Universität Zürich
Michael Hengartner: «Es geht um Vertragswürdigkeit von Schweizer Institutionen»

Der Uni-Rektor über Digitalisierung, EU-Beziehungen und Baupläne.

Matthias Scharrer
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Uni-Rektor Michael Hengartner: «Mit einem Ja zur Selbstbestimmungsinitiative würde es für uns schwieriger.» Chris Iseli

Uni-Rektor Michael Hengartner: «Mit einem Ja zur Selbstbestimmungsinitiative würde es für uns schwieriger.» Chris Iseli

Chris Iseli

Herr Hengartner, wir leben in Zeiten von rasantem Wandel: Die digitale Revolution stellt vieles auf den Kopf. Was bedeutet das für die Universität Zürich? Welche Bildung brauchen wir in Zukunft noch?

Michael Hengartner: Wir nehmen an, dass man in Zukunft noch flexibler unterwegs sein und ständig dazulernen muss. Das heisst, dass wir nebst fundiertem Fachwissen noch viel mehr sicherstellen müssen, dass unsere Absolventinnen und Absolventen die entsprechenden Skills entwickeln: Teamarbeit, analytisches und kritisches Denken, wirksame Kommunikation. Der Wissensdurst muss immer erhalten bleiben. Wir müssen in Zukunft ständig weiter lernen: Nach dem Abschluss ist vor dem Abschluss, nach der Bildung ist vor der Bildung. Das bedingt auch eine andere Art von Lehre, in der wir weniger Inhalte präsentieren, sondern vermehrt Fragen stellen und mit den Studierenden diskutieren, wie man diesen Fragen begegnen kann.

Bringt das eine veränderte Fächer-Ausrichtung an der Uni mit sich?

Es wird immer Fachwissen brauchen. Wir werden neue Fächerkombinationen anbieten, zum Beispiel mit Datenwissenschaften. Wenn Sie etwa Linguistik studieren, arbeiten Sie heute mit riesigen Datensätzen, die Sie elektronisch durchsuchen können. Wir müssen uns überlegen, wie wir das digitale Denken, auch die künstliche Intelligenz, schon auf Bachelor-Stufe ins Studium einbringen.

Wie bringen Sie es ein?

Die einfachste Möglichkeit ist, dass wir ein Nebenfach «Data Sciences/Machine Learning» anbieten. Das bauen wir derzeit auf. Auf Master-Stufe setzen wir immer mehr auf interdisziplinäre Studiengänge wie zum Beispiel «Nachhaltige Finanzwissenschaft». Es geht darum, Studierende und Dozierende aus verschiedenen Fachgebieten zusammenzubringen.

Der neuste UZH-Jahresbericht, der gerade im Kantonsrat behandelt wurde, zeigt, dass die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer wachsen. Kann die Uni Zürich die zunehmende Nachfrage in diesen zukunftsträchtigen sogenannten Mint-Fächern befriedigen?

Das ist eine der grossen Herausforderungen. Wir schaffen zum Beispiel neue Professuren in diesen Gebieten. Besonders hilfreich ist auch unsere sehr erfolgreiche Drittmittelakquise, etwa vom Nationalfonds oder vom European Research Council, von dem wir für hervorragende Projekte mehrere Millionen von der Europäischen Union (EU) erhalten. Aber langfristig müssen wir sicher mehr Eigenmittel investieren, wenn die Entwicklung so weitergeht. Denn wir riskieren, in eine zu starke Abhängigkeit von Drittmitteln, deren Zukunft immer ungewiss ist, zu geraten. Daher verfolgen wir auch sehr genau, wie es mit den Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU weitergeht.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 geriet die UZH diesbezüglich in Schwierigkeiten. Wie sieht es heute aus?

Wir haben die Ambition, in Forschung und Innovation einen Spitzenplatz einzunehmen. Dafür ist die internationale Zusammenarbeit essenziell. Und zwei Drittel unserer internationalen Zusammenarbeit finden mit Forschungsgruppen aus dem EU-Raum statt. Gute und stabile Beziehungen zur EU sind für uns daher sehr wichtig.

Funktioniert das jetzt in ausreichendem Ausmass?

Wir sind zurzeit wieder voll assoziiert mit dem EU-Programm Horizon 2020. Die fehlende Assoziierung im Jahr 2014 hat aber langfristigen Schaden angerichtet. Wir konnten damals nach acht Monaten durch Verhandlungen zunächst wieder eine Teilassoziierung erreichen, ab 2016 waren wir wieder voll dabei. Dies läuft aber 2020 aus. Fürs nächste Siebenjahresprogramm müssen wir wieder verhandeln. Im jetzigen Umfeld – Stichworte: Rahmenabkommen, Selbstbestimmungsinitiative, Brexit – ist es mehr als ungewiss, wie sich das entwickelt.

Inwiefern könnte die Selbstbestimmungsinitiative für die internationale Vernetzung der Uni Zürich zum Problem werden?

Sie würde die Rechtssicherheit infrage stellen. Es geht also auch um die Vertragswürdigkeit von Schweizer Institutionen. Unsicherheit schadet dem Forschungsstandort. Mit einem Ja zur Selbstbestimmungsinitiative würde es für uns schwieriger.

Zurück zur Fächer-Ausrichtung der Universität Zürich. Die Ressourcen sind beschränkt. Wenn die Mint-Fächer wachsen, werden Sie bei anderen Fächern Abstriche machen müssen. Wo?

Wenn Sie die Studierendenzahlen anschauen, sehen Sie, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften moderat schrumpfen. Dies hat mit dazu geführt, dass wir dort allmählich gute Betreuungsverhältnisse haben. Wir haben null Interesse, irgendwelche Fächer zu streichen. Was es aber immer wieder gibt, sind Neuausrichtungen von Professuren. So wird das Thema Digitalisierung auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften immer wichtiger.

Wird man, überspitzt gesagt, in Zukunft Latein studieren und dabei digitalisiert arbeiten?

Das geschieht heute schon. Eine unserer Professorinnen unterhält beispielsweise eine Datenbank aller lateinischen Inschriften. Auch Archäologie wäre ohne moderne Technologie heute undenkbar.

Droht demnach kein Abbau in den Geisteswissenschaften, die ja immer noch am meisten Studierende haben?

Nein, im Gegenteil. Entwicklungspotenzial sehen wir fast überall.

Wegen des Wachstums hat die UZH grosse Baupläne: Im Zentrum und am Irchel stehen Milliardeninvestitionen an. Wie finanziert die Uni das?

Jedes einzelne dieser Bauprojekte ist in einem vernünftigen Rahmen, aber durchaus beachtlich. Erst letzte Woche haben wir das Siegerprojekt für das «Forum UZH» im Wässerwies-Areal ernannt ...

... wo die Stararchitekten Herzog & de Meuron zum Zug kommen, was auch nicht gerade günstig sein dürfte ...

Es ist günstiger als ursprünglich geplant. Und es ist aus unserer Sicht das beste Projekt. Es wird mehrere hundert Million Franken kosten. Die Finanzierung unserer Bauten läuft im Grundsatz über den Kanton. Die Frage ist: Wie können wir die Spitzen abfedern, wenn wir gleichzeitig Grossprojekte im Irchel und im Zentrum realisieren? Darüber sind wir in Diskussionen mit der Politik. Langfristig ist es aber so, dass Nicht-Bauen teurer ist als Bauen. Wir sind zurzeit in Dutzenden Liegenschaften verstreut, darunter auch historische Villen, die für die universitäre Nutzung nicht optimal geeignet sind. Das verursacht hohe Unterhaltskosten. Langfristig ist es viel besser, wenn wir uns räumlich konzentrieren. Das ermöglicht auch bessere Interaktionen zwischen unterschiedlichen Forschenden und Studierenden.

Es gibt bereits Einsprachen. Wann rechnen Sie damit, dass Sie das «Forum UZH» einweihen können?

Wenn alles gut geht, hoffen wir, 2027.