Zürich

Mieter wehren sich gegen Massenkündigung und vermuten Profitinteressen

Im Jahr 2000 zogen in der Neubausiedlung «Züri50» die ersten Mieter ein. Es war der Anfang von Neu Oerlikon. Jetzt droht fast allen der Rausschmiss.

Im Jahr 2000 zogen in der Neubausiedlung «Züri50» die ersten Mieter ein. Es war der Anfang von Neu Oerlikon. Jetzt droht fast allen der Rausschmiss.

83 von 102 Mietparteien einer Neubausiedlung in Neu-Oerlikon wurde gekündigt– angeblich wegen Sanierungsarbeiten an den Gipsdecken. Diese müssten eigentlich laufend erledigt werden. Die Mieter wehren sich gegen die Kündigungen.

Heinrich Engel zählt zu den Pionieren von Neu Oerlikon: Im Jahr 2000 zog er in die Siedlung «Züri50» ein. «Rundum war Wüste, Baustellen und Industriebrachen», erinnert er sich. Der neue Stadtteil auf den alten Industriearealen von ABB und Bührle im Norden Zürichs entstand erst allmählich. «Bis 2006 wurde hier immer gebaut. Das Quartier entwickelte sich. Viele Mieter sind seit über zehn Jahren hier», sagt Engel. Inzwischen seien sie eine Gemeinschaft: «Man hilft einander. Wenn jemand verreist, werden die Blumen gegossen.»

Petra Buller zog 2006 ein. Sie gründete in der Siedlung «Züri50» eine Familie. Erlebte, wie immer mehr Familien zuzogen, Kinderkrippen eröffnet wurden und aufgrund der Initiative von Familien auf dem Oerliker Platz vor ihrer Siedlung ein grosser Spielplatz entstand. Ihre Tochter kommt diesen Sommer in den Kindergarten. «Wir sind hier sozial vernetzt», sagt Petra Buller. «Wenns mal eng wird, hilft man sich für ein, zwei Stunden mit Kinderhüten.»

Das Netz droht nun zu reissen: Im Februar 2014 erhielten 83 von 102 Mietparteien der Neubausiedlung die Kündigung per Ende September. Als Grund gab der Vermieter – die Firma Wincasa – eine «dringende Sanierung der Gipsdecken in sämtlichen Wohnungen» an. Sie könne nicht in Anwesenheit der Mietparteien durchgeführt werden, hiess es im Kündigungsschreiben.

Die Mieter wundern sich: Schäden an der rund einen Zentimeter dicken Gipsdecke und andere Baumängel seien bislang von Fall zu Fall behoben worden. Petra Buller etwa hatte mit Wincasa bereits schriftlich vereinbart, dass die schadhafte Gipsdecke in ihrer Wohnung im August saniert würde – und legte extra ihre Ferien auf diesen Zeitraum. Die Schäden seien kaum sichtbar gewesen, bis der Vermieter nach einer Inspektion den Gips an den schadhaften Stellen entfernte.

Die Mieter nehmen den Rausschmiss nicht einfach hin: «Fast alle betroffenen Mietparteien haben die Kündigung angefochten», sagte Felicitas Huggenberger, Geschäftsleiterin des Mieterverbandes Zürich, gestern an einer Medienorientierung.

Die Massenkündigung sei in mehrfacher Hinsicht merkwürdig: zum einen, da die Schäden seit 2008 laufend behoben worden seien, ohne dass deswegen Kündigungen nötig gewesen wären. Ungewöhnlich ist laut Huggenberger auch, dass es in einer Neubausiedlung wegen Sanierungsbedarf zu einer Massenkündigung kommt. Ansonsten sei dies eher in Altbauten der Fall.

Ihr Fazit: «So einen krassen Fall hatten wir noch nie.» Als möglichen Hintergrund vermutet die Mieterverbands-Chefin, dass die Wohnungen nach der Sanierung teurer neu vermietet werden sollen. Eine 4,5-Zimmer-Wohnung kostet heute in der Siedlung «Züri50» rund 2500 Franken pro Monat.

Die Forderung seitens der Mieter und des Mieterverbandes ist klar: «Wir verlangen den Rückzug der Kündigung. Die Mieter wären selbstverständlich kooperativ, sodass die Mängel behoben werden könnten», sagt Huggenberger.

Ob Wincasa darauf eingeht, ist offen. «Zu laufenden Verfahren nimmt Wincasa keine Stellung», heisst es auf Anfrage bei der Pressestelle des Immobilien-Dienstleisters. Auch zu den Mietpreisen nach der Sanierung könne man keine Angaben machen. Nur so viel: Die Wohnliegenschaft «Züri50» gehöre der Pensionskasse der Credit Suisse und werde von der Wincasa bewirtschaftet. «Im Rahmen einer verantwortungsvollen Bewirtschaftung im Sinne der Versicherten ist die Liegenschaft langfristig zu erhalten.»

Einblick in Gutachten verweigert

Ein Gutachten habe ergeben, dass «zeitnahe», umfassende Sanierungen aller noch nicht sanierten Wohnungen nötig seien, um die Bausubstanz zu erhalten. Der Umfang der Arbeiten lasse weder eine Etappierung noch eine zeitnahe Sanierung in bewohntem Zustand zu. Deshalb sei die Kündigung bei den 83 noch nicht sanierten Wohnungen notwendig.

Den Mietern gewährte Wincasa laut Huggenberger trotz mehrfacher Nachfrage keinen Einblick in das Gutachten. Der Streit ist jetzt bei der Zürcher Schlichtungsbehörde für Mietangelegenheiten hängig.

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