Zürich
Mehr Altlasten im Greifensee als bisher geglaubt

Der Kanton hat mehrere zusätzliche belastete Standorte im Zürichsee und im Greifensee ins Altlastenkataster aufgenommen.

Christian Dietz-Saluz
Merken
Drucken
Teilen
Mit Rammkolben holen die Forscher Sedimentproben vom Seegrund, die auf Schadstoffe untersucht werden.

Mit Rammkolben holen die Forscher Sedimentproben vom Seegrund, die auf Schadstoffe untersucht werden.

CH Media

Vor den Ufern von Stäfa, Männedorf, Wädenswil und Horgen lagern schwer verschmutzte Sedimente. Damit verdoppelt sich die Anzahl belasteter Standorte im Zürichsee. Auch der Greifensee ist neu in diesem Kataster enthalten.

Von Uetikon, Thalwil, Horgen und Richterswil wusste man Bescheid. Dort haben die Chemische Fabrik, das Gaswerk, die Papierfabrik, ein Gummiwerk und eine Kattundruckerei ihre industriellen Abfallspuren hinterlassen. Alle diese Betriebe gibt es längst nicht mehr. Doch die Schadstoffe liegen noch weit vor den Ufern im Seegrund versteckt, unterdessen bedeckt von natürlichen Sedimenten. Irgendwann müssen diese Altlasten gehoben und entsorgt werden.

Die Erfahrungen aus den dortigen Untersuchungen führten zum Entschluss des kantonalen Amts für Wasser, Energie und Luft (Awel), die drei grossen Zürcher Seen – Zürichsee, Greifensee und Pfäffikersee – systematisch auf weitere Belastungen zu untersuchen. Das Projekt «Kataster der belasteten Standorte in den Zürcher Seen» war geboren. Jetzt liegt der neuste Bericht der vom Awel veröffentlichten Zürcher Umweltpraxis (ZUP) vor. Demzufolge entnahm eine Forschergruppe von 2016 bis 2019 dem Seeboden Proben – und wurde an fünf Stellen fündig: In Horgen-Käpfnach, Wädenswil, Männedorf, Stäfa und in Uster am Greifensee.

Auffällige Konzentration an Schadstoffen

Die Suche verlief vor allem nach einer Strategie. Wo schon das Land am Ufer belastet ist, führt oft eine direkte Spur in den See durch Ableitungen betrieblicher Abwässer oder Abfälle. Dort ist die Wahrscheinlichkeit für Belastungen im See erhöht. Auch die Topografie des Seebodens erlaubt Rückschlüsse auf Einleitungen und Ablagerungen sowie Rutschungen, heisst es im aktuellen ZUP. Der eigentliche Nachweis erfolgte aber durch die gezielte Probenahme von See-Sedimenten in verschiedenen Tiefen. Dies geschah vor allem mit der Rammkolben-Methode, bei der mit einem Bohrgerät bis zu mehrere Meter lange Sedimentprofile aus der Tiefe geholt und die Inhalte analysiert werden.

Wann ein Standort in den Kataster belasteter Standorte kommt

Allerdings musste zuerst festgelegt werden, ab welcher Konzentration von Schadstoffen eine Fundstelle auffällig genug ist, um in den Kataster belasteter Standorte eingetragen zu werden. Denn prinzipiell sind alle Seeböden aufgrund der seit Jahrhunderten bestehenden Besiedlung der Ufer und Zuflüsse belastet. Das ergibt sozusagen eine normale Hintergrundbelastung, die im Zürichsee und Greifensee gleichmässig verteilt ist. Als Faustregel wurde daher bestimmt, dass als belasteter Standort gilt, wo in den obersten 30 Zentimetern Schlick ein fünffacher Hintergrundwert von Schadstoffen entdeckt wird. Und dies muss räumlich klar abgegrenzt von der nächsten, 100 Meter weiter genommenen Probe festgestellt werden. Wurden solche auffällige Stellen gefunden, ver- dichteten die Forscher die Methode und entnahmen dem Seeboden zusätzliche Proben in einem feineren Raster. Mit diesem zweistufigen Vorgehen ergaben sich 230 Sondierstellen.

Nur bei den fünf genannten neuen Standorten im Zürichsee und Greifensee wurde der Hintergrundwert an Schadstoffen fünffach übertroffen. In Horgen-Käpfnach liegt die Fundstelle etwas seeabwärts neben der Badi. Dort wurden polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe an- getroffen, wie sie im Kohlebergbau anfallen. Vor dem Bahnhof Wädenswil ist der Seegrund mit Quecksilber belastet. In Männedorf liegen vor der Hafenanlage Höhe ARA/Almapark Ablagerungen, die mit Chrom und Zink durchsetzt sind. Vor der Krauerhaab in Stäfa (zwischen Hafen und Seekreuzung) wurden Chemikalien und Schwermetalle gefunden, wie sie in der Leder- und Textilindustrie verwendet wurden.

Die Schadstoffe können Schlüsse auf die industrielle Ver- gangenheit und Urheber zulassen. Wolfgang Bollack, Mediensprecher des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft, sagt: «In einigen Fällen sind solche Zusammenhänge zu vermuten, in anderen sind im jetzigen Zeitpunkt noch keine Zusammen- hänge ersichtlich.» Dies werde auch zum Thema der anstehenden notwendigen Voruntersuchung.

Diese belasteten Standorte im Zürichsee sind bereits bekannt

Aus früheren Abklärungen sind dem Awel bereits fünf andere Standorte im Zürichsee bekannt, welche die Kriterien für einen Eintrag ins Kataster der belasteten Standorte (KbS) erfüllen.

Aktiv wird der Kanton demnächst vor dem Fabrikareal der Chemie Uetikon. Dort müssen Schadstoffe auf einem 77 500 Quadratmeter grossen Gebiet - das entspricht gut elf Fussballfeldern - entfernt werden. Uran, Blei und Arsen sind nur einige der Stoffe, die vor der Fabrik auf dem Seegrund liegen. Vom Sommer 2021 bis in den Sommer 2023 soll die Seegrundsanierung dauern. Kosten: rund 40 Millionen Franken. Der Kanton muss 20 Prozent tragen, die restlichen 80 Prozent wird die CPH Chemie und Papier Holding AG, der Rechtsnachfolger der Chemie Uetikon, berappen. Eine Aufteilung, die darauf beruht, dass sowohl Verursacher als auch Eigentümer eines belasteten Standorts für eine Sanierung aufkommen müssen.

Konkurs als Problem

Nicht ganz so einfach ist die finanzielle Aufteilung im Fall des Papierschlamms vor der Papierfabrik Horgen. Bis heute liegt dieser auf rund 25 000 Quadratmetern am Seegrund. Gefährdet ist auch hier die Fauna im See, nicht der Mensch. Bis vor Bundesgericht versuchte die «Papiiri» zu verhindern, dass ihr ein Grossteil der Kosten überwälzt wird, nämlich 8.55 Millionen Franken. Allerdings erfolglos. Nun wurde der Konkurs über die Papierfabrik Horgen Holding AG verhängt, wie das Handelsregister vor wenigen Wochen vermeldete. Damit wird wohl die Allgemeinheit für die Sanierung aufkommen müssen.

Detaillierte Untersuchungen im See müssen noch vor dem Horn Richterswil vorgenommen werden. Dort wurden Schwermetalle wie Quecksilber und Blei im Boden und am Seegrund gefunden. Der Grund: Im Horn standen im 19. und 20. Jahrhundert mehrere Fabriken wie die Gummiwerke oder eine Kattundruckerei, wo auf Baumwollgewebe gedruckt wurde. Durch deren Abfälle und Abwässer gelangten die Schwermetalle in den Boden und in den See. Erste Massnahmen hat der Kanton bereits getroffen, konkret hat er vor vier Jahren eine 20 Zentimeter dicke Erdschicht am Ufer abgetragen und auf einer kleinen Fläche im Wasser
Gestein und Sediment vom Seegrund abgesaugt.

Länger bekannt ist auch eine erhöhte Zinnkonzentration vor Thalwil.
Es sind Spuren der früheren Tätigkeiten der Seidenfärbereien. Der Bereich wurde 2006 bis 2008 untersucht und als belasteter Standort ohne Überwachungs- oder Sanierungsbedarf eingestuft. Gemäss Beurteilung der eidgenössischen Anstalt für
Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) bilden die Belastungen keine Gefahr für die Organismen im See, den Menschen und für die Trinkwassergewinnung.

Schadstoffe nach Deutschland

Bereits vor elf Jahren durchgeführt wurde eine Altlastensanierung in Thalwil vor der Badi Bürger I. Ein rund 7000 Quadratmeter grosser Teerteppich lag dort. Verursacht hatte ihn ein Gaswerk zwischen 1898 und 1930, als der Umweltschutz noch nicht so bedeutend war. Das Werk pumpte Rückstände über eine Meteorleitung in den Zürichsee. Zwar lag der Teer auf dem Seegrund, doch die Behörden befürchteten eine Verschmutzung des Trinkwassers. Die verschmutzten Sedimente wurden im Schutz eines Stahlkastens abgesaugt. Danach wurden diese in eine Schlammentwässerungsanlage gepumpt, die sich auf der Liegewiese der Badi befand. Lastwagen und Schiffe transportierten die Schadstoffe in geschlossenen Mulden bis nach Bremen. Dort wurden sie in einer Hochtemperaturverbrennungsanlage vernichtet. Die Kosten wurden aufgeteilt: Thalwil zahlte 3.66 Millionen, der Kanton 3.5 Millionen Franken. Den Rest der Kosten von gesamthaft 8.6 Millionen übernahm der Bund.

Philipp Kleiser

Sanierungen würden viele Millionen Franken kosten

All diese Stellen werden nun zu den bereits fünf bekannten Arealen in den Kataster eingetragen. Die gute Nachricht: Nirgendwo besteht eine akute Gefahr für Umwelt oder Menschen. Selbst dringende Sofortmassnahmen zur Sanierung sind nicht notwendig, wie das Awel erklärt. Das gilt auch für die Seebäder, auf die im Zuge der Untersuchung ein Hauptaugenmerk gelegt wurde. «Für die badende Bevölkerung inklusive Kleinkinder besteht keine Gefährdung», heisst es im ZUP- Bericht. Er kommt sogar zum versöhnlichen Schluss, dass «trotz dichter Besiedlung und hoher Industrialisierung nur wenige Bereiche relevante Belastungen am Seegrund aufweisen, die weiter untersucht werden müssen». Die Seen seien deshalb «überwiegend als sauber zu bezeichnen».

Aber Horgen-Käpfnach, Wädenswil, Männedorf, Stäfa und Uster sind jetzt im Kataster belasteter Standorte eingetragen. Diese Stellen unterliegen fortan einer laufenden Gefährdungsabschätzung. Diese folgt den Vorgaben der Alt- lasten-Verordnung und werden ab 2020 weiter untersucht. Besteht ein Risiko für die Wasserumwelt, für den Menschen und die Trink- wassernutzung – etwa durch Auf- wirbelungen-, muss gehandelt werden. Dann wird eine Sanierung not- wendig. Dass dies aufwendig ist und viele Millionen Franken kostet, zeigen die Beispiele Thalwil, Uetikon und Horgen (siehe Artikel unten).