Armut

Mehr Spenden im Coronajahr: «Die Solidarität wächst»

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich: "Die Lage hat sich zugespitzt."

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich: "Die Lage hat sich zugespitzt."

Die Coronakrise verschärft die Lage von Armutsbetroffenen. Gleichzeitig stellt Max Elmiger, Direktor von Caritas Zürich, fest: Die Spendenbereitschaft hat zugenommen. Wer sich im Homeoffice privilegiert fühle, sei eher bereit, etwas abzugeben.

Im Zürcher Volkshaus fand am Mittwoch das 14. Zürcher Armutsforum statt. Unter dem Titel «Prekäre Arbeit – wenn der Job die Existenz nicht sichert» diskutierten und referierten an der Caritas-Veranstaltung Fachleute und Politiker über aktuelle Fragen rund um das Thema Armut. Max Elmiger, seit 2006 Direktor des Hilfswerks Caritas Zürich, nimmt Stellung dazu.

Das Armutsforum der Caritas Zürich steht dieses Jahr im Zeichen von Corona. Wie verändert Corona die Situation der Armen hierzulande?

Max Elmiger: Corona ist punkto Armut wie Hefe, die etwas auftreiben lässt, was schon da war. Wenn Working Poor, die bereits vor der Coronakrise tiefe Löhne hatten, wegen Kurzarbeit nur noch 80 Prozent ihres Lohns erhalten, wirkt sich das brutal aus. Sie können beispielsweise die Miete und die Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen und geraten in existenzielle Nöte.

Wer ist davon vor allem betroffen?

Es trifft insbesondere Leute, die Arbeit auf Abruf leisten, etwa in der Reinigungs- und Gastrobranche, auch in Kurierdiensten und im Verkauf – also auch systemrelevante Berufe. Die Lage hat sich zugespitzt.

Wie viele Leute sind betroffen?

Das ist schwer zu sagen, da Working Poor kaum zu erfassen sind. Wir unterstützen ja die Mindestlohninitiative, die in den Städten Zürich, Winterthur und Kloten Stundenlöhne von mindestens 23 Franken fordert. Nur schon in der Stadt Zürich verdienen mindestens 17000 Leute weniger als 23 Franken pro Stunde.

Warum zielt die Mindestlohninitiative nur auf die Städte Zürich, Winterthur und Kloten?

Es ist vor allem ein städtisches Problem. Wir setzen dort an, wo wir politisch etwas verändern können.

Wie weit sind die Initianten mit der Unterschriftensammlung?

Die Unterschriftensammlung ist in der Endphase. Ich gehe davon aus, dass die Initiativen zustande kommen. Treibende Kraft ist vor allem die SP, aber auch Gewerkschaften und Hilfswerke.

Kann man auf kommunaler Ebene Mindestlöhne durchsetzen?

Wir gehen davon aus, dass das möglich ist. Entsprechende Rechtsgutachten wurden im Vorfeld der Initiative erstellt. Bis jetzt gibt es hierzulande Mindestlöhne in den Kantonen Neuenburg und Jura.

Wie wirkt sich Corona auf die Solidarität mit Armen aus?

Es ist nicht gerade ein Tsunami-Effekt, aber die Solidarität wächst. Das zeigt sich am Spendenaufkommen und hat wohl auch mit dem Homeoffice zu tun. Viele betrachten dieses als Privileg und spenden etwas für diejenigen, die trotz Corona "draussen" arbeiten müssen - vielleicht auch, weil sie jetzt nicht in die Ferien können und so Geld sparen. Genaue Zahlen kann ich noch nicht nennen, aber das Spendenaufkommen ist um einiges besser als letztes Jahr.

Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Ich sehe auch gesellschaftlich-politischen Handlungsbedarf. Manche Branchen leiden enorm, zum Beispiel das Sexgewerbe. Oft ist das auch gekoppelt mit ausländerrechtlichen Problemen. Sans Papiers sind ebenfalls betroffen. Und Ausländer mit B-Bewilligung riskieren, dass sie ausgewiesen werden, wenn sie Sozialhilfe beziehen. Das trifft Leute, die sich jahrelang nie etwas zuschulden kommen liessen und nun plötzlich ihren Aufenthaltsstatus gefährdet sehen.

Ist Armut im Zusammenhang mit der Coronakrise demnach grossteils ein Ausländerproblem?

Nicht nur. Unter den Working Poor sind auch viele Schweizer, etwa aus der Kreativbranche.

Was bleibt zu tun?

Die Schweiz hat bis jetzt die Coronakrise gesellschaftlich-politisch sehr gut gestemmt. Städte, Gemeinden und Kantone haben schnell reagiert und unkompliziert geholfen. Das Zusammenspiel mit Hilfswerken und Privaten war vorbildlich. Mittelfristig braucht es aber eine Aufarbeitung, um zu sehen, wo es nicht so gut geklappt hat. Es geht dabei um Mindestlöhne, Sicherheit für selbstständig Erwerbende und die Entkoppelung der Sozialhilfe vom Aufenthaltsstatus von Ausländern.

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