Manchmal wacht Meta Hiltebrand aus dem Schlaf auf, greift zum Stift und notiert einen Gedanken. Wenn die 30-Jährige nachts im Bett liegt, kocht ihr Unterbewusstsein weiter. Die kulinarische Ideenmaschine kennt keinen Standby-Modus. Eines der unzähligen Resultate steht in einer kleinen Karaffe auf dem Tisch: Olivenöl, in dem Kaffeebohnen und eine Vanilleschote schwimmen.

Metas Kochkunst lebt von ihrer unbezähmbaren Kombinationslust. «Ich würde nie einen Gurkensalat mit Dill servieren», sagt sie. Allein der Gedanke daran scheint sie zu langweilen. «Dafür Entenleber mit Schoggikuchen.» Wo für andere die kulinarische Weltordnung zusammenbricht, sieht Hiltebrand Potenzial für ein neues Gericht. Plopp, schon ist es geboren, das Nektarinen-Wasabi-Risotto.

Dass sie kochen konnte, stellte Meta Hiltebrand während ihrer Lehre in einer Hotelküche unter Beweis. Fernsehköchin wurde sie per Zufall. Eine Kochshow diverser Schweizer Privatsender suchte einen neuen Gastgeber. Der Freund ihrer Schwester fand: Probiert doch mal Meta aus. Die Sache funktionierte, bloss interessierte sich niemand für die junge Frau mit den langen blonden Haaren, die in der ausladenen Kochschürze wie eine Stiftin im ersten Lehrjahr aussah.

Dem Problem nahm sich Metas Schwester an, eine Werberin. Sie ordnete an, dass die Haare geschnitten und orange gefärbt gehören, eine Farbe, die den Appetit anrege, sagt Meta. Dazu komplementär eine fliederfarbene Kochbluse, tailliert. Die Marke Meta war geboren, und plötzlich war Hiltebrand in aller Munde. Egal, was Meta macht, ihre Schwester Sarah unterstützt und berät sie: «Ich bin wohl ihr bisher erfolgreichstes Produkt», sagt Meta völlig ohne Ironie.

Während dreieinhalb Jahren drehte Meta ihre Sendung, die landauf landab auf Privatsendern zu sehen war. Daneben tourte sie als Störköchin durchs Land. Mal für Geld, mal für Gottes Lohn, etwa wenn sie für die Eröffnung eines Tierwaisenhauses kochte. Die Marke Meta wurde bekannt und erfolgreich. Nur eines fehlte: ein eigener kulinarischer Heimathafen.

In einem Zeitungsporträt liess Hiltebrand vor drei Jahren durchblicken, dass sie gerne ein Restaurant im Zürcher Kreis 4 hätte, ein kleines, überschaubares. Als der Text am Sonntagmorgen erschien, klingelte bei ihr noch vor dem ersten Kaffee das Telefon und ein Hausbesitzer bot ihr die Kutscherhalle an - «toll, aber ich hatte kein Geld».

Der Eigentümer der Liegenschaft stellte sie als Geschäftsführerin an, ein Jahr später kaufte sie ihm den Betrieb ab. Auf die blöde Frage, ob das Restaurant laufe, kommt die Antwort: «Wir sind jeden Abend voll.» Ein paar Minuten davor hat Hiltebrand am Telefon gerade einen Tisch zweimal verkauft, unter der Bedingung, dass die Gäste um Viertel vor Acht wieder weg sind. Für einen Stammgast ohne Reservation fürs Mittagessen fand ihr Mitarbeiter kurz zuvor ein letztes Plätzchen.

In der gut einsehbaren Küche geht derweil die Post ab, während Meta an einem der Tische Red' und Antwort steht. Mittagsmenus huschen vorbei. Die Crevette mit Zackenbarsch und Rauchlachs auf Randengnocchi mit Chutney. Die Pouletschenkel auf Couscous mit Mango-Sauerrahm. Das Rindsfilet auf Brathärdöpfeln mit Bärlauchpesto und Trüffelrotweinjus. Der dieser Speisenführte aus Metas Vorstellungskraft auf die Tische ihrer Gäste.

Am 7. November setzt Hiltebrand zum nächsten Sprung an. Dann übernimmt sie zusätzlich das «Le Chef», unweit der Kutscherhalle. «Früher war ich dort Stammgast», schwärmt sie. Der Besitzer, der im Dezember verstorbene Gastrofürst Fred Tschanz, hätte es ihr gerne schon zu Lebzeiten überlassen. Nun wird der Mann, von dem Meta sagt, sie habe ihn vergöttert, den Moment nicht mehr erleben.

Künftig wird der zierliche Chef mit den orangen Haaren zwei Lokale ihr eigen nennen. Ob das gut geht? «Ja», findet Meta, «mein Team ist top.» Und schliesslich habe man ihr auch immer Chancen gegeben, sich selbstständig zu beweisen, also müsse sie ihre Leute nicht bemuttern.

Und worin unterscheiden sich die beiden Lokale künftig? «Das Le Chef wird sicher etwas chicer, gehobener. Die Kutscherhalle bleibt ein unkomplizierter Ort, wo sich alle zu Hause fühlen», sagt Meta. Die Küche wird sich ähneln. «Es wird aber im Le Chef auch eine Fred-Tschanz-Karte geben», mit den Lieblingsgerichten des alten Patrons. «Kalbskotelette, Kutteln, Zunge, Caramelköpfli.» Ein Konterpunkt zur bunten Marktküche, die Hiltebrand sonst pflegt.

Für die Eröffnung sei alles bereit, sagt Meta. Am mühsamsten seien die Aussendienstler, klagt sie: «An dem Tag, als der Handelsregistereintrag des neuen Le Chef drin war, stürmten Vertreter die Kutscherhalle.» Sie versuchten, ihr alles Mögliche anzudrehen. Dabei war das meiste schon da, das Le Chef war ein funktionierendes Restaurant. Gut, ein paar Dinge fehlten nach ihrem Geschmack, Fläschchen für ihre aromatisierten Olivenöle, zum Beispiel.

Und was kommt als nächstes, wenn ihr dereinst beide Lokale zu klein sind? «Kinder», sagt sie, «kein Witz.» Langsam aber sicher sehne sie sich nach einer Familie, zusammen mit ihrem Freund, einem Werbefotografen. «Früher hätte ich mir das nie vorstellen können», sagt Meta, «da wollte ich nur eines: Kochen.»