Zürich

Mehr Altlasten im Greifensee als bisher geglaubt

Mit Rammkolben holen die Forscher Sedimentproben vom Seegrund, die auf Schadstoffe untersucht werden.

Mit Rammkolben holen die Forscher Sedimentproben vom Seegrund, die auf Schadstoffe untersucht werden.

Der Kanton hat mehrere zusätzliche belastete Standorte im Zürichsee und im Greifensee ins Altlastenkataster aufgenommen.

Vor den Ufern von Stäfa, Männedorf, Wädenswil und Horgen lagern schwer verschmutzte Sedimente. Damit verdoppelt sich die Anzahl belasteter Standorte im Zürichsee. Auch der Greifensee ist neu in diesem Kataster enthalten.

Von Uetikon, Thalwil, Horgen und Richterswil wusste man Bescheid. Dort haben die Chemische Fabrik, das Gaswerk, die Papierfabrik, ein Gummiwerk und eine Kattundruckerei ihre industriellen Abfallspuren hinterlassen. Alle diese Betriebe gibt es längst nicht mehr. Doch die Schadstoffe liegen noch weit vor den Ufern im Seegrund versteckt, unterdessen bedeckt von natürlichen Sedimenten. Irgendwann müssen diese Altlasten gehoben und entsorgt werden.

Die Erfahrungen aus den dortigen Untersuchungen führten zum Entschluss des kantonalen Amts für Wasser, Energie und Luft (Awel), die drei grossen Zürcher Seen – Zürichsee, Greifensee und Pfäffikersee – systematisch auf weitere Belastungen zu untersuchen. Das Projekt «Kataster der belasteten Standorte in den Zürcher Seen» war geboren. Jetzt liegt der neuste Bericht der vom Awel veröffentlichten Zürcher Umweltpraxis (ZUP) vor. Demzufolge entnahm eine Forschergruppe von 2016 bis 2019 dem Seeboden Proben – und wurde an fünf Stellen fündig: In Horgen-Käpfnach, Wädenswil, Männedorf, Stäfa und in Uster am Greifensee.

Auffällige Konzentration an Schadstoffen

Die Suche verlief vor allem nach einer Strategie. Wo schon das Land am Ufer belastet ist, führt oft eine direkte Spur in den See durch Ableitungen betrieblicher Abwässer oder Abfälle. Dort ist die Wahrscheinlichkeit für Belastungen im See erhöht. Auch die Topografie des Seebodens erlaubt Rückschlüsse auf Einleitungen und Ablagerungen sowie Rutschungen, heisst es im aktuellen ZUP. Der eigentliche Nachweis erfolgte aber durch die gezielte Probenahme von See-Sedimenten in verschiedenen Tiefen. Dies geschah vor allem mit der Rammkolben-Methode, bei der mit einem Bohrgerät bis zu mehrere Meter lange Sedimentprofile aus der Tiefe geholt und die Inhalte analysiert werden.

Wann ein Standort in den Kataster belasteter Standorte kommt

Allerdings musste zuerst festgelegt werden, ab welcher Konzentration von Schadstoffen eine Fundstelle auffällig genug ist, um in den Kataster belasteter Standorte eingetragen zu werden. Denn prinzipiell sind alle Seeböden aufgrund der seit Jahrhunderten bestehenden Besiedlung der Ufer und Zuflüsse belastet. Das ergibt sozusagen eine normale Hintergrundbelastung, die im Zürichsee und Greifensee gleichmässig verteilt ist. Als Faustregel wurde daher bestimmt, dass als belasteter Standort gilt, wo in den obersten 30 Zentimetern Schlick ein fünffacher Hintergrundwert von Schadstoffen entdeckt wird. Und dies muss räumlich klar abgegrenzt von der nächsten, 100 Meter weiter genommenen Probe festgestellt werden. Wurden solche auffällige Stellen gefunden, ver- dichteten die Forscher die Methode und entnahmen dem Seeboden zusätzliche Proben in einem feineren Raster. Mit diesem zweistufigen Vorgehen ergaben sich 230 Sondierstellen.

Nur bei den fünf genannten neuen Standorten im Zürichsee und Greifensee wurde der Hintergrundwert an Schadstoffen fünffach übertroffen. In Horgen-Käpfnach liegt die Fundstelle etwas seeabwärts neben der Badi. Dort wurden polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe an- getroffen, wie sie im Kohlebergbau anfallen. Vor dem Bahnhof Wädenswil ist der Seegrund mit Quecksilber belastet. In Männedorf liegen vor der Hafenanlage Höhe ARA/Almapark Ablagerungen, die mit Chrom und Zink durchsetzt sind. Vor der Krauerhaab in Stäfa (zwischen Hafen und Seekreuzung) wurden Chemikalien und Schwermetalle gefunden, wie sie in der Leder- und Textilindustrie verwendet wurden.

Die Schadstoffe können Schlüsse auf die industrielle Ver- gangenheit und Urheber zulassen. Wolfgang Bollack, Mediensprecher des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft, sagt: «In einigen Fällen sind solche Zusammenhänge zu vermuten, in anderen sind im jetzigen Zeitpunkt noch keine Zusammen- hänge ersichtlich.» Dies werde auch zum Thema der anstehenden notwendigen Voruntersuchung.

Sanierungen würden viele Millionen Franken kosten

All diese Stellen werden nun zu den bereits fünf bekannten Arealen in den Kataster eingetragen. Die gute Nachricht: Nirgendwo besteht eine akute Gefahr für Umwelt oder Menschen. Selbst dringende Sofortmassnahmen zur Sanierung sind nicht notwendig, wie das Awel erklärt. Das gilt auch für die Seebäder, auf die im Zuge der Untersuchung ein Hauptaugenmerk gelegt wurde. «Für die badende Bevölkerung inklusive Kleinkinder besteht keine Gefährdung», heisst es im ZUP- Bericht. Er kommt sogar zum versöhnlichen Schluss, dass «trotz dichter Besiedlung und hoher Industrialisierung nur wenige Bereiche relevante Belastungen am Seegrund aufweisen, die weiter untersucht werden müssen». Die Seen seien deshalb «überwiegend als sauber zu bezeichnen».

Aber Horgen-Käpfnach, Wädenswil, Männedorf, Stäfa und Uster sind jetzt im Kataster belasteter Standorte eingetragen. Diese Stellen unterliegen fortan einer laufenden Gefährdungsabschätzung. Diese folgt den Vorgaben der Alt- lasten-Verordnung und werden ab 2020 weiter untersucht. Besteht ein Risiko für die Wasserumwelt, für den Menschen und die Trink- wassernutzung – etwa durch Auf- wirbelungen-, muss gehandelt werden. Dann wird eine Sanierung not- wendig. Dass dies aufwendig ist und viele Millionen Franken kostet, zeigen die Beispiele Thalwil, Uetikon und Horgen (siehe Artikel unten).

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