Die ökologische Mobilität fördern – dies ist das erklärte Ziel eines neuen Pilotprojekts des Energieanbieters Energie 360°. Die Bewohnerinnen und Bewohner zweier Siedlungen der Baugenossenschaft Süd-Ost in Zürich Affoltern und der Stiftung Stephan à Porta am Kreuzplatz verfügen bis mindestens Ende Jahr über ein Elektroauto zum Teilen. Die Ladestationen und die zwei Fahrzeuge stellte Energie 360° zur Verfügung. Die Mieter können die sogenannten «E-Kaufwägeli» über eine Car-Sharing-App reservieren, aufschliessen und bezahlen. Das Angebot richte sich zwar auch an private Liegenschaftseigentümer, Firmen oder ganze Quartiere, sagt Projektleiter Michael Graf: «Weil wir zu ihnen sehr gute Kontakte pflegen und sie unsere ökologische Ideologie teilen, fokussieren wir aber vorerst auf Genossenschaften.» Doch wie eine Umfrage bei Zürcher Mieterkooperativen zeigt, haben ausgerechnet grosse potenzielle Kunden wenig Interesse.

Der Grund: Carsharing-Marktleader Mobility und Konkurrenten wie Sharoo haben bei der Mobilitätsversorgung bereits ihr Revier markiert. Und sie decken mit elektronisch betriebenen Autos zunehmend auch ökologische Bedürfnisse ab. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ, rund 4500 Wohnungen) teilt auf Anfrage etwa mit, dass man im Umkreis der meisten Siedlungen schon über Sharing-Autos von Sharoo oder Mobility verfüge. «Und diese Anbieter rüsten in absehbarer Zeit an vielen Standorten auf Elektroautos um», sagt Reto Seiler, Projektleiter Energie und Ökologie bei der ABZ. Ähnlich klingt es bei der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ, rund 2200 Wohnungen). Auch sie verfügt im Friesenberg-Quartier bereits über vier Mobility-Autos. Immerhin würde es die FGZ begrüssen, wenn weitere Carsharing-Fahrzeuge dazukommen. «Dabei sind wir sehr an Elektrofahrzeugen interessiert», sagt FGZ-Vorstandsmitglied Vreni Püntener-Bugmann. Ob der bisherige oder ein anderer Anbieter berücksichtigt würde, gelte es aber erst abzuklären.

Bereits zu viele Mobility-Plätze?

Gerade in städtischen Gebieten hat die Dichte der Mobility-Standplätze in den letzten Jahren derart zugenommen, dass einzelne Genossenschaften ihre eigenen Carsharing-Plätze bereits wieder reduzierten. «Für die Siedlung Hardturm haben wir vor 15 Jahren drei Mobility-Parkplätze zur Verfügung gestellt. Heute haben wir dort nur noch einen, weil es in der Stadt so viele neue Standorte gibt», sagt etwa Andreas Engweiler, Geschäftsführer der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1.

Dass das E-Carsharing-Projekt von Energie 360° zu spät lanciert wurde, glaubt Projektleiter Graf dennoch nicht: «Wir bieten unter anderen ein Modell an, bei dem die Hauseigentümer kein Risiko tragen. Das ist vor allem für kleinere Genossenschaften interessant», sagt er. Daher sei der Energieversorger zuversichtlich, dass sein Angebot auf Interesse stossen wird.

Der grosse Unterschied zwischen den beiden Sharing-Modellen liegt in der Finanzierung. Bei Mobility@home, das auf Baugenossenschaften und andere Siedlungseigentümer ausgerichtet ist, bezahlt der Vermieter das Fahrzeug mit einem jährlichen Fixbetrag, bekommt dafür 75 Prozent der jährlich generierten Fahrtenumsätze. Er trage damit auch das Risiko für den Fall, dass die Nachfrage nicht stimme, so Graf. Energie 360° biete dagegen verschiedene Kostensplit-Modelle an, wobei eines vorsehe, dass der Energieanbieter die Sharing-Fahrzeuge und -Stationen vollständig finanziert und erstellt.

Kleine zeigen grosses Interesse

Und diese Variante stösst bei kleineren Baugenossenschaften tatsächlich auf Anklang. So baut etwa die Baugenossenschaft Denzlerstrasse (BDZ, 213 Wohnungen) einen Ersatzneubau für ihre Siedlung in Wipkingen. «Dort würden wir gerne etwas in Sachen nachhaltiger Mobilität machen. Allerdings ist die Frage, ob wir genügend Platz in der Tiefgarage haben», sagt Geschäftsleiter Peter Keller. Angebote der verschiedenen Marktteilnehmer würden ab Herbst geprüft. Auch für die Baugenossenschaft Zentralstrasse (BZS, rund 900 Wohnungen) käme die Finanzierung durch einen Mobilitätsanbieter am ehesten infrage. Das Angebot von Energie 360° werde die BZS daher prüfen, sagt Geschäftsführer Ulrich Nater. Bisher habe man in Sachen nachhaltige Mobilität nicht viel unternommen, so der Geschäftsführer.

Doch es gibt einen weiteren Faktor, der das Kundensegment für die «E-Kaufwägeli» des Zürcher Energieanbieters einschränkt: die Lage der Genossenschaftssiedlungen. So sagt etwa Lorenz Meng, Geschäftsleiter der gewerkschaftlichen Wohn- und Baugenossenschaft (Gewobag, rund 2000 Wohnungen in Zürich und sechs Agglomerationsgemeinden), dass Sharing-Angebote in ländlicheren Gebieten zu wenig rentieren würden, weil viele Mieter selbst noch ein Auto besitzen. Die Gewobag wollte Mobility bei einer Siedlung in der Agglomeration zwei Parkplätze zur Verfügung stellen. «Doch wir haben eine Absage bekommen», so Meng.