Sie scheinen den Zeitgeist getroffen zu haben mit ihrer rasant wachsenden Messe (siehe Box). Hersteller und Sammler stellen dort «Sneakers» aus für «Sneaker-Freaks», die dem «Sneaker-Kult» huldigen. Ältere Semester dürften sich ratlos am Kopf kratzen – dabei geht es um nichts anderes als um Turnschuhe. Haben wir etwas verpasst?

Sergio Muster: Mein Vater dachte erst auch, ich ziehe eine Sportmesse auf, als ich von Turnschuhen redete. Aber die grossen Marken haben aus diesen Schuhen längst einen Lifestyleartikel gemacht. Sie begannen, Stoffe und Farben zu mischen und entfernten sich immer mehr vom ursprünglichen Zweck, dem Turnen. Es gibt heute sogar Sneakers aus Wolle. Die Nachfrage ist so gross, wie ich es in den letzten 15 Jahren noch nie erlebt habe. Früher trugen modebewusste Leute, nur Lederschuhe. Jetzt tragen plötzlich alle Sneakers.

Gelte ich als Ewiggestriger, wenn ich an der Messe nach Turnschuhen frage?

Nein, ich sage auch ab und zu Turnschuh. Sneaker heisst ja nichts anderes als Schleicher, wegen der leisen Sohlen.

Wie sind Sie dazu gekommen, ein solches Tamtam darum zu veranstalten?

Ich begann vor etwa 15 Jahren als Gymnasiast, Turnschuhe zu sammeln, weil damals die ganzen Gangsterrapper solche trugen. Vor allem der «Nike Air Force One» – etwas vom Simpelsten, was es gibt, weiss auf weiss – der wurde zum Kultobjekt. Wenn man in der Szene dabei sein wollte, musste man ein Paar davon haben.

Aber es blieb nicht bei einem Paar?

Nein. Der Geruch eines neuen Paars Turnschuhe, wenn man die Schachtel öffnet – das machte mich einfach an. Da machte es tick, und ich dachte: Ich brauche mehr, mehr, mehr. Inzwischen habe ich 800 Paar Turnschuhe daheim.

800? Das sind ja mehr, als man in einem Leben durchlatschen kann.

Man kann nie genug haben (lacht). Aber es stimmt schon, ich kann nur hoffen, dass ich mal einen Sohn habe. Oder eine Tochter mit grossen Füssen.

Und sonst? Wozu all diese Schuhe?

Manchmal kaufe ich gezielt mehrere Paare vom gleichen Modell, um sie später als Sammlerstück weiterzuverkaufen. Die bunkere ich in der Zwischenzeit bei meinen Eltern. Oder in der Stube, im Keller, im Estrich. Ich weiss selbst nicht mehr, wo überall.

Bleibt da noch Platz zum Wohnen?

Ja, ich habe sie in Boxen gepackt, und kann sie so bis unter die Decke stapeln.

Gibt es Turnschuh-Geschichten, die sogar Sie verrückt finden?

Ich war mal bei DJ Clark Kent in Brooklyn eingeladen, dem Entdecker des Rappers Jay Z. Der hatte etwa 5000 Turnschuhe. Das hält man im Kopf nicht aus, wenn man so was sieht. In seinem Lager im Keller hatte es eine Wand Turnschuhe und davor nochmals eine Wand Turnschuhe. Etwa 2000 Paar hat er später Obdachlosen gespendet, nach dem Hurrikan Katrina.

Und hier in der Schweiz?

Es gibt zurzeit einen solchen Hype, dass die jüngere Garde relativ viel Geld liegen lässt. Da gibt es einen Schuh, ein limitiertes Modell, das der Rapper Kanye West mit Nike gemacht hat. Dafür haben manche Leute zwei Wochen vor dem Laden campiert. Ich habe gehört, dass an einer unserer Messen ein Paar davon zum Verkauf stand, für etwa 1500 Franken. Da hat ein Standnachbar zugegriffen – und es eine Stunde später einem Kiddie für 2500 Franken weiterverkauft.

Kann es auch noch teurer werden?

Ja, was es an der diesjährigen Messe sicher geben wird, ist ein «Air Mag» von Nike. Das ist der Schuh, den Michael J. Fox im Film «Back to the Future» trug. Davon wurden vor zwei Jahren ganz wenige für einen wohltätigen Zweck versteigert. So einen könnte man für etwa 5000 Franken kaufen.

Warum sollte man das tun?

Nostalgie und Sammelleidenschaft. Das ist wie mit einer Flasche Wein für 5000 Franken. Da hast du auch nur eine Stunde Freude daran, dann ist sie weg.

Ziehen solche Preise keine Betrüger an?

Doch, es gibt Fälschungen en masse, vor allem aus Asien. Die sind zum Teil extrem gut gemacht. Das ist ein grosses Geschäft. Man kauft ein Paar für zehn Franken und verkauft es für 150 Franken. Wir haben deshalb extra zwei Detektive an der Messe, die wissen, worauf sie achten müssen. Und wenn am Tisch eines Sammler Fälschungen entdeckt werden, spricht sich das extrem schnell herum. Dann geht die Post ab.

Gibt es Dinge, die gar nicht gehen?

Nur etwas: einen Schuh nicht zu tragen. Aber das sage ich auch erst seit kurzem.

Früher haben Sie sie nicht angezogen?

Nein, da hatte ich sie noch in einer Vitrine in der Stube. Heute ziehe ich selbst die allerteuersten an und gehe damit zum Beispiel an ein Festival. Die Kiddies haben manchmal fast einen Herzstillstand, wenn sie das sehen: «Spinnst du? Du trägst den Air Easy, der ist doch fast 2000 Franken wert, und es ist schlammig hier und es regnet.» Dann sage ich nur: «Es sind ein paar Turnschuhe, beruhig dich.»