Selten war die Volksschule derart im Umbruch wie während seiner Amtszeit: Martin Wendelspiess war Volksschulamtschef unter vier Zürcher Bildungsdirektoren, von Alfred Gilgen (LdU) über Ernst Buschor (CVP), Regine Aeppli (SP) bis hin zu Silvia Steiner (CVP). Nun steht Wendelspiess vor der Pensionierung. Im Interview blickt der Geroldswiler zurück auf das Zeitalter der Schulreformen, das noch nicht vorbei ist.

Herr Wendelspiess, Sie waren während 17 Jahren Zürcher Volksschulamtschef ...

Martin Wendelspiess: Wenn ich kommenden Mai aufhöre, sind es 18 Jahre.

Es war eine Zeit grosser Volksschulreformen, und mit dem Lehrplan 21 gehts gleich weiter. Warum ist die Schule so stark im Umbruch?

Weil sie keine andere Wahl hat. Die Schule hat die Aufgabe, Kinder auf die Welt vorzubereiten, die sie antreffen. Und wenn sich die Welt verändert, muss die Schule reagieren.

Worauf vor allem?

Zum einen auf technischen Wandel, neue Medien und Computertechnologien. Eine zweite grosse Veränderung ist die Kleinfamilie. Die Schule muss viel mehr Soziales lehren, was früher in einer Grossfamilie fast automatisch passiert ist. Und: Man hat heute mehr als früher die Überzeugung, jeder müsse seine Chance haben, Stichwort integrative Förderung.

Mit dem Zürcher Volksschulgesetz wurde 2005 im zweiten Anlauf ein grosses Reformpaket angenommen, das Geleitete Schulen, Blockzeiten, Tagesstrukturen und andere Neuerungen brachte. Jetzt steht mit dem Lehrplan 21 das nächste Reformprojekt an. Ist das Gröbste vorbei – oder kommt es noch?

Wir sind jetzt in einer Phase der Konsolidierung und Feinjustierung. Der Lehrplan 21 wird die Schule nicht auf den Kopf stellen. Da gibt es ganze Fachbereiche, bei denen sich inhaltlich nichts oder fast nichts ändert. Daher glaube ich, dass die grossen Schulreformen momentan vorbei sind. Man kann sie übrigens auch nicht erzwingen. Es braucht dafür ein bestimmtes gesellschaftliches Klima.

Was hat das Reformfenster in Ihrer Amtszeit geöffnet?

Ich weiss nicht, woran es lag. Es geschah ja nicht nur im Kanton Zürich, obwohl es oft auf den früheren Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor fokussiert wurde. Tagesschulen waren schon unter seinem Vorgänger Alfred Gilgen möglich, Blockzeiten sind unter Gilgen entstanden, ebenso die erste Fremdsprache in der Primarschule und integrative Schulungsformen. Aber die Zeit war politisch noch nicht reif. Und plötzlich, mit Buschor als Motor und einer veränderten gesellschaftlichen Grundstimmung, ist alles – zumindest im zweiten Anlauf – in einem Guss gegangen.

Welche Schulreform war am einschneidendsten?

Die Einführung der Schulleitungen. Sie änderte das Berufsbild jeder einzelnen Lehrperson, vom «Ich und meine Klasse» zum «Wir und unsere Schule».

Ist dieser Wandel vollzogen, oder ist es immer noch ein Kampf?

Alles in allem ist er vollzogen, auch wenn es noch solche gibt, die ihn innerlich noch nicht ganz akzeptieren. Aber das ist eine Generation, die jetzt älter ist. Für die jüngeren Lehrerinnen und Lehrer ist völlig klar: Es gibt einfach Schulleitungen, und ich kann nicht mehr alles selber bestimmen.

Sie sagten, der Lehrplan 21 werde die Schule nicht auf den Kopf stellen. Dennoch gibt es Kritiker, die warnen, dass mit dem Lehrplan 21, der die Schulen in der Deutschschweiz vereinheitlicht, alles noch stärker normiert wird. Ist das falsch?

Diese Kritik ist falsch. Es wird nicht mehr, sondern anders normiert. Im traditionellen Lehrplan heisst es zum Beispiel: In der zweiten Sekundarklasse nimmt man den Zweiten Weltkrieg durch. Der eine Lehrer handelt das in 30 Minuten ab, der andere behandelt vier Wochen lang fast jede einzelne Deutsche Geschützstellung. Ich finde es vernünftiger, wenn man definiert, was ein Schüler können und wissen muss und welche Kompetenzanforderungen sich daraus ergeben.

Andere Kritiker stört, dass im Lehrplan 21 die Lerninhalte nicht mehr so klar definiert sind. Man rede von Kompetenzen, wisse aber nicht so recht, was die Schüler am Schluss inhaltlich können müssen ...

... und das stimmt nicht. Kompetenz setzt Wissen voraus. Wenn zum Beispiel die Anforderung lautet: Die Kinder können Vergleiche zwischen dem Arabischen Frühling und der Französischen Revolution ziehen, dann ist klar, dass man die Französische Revolution in der Schule behandelt haben muss.

Blicken Sie dem Reformprojekt Lehrplan 21 gelassen entgegen, oder wird es für Unruhe sorgen?

Es wird für Unruhe sorgen. Aber letztlich wird der Lehrplan 21 eingeführt und akzeptiert werden.

Es gibt ja Lehrer, die unter der «Reformitis» stöhnen ...

... fast nicht mehr! Wir machen seit Jahren eine Austrittsbefragung, in der wir nach den Gründen für eine Kündigung fragen. An der Spitze sind immer persönliche Gründe wie Mutterschaft, Wegzug oder Auslandaufenthalt. Die Kündigungen wegen zu vieler Reformen sanken von zehn auf zwei Prozent, sind inzwischen also völlig marginal.

Als was sehen Sie den Lehrplan 21?

Als Chance, und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen vereinfacht er die Koordination zwischen den Kantonen, wie es die Stimmbürgerinnen und -bürger mit dem Bildungsartikel deutlich beschlossen haben. Zum anderen schafft er mehr Transparenz darüber, was ein Kind lernt. Es hängt nicht mehr so viel vom Zufall ab, zu welcher Lehrperson ein Kind kommt.

Bleibt das nicht trotzdem entscheidend?

Vom Unterrichtsstil her bleibt es entscheidend. Inhaltlich kann man aber mit dem Lehrplan 21 mehr Sicherheit und Gleichheit gewährleisten.

Wenn die Persönlichkeit entscheidend bleibt: Wie muss der Lehrer, die Lehrerin heute sein?

Wenn man die Kinder fragt, was ein guter Lehrer ist, sind zwei Faktoren mit Abstand an der Spitze: Gerecht muss er sein – und humorvoll.

Steht das jetzt auch im Lehrplan?

Nein, aber im Hilfsmittel für die Mitarbeiterbeurteilung. Da kommt zumindest die Gerechtigkeit vor. Mit dem Humor ist es schwieriger. Selbst, wenn man feststellt, dass ein Lehrer keinen Humor hat: Was macht man da für eine Förderplanung? Schickt man ihn ans Humorfestival nach Arosa? Spass beiseite: Der Unterricht muss nicht immer lustig sein, aber abwechslungsreich. Und die Kinder finden es schön, wenn man auch einmal Blödsinn machen darf, ohne dass gleich Regelverstösse geahndet werden.

Zurück zu Ihrer Rolle als Volksschulamtschef der grossen Schulreformzeit: Worauf kommt es an, wenn man Reformen umsetzt?

Man muss erstens Geduld haben. Viele Reformelemente wurden 20 bis 25 Jahre erprobt. Die Volksschule mit ihren 16 000 Lehrerinnen und Lehrern ist ein Tanker und nicht ein kleines Segelboot. Zweitens muss man möglichst viele an der Entscheidfindung beteiligen. Und drittens: Man muss politische Mehrheiten finden, im Kantonsrat und in Volksabstimmungen.

Wie sinnvoll ist es, dass Kantonsräte über den Lehrplan mitreden und die Bevölkerung über Themen wie Kindergartenorganisation entscheidet?

In der Sache könnte man durchaus die Experten entscheiden lassen. Wenn man aber bedenkt, wie schulische Institutionen in der Bevölkerung verankert sind, macht die Schlaufe über Parlamente und Volksabstimmungen dennoch Sinn. Dass es lange dauert, hat uns manchmal vor Fehlern bewahrt. Aber wir haben bisweilen auch geflucht. Der Lehrplan, ein dickes technisches Werk für Fachleute, eignet sich für eine Volksabstimmung kaum, deshalb liegt die Entscheidkompetenz darüber beim Bildungsrat.

Wann haben Sie geflucht?

Am meisten, als das Volksschulgesetz im ersten Anlauf 2002 abgelehnt wurde. Nein, es war eher Enttäuschung, als wir an jenem Sonntagabend feststellten, dass wir nach fünf Jahren Arbeit wieder zurück zum Start mussten.

Und in welchen Momenten war es gut, dass das Volk oder das Parlament die Schulexperten gebremst hat?

Zum Beispiel, als es vor gut 20 Jahren diesen Hype um die Mengenlehre gab. Da wussten wir: Wir dürfen nicht zu weit gehen, sonst werden wir gebremst. Ähnlich ist es jetzt mit der integrativen Förderung von Kindern mit Behinderung. Integration in die Regelklasse ist wenn immer möglich das Ziel. Aber nicht immer und nicht um jeden Preis. Es braucht auch separative Einrichtungen.

Was ist heute die drängendste Herausforderung in der Schule? Die multikulturelle Gesellschaft?

Ja, wobei in den letzten Jahren primär Deutsche eingewandert sind, sodass keine sprachliche Barriere da war. Dieses Jahr hat die Zahl der Flüchtlingskinder stark zugenommen. Das ist eine gewaltige Herausforderung. 2015 sind etwa 850 Flüchtlingskinder gekommen. Wenn man das auf die kantonsweit rund 600 Schulhäuser bezieht, ist es nicht alarmierend. Aber für die Gemeinden, die Flüchtlings-Durchgangszentren haben, sind die ständig schwankenden Schülerzahlen eine grosse Herausforderung.

Im Jugoslawien-Krieg gab es ähnliche Erfahrungen. Welche Lehren sind daraus für die Schule zu ziehen?

Die Flüchtlinge, die während des Jugoslawien-Konflikts kamen, waren sprachlich homogener. Wir hatten Lehrkräfte hier, die deren Sprache beherrschten. Jetzt kommen Leute zu uns, an die wir nicht gewöhnt sind, aus Afghanistan, Eritrea und Syrien. Das schafft neue Herausforderungen. Es fängt schon bei der Schrift an: Wie mache ich Deutschunterricht mit Kindern, die nur die arabische Schrift kennen – oder die noch nie zur Schule gegangen sind und gar kein Alphabet kennen? Hinzu kommt, dass die Kinder zum Teil jahrelang auf der Flucht waren, traumatisiert sind und keinerlei Bezugsperson haben.

Wie kann die Schule in solchen Fällen reagieren?

Es braucht verantwortungsvolle, gute Lehrpersonen, die sich nicht nur ums Rechnen und Deutsch kümmern, sondern auch ums Wohlbefinden. Gleichzeitig geht es darum, unsere Regeln bekannt zu machen und durchzusetzen. Und dann brauchen wir gute Angebote an der Nahtstelle Volksschule/Berufsbildung, damit die Flüchtlingskinder die Chance haben, ins Berufsleben zu einzusteigen.

Das kostet Geld. Jetzt steht die nächste Sparrunde beim Kanton an, mit der Leistungsüberprüfung 2016. Wo wird das Sparprogramm die Schulen treffen?

Der Regierungsrat hat noch keine Entscheide gefällt. Die Volksschule wird pro Jahr rund 20 Millionen Franken einsparen müssen, bei Gesamtkosten von jährlich 2 Milliarden im Kanton Zürich. Es geht also um Einsparungen von ein bis zwei Prozent. Das ist eigentlich machbar. Aber es trifft uns trotzdem hart, weil wir stark wachsende Schülerzahlen haben. Dennoch sehe ich das mit Gelassenheit. Ich habe in den 37 Jahren, seit ich im Volksschulamt arbeite, mehrere Sanierungsprogramme erlebt. Am Schluss kam es nie so schlimm wie zuerst befürchtet. Vielleicht wirft ja die Nationalbank wieder Gewinn ab. Die UBS fängt jetzt wieder an, Steuern zu bezahlen. Bei der Credit Suisse dürfte es nächstes Jahr so weit sein.

Sie setzen aufs Prinzip Hoffnung?

Ich setze auf «historische Erfahrungen». Bei den letzten Sparpaketen kam es jedes Mal so heraus, dass sich die Situation wieder veränderte, bis sie umsetzungsreif waren. In Parlaments- und Volksentscheiden wurden viele schulische Sparmassnahmen wieder rückgängig gemacht. Offenbar ist unsere Volksschule stark verankert. Daher habe ich keine Angst, dass unsere Stimmbürgerinnen und Stimmbürger absurde Sparmassnahmen tragen würden.