Kürzlich rief BBC abends zu Hause bei Michael Herzig an. Der britische Sender erkundigte sich nach dem Zürcher Strichplatz, der am kommenden Montag in Betrieb geht. Auch diverse andere ausländische Medien kontaktierten dieser Tage den Chefbeamten des Stadtzürcher Sozialdepartements, der neu auch Strichplatzchef ist.

«Das Interesse ist wahnsinnig. Dabei ist es nicht der erste Strichplatz auf der Welt», sagt Herzig. «Plötzlich merkt das Ausland, dass man in der Schweiz auch Sex hat» - während das Klischeebild Helvetiens eher langweilig sei, geprägt von Sauberkeit, vielleicht etwas Korruption, mindestens Geldgier.

Auch hiesige Medien griffen die bevorstehende Schweizer Premiere in Sachen Prostitution lustvoll auf: Als «staatlichen Puffbetreiber» beschrieb die «SonntagsZeitung» Herzig. «Die Stadt Zürich ist jetzt auch Zuhälter», meldete «Blick am Abend». Im privaten Umfeld bekam der Strichplatzchef ähnliche Sprüche zu hören.

«Staatlicher Puffbetreiber? Das ist nicht ganz falsch», sagt er. «Aber eigentlich steckt dahinter die Frage: Wie gehts Dir dabei?» Er versuche, die Diskussion in solchen Situationen jeweils auf eine sachliche Ebene zu lenken. Doch das Klischee vom grauen Beamtentum weist er von sich: «Im Beruf muss Adrenalin fliessen, sonst wirds langweilig.»

Parallelen zur Drogenpolitik

Herzig wuchs in Rüdtligen-Alchenflüh am Rande des Emmentals auf. Dort, wo die Autobahn A 1 über die Emme und die Schnellbahnstrecke unter dem Fluss hindurch führt. Die Herkunft aus einem ländlichen Milieu, in dem die SVP den Ton angibt, habe ihm geholfen, als er 1998 seine Arbeit im Stadtzürcher Sozialdepartement als Drogenbeauftragter begann.

«Die Fronten in der Drogenpolitik waren verhärtet», erinnert er sich. Die Stadt Zürich habe ihn damals auch eingestellt, weil er nicht aus dem «drogenpolitischen Kuchen» gekommen sei - und weil er aus einem Studentenjob beim Bundesamt für Sozialversicherungen Erfahrungen in politischer Kommunikation mitbrachte.

Inzwischen gibt die Drogenpolitik in Zürich kaum noch Anlass zu Streitereien. Zur Entspannung trug Herzig einiges bei. Zum Beispiel, indem er gemeinsame Weiterbildungen für Polizisten und Sozialarbeiter lancierte.

Heute kann der 48-Jährige darauf aufbauen, wenn es um die Lösung jenes Problems geht, das oft mit dem Drogenelend der 1990er-Jahre verglichen wurde: das Ausufern der Strassenprostitution am Zürcher Sihlquai infolge der Zuwanderung zahlreicher Sexarbeiterinnen aus Osteuropa in den letzten Jahren.

Herzig sieht durchaus Parallelen zwischen Zürichs Drogenpolitik vor 15 Jahren und dem Umgang mit der Prostitution heute: «In beiden Fällen managen wir etwas, obwohl wir wissen, dass es keine Ideallösung gibt.» Es gehe um Schadensminderung - für die Prostituierten und die Bevölkerung.

«Prostitution ist ein Geschäft, zumeist aus Armut mangels anderer Verdienstmöglichkeiten geboren», sagt Herzig im Hinblick auf die Sexarbeiterinnen aus Osteuropa. «Das hat nichts Erotisches. Ich finde Armut überhaupt nicht erotisch.»

Mit dem Strichplatz, auf dem die Prostituierten in einem geschützten Rahmen anschaffen können, wolle die Stadt die Ausbeutungsverhältnisse zumindest entschärfen. «Ich weiss aber, dass wir die Ausbeutung damit nicht zum Verschwinden bringen», sagt Herzig.

Prostituierte müssten den Zuhältern wohl weiterhin einen Grossteil ihrer Einnahmen abgeben. Und an ihren oft überteuerten Appartements würden wie bisher die Vermieter - oft Schweizer - verdienen.

Herzig räumt ein, dass er als Strichplatzchef Zuhältern nicht gänzlich das Handwerk legen könne. Diese dürften auch künftig an der Prostitution mitverdienen. Aber mit dem Strichplatz liessen sich - so hoffen die städtischen Verantwortlichen - die Arbeitsbedingungen der Prostituierten verbessern.

Dazu beitragen sollen die Beratungsstelle auf dem Platz, das Sicherheitspersonal sowie die Dusche, Umkleide- und Kochmöglichkeiten, die den Prostituierten im Container der Beratungsstelle zur Verfügung stehen.

Aufgrund der Kontrolle durch städtisches Personal und des Platzverbots für Zuhälter verringere sich zudem deren Einfluss. Herzig ist überzeugt: «Wenn der Staat den Strich nicht reguliert, regulieren ihn die Zuhälter. Die Nachfrage ist da. Die Alternative zum Strichplatz ist der Schwarzmarkt. Und der funktioniert immer zulasten der Sexarbeiterinnen.»

Zwischen Beamtenwelt und Milieu

In seiner Freizeit ist Herzig, der im Zürcher Langstrassenquartier in einer Wohngemeinschaft lebt, auch Punkrocker und Krimiautor. Sein neuster Krimi ist nahezu fertig und soll kommenden Frühling erscheinen. «Es geht darin um die berühmte Trennlinie zwischen Gut und Böse, zwischen Polizisten und Kriminellen, um verdeckte Ermittlung, das Wechseln der Seite, auf der man steht», verrät der Autor.

Besagte Trennlinie ist manchmal dünn, gerade wenn man sich, wie Herzig, beruflich mit gesellschaftlichen Randthemen befasst. Doch die Spannung zwischen der Beamtenwelt, Sex- und Drogenmilieu sei für ihn spannend, sagt er. «Wenn ich den ganzen Tag in Anzügen von einer Sitzung zur anderen müsste, wäre das definitiv nicht meine Welt.»

Am Samstag, 11-15 Uhr, findet auf dem Strichplatz am Depotweg in Zürich Altstetten ein Tag der offenen Tür für die Quartierbevölkerung statt. Verantwortliche des Stadtzürcher Sozial-, Polizei- und Gesundheitsdepartements werden auf dem Platz Fragen beantworten. Eröffnet wird der Strichplatz am Montag um 19 Uhr.