Zeitungen
Mehr als 1000 Stück – Werner Steiner sammelt Zeitungen aus aller Welt

Der Ex-Marroni-Brater Werner Steiner bringt eine Schachtel Zeitungs-Titelseiten mit, die er in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesammelt hat. Während die digitale Revolution die Medienlandschaft umkrempelt, hält Werner Steiner an der gedruckten Zeitung fest.

Matthias Scharrer
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«Mit Deutschland bin ich fast fertig», sagt Zeitungssammler Werner Steiner. «Jetzt kommt die Schweiz dran.»

«Mit Deutschland bin ich fast fertig», sagt Zeitungssammler Werner Steiner. «Jetzt kommt die Schweiz dran.»

Matthias Scharrer (mts)

Das Flair für Druckerzeugnisse war dem 65-jährigen Werner Steiner gleichsam in die Wiege gelegt: Sein Vater war Grafiker. Er nahm ihn als Kind öfter mal mit in die Druckerei des Orell Füssli Verlags, wo er arbeitete. «Ich hatte Zeitungen schon immer gern», sagt Steiner, als wir uns beim Zeitungsstand an der Tramendstation in Zürich-Seebach treffen. «Ihr Geruch, und was man alles damit machen kann...»

Seit etwa fünf Jahren baut er systematisch eine möglichst lückenlose Sammlung von Zeitungen aus allen Ländern auf, beginnend beim deutschsprachigen Raum. «Mit Deutschland bin ich schon fast fertig», sagt er. «Jetzt kommt die Schweiz dran.» Über 1000 Zeitungstitel umfasse seine Sammlung bereits. Später will er auch die englischsprachigen Zeitungen systematisch erfassen.

Dass Steiners Sammelleidenschaft sich auf Zeitungen ausrichtete, hatte nicht nur mit väterlicher Prägung zu tun: «Der Zufall wollte es», sagt Steiner immer wieder, als er seinen Werdegang erzählt. Nachdem er zunächst in der Filmbranche gearbeitet hatte, verlor Steiner während der Rezession der 1970er-Jahre den Job.

Der Zufall wollte es, dass ein Kollege Marroni-Brater in Dietikon war und Steiner Arbeit gab. Dieser fand Gefallen am neuen Job und briet fortan Marroni in Dietikon, Wettingen und schliesslich während 20 Jahren am Zürcher Limmatplatz.

Zeitungsspezialist bei Swissair

Doch er brauchte auch einen Job für die warme Jahreszeit – und fand ihn nach einigen Zwischenstationen 1983 bei der Swissair. Seine Aufgabe bestand darin, firmeninterne Post und Zeitungen von und zu den Flugzeugen zu bringen. «Dabei begann es», sagt Steiner: Das kribbelnde Gefühl für Zeitungen in ihm fing an.

Aus den Flugzeugen kamen ihm Zeitungen aus allen Ländern, die die Swissair anflog, in die Finger: Zeitungen, die die Passagiere mitbrachten; und Zeitungen, die die Stewardessen an die Fluggäste verteilten, wenn sie mit ihren Trolley-Wägelchen durch den Gang zwischen den Flugzeug-Sitzreihen schritten. «Ich wurde zum Spezialisten dafür», sagt Steiner. Und fügt an: «Wenn das Personal Ideen hatte, wie man fürs Unternehmen Geld sparen konnte, liess sich die Firma nicht lumpen. Ich machte eine fast schon wissenschaftliche Arbeit über den Swissair-Zeitungsbedarf.»

Die Zeitungsköpfe, die er dafür von den Titelseiten abriss, bildeten gleichzeitig den Grundstock seiner Sammlung. Zu seinen Favoriten zählt die «Chicago Tribune»: «Sie hat ein super Design, super Grafik.»

Das Internet half

Im Jahr 2000 feierte Steiner seinen 50. Geburtstag und wollte sich beruflich neu orientieren. Ein Freund verhalf ihm zu einem neuen Job an der Zürcher Hochschule der Künste: Es galt, die Filmschule vom Analogen ins Digitale umzubauen. «Kaum war ich dort, war die Swissair gegroundet», erinnert sich Steiner. «Der Zufall wollte es.»

Im neuen Job fand er Zugang zum Internet, das damals noch in den Kinderschuhen steckte. «Für meine Zeitungssache hatte ich nicht mehr gross Zeit. Der Film hatte Priorität.» Doch gleichzeitig gewannen Zeitungen im Internet Präsenz. Und Steiner entdeckte das darin steckende Potenzial für seine Sammelleidenschaft: Nun konnte er Chefredaktoren einfach per E-Mail anschreiben, um ein Exemplar für seine Sammlung zu erbitten. Sein Projekt des flächendeckend-systematischen Zeitungssammelns begann.

Nach dem Zweck der Sammlung gefragt, sagt Steiner: «Sammeln allein wäre langweilig. Es ist auch die Materie als solche, die mich fasziniert: die Grafik, der Wandel des Optischen.» Steiner ist überzeugt: «Wenn die Zeitung vercomputerisiert wird, hat sie keine Chance mehr.»

Immer öfter werde auf Schriften zurückgegriffen, die zwar auf dem Computerbildschirm, wo Zeitungen gemacht werden, gut aussähen, im Druck zum Teil aber nur schlecht lesbar seien. Auch Verweise auf Internet-Inhalte in gedruckten Zeitungen ärgern ihn: «So werden sich viele Zeitungen das eigene Grab schaufeln. Wenn die Zeitung mir nur noch sagt, was alles im Internet steht, brauche ich sie nicht mehr.»

Trotzdem zeigt sich der Sammler überzeugt, dass gerade kleine Lokalzeitungen überleben werden – und dass viele Leser die Zeitung weiterhin als Druckerzeugnis schätzen. Doch ein Ewiggestriger ist der seit Kurzem Pensionierte nicht: «Ich finde es spannend, zu sehen, wie sich die Medien jetzt neu erfinden.» Sagts und fischt sich eine Gratiszeitung aus einem Zeitungskasten, bevor sich unsere Wege trennen.