf zwei unterschiedliche Bescheinigungen entstanden. «Die Frau muss einen gewissen Charme haben. Sie schaffte es, den Betreibungsbeamten zu übertölpeln», sagt Fischer. Es versteht sich von selbst, dass die Mieterin gegenüber dem Vermieter nur denjenigen Auszug verwendete, der ihr ein tadelloses Zeugnis bescheinigte.

Mehr Misstrauen angezeigt

Laut Fischer zeigt der Fall aus Hombrechtikon, dass Eigentümer ihre Wohnungen nicht mehr ohne weiteres gutgläubig vermieten können. «Sie müssen heute viel misstrauischer sein.» Schwarze Schafe würden die rechtlichen Möglichkeiten exzessiv ausnützen und so dem Vermieter grossen Schaden zufügen. Gemäss Fischers Angaben ist die Mietnomadin mittlerweile vom Kanton Aargau über die Kantone St. Gallen und Zürich Richtung Solothurn gezogen.