Strichplatz
Martin Waser: «Das Experiment scheint zu gelingen»

Auf dem Strichplatz schaffen nur halb so viele Prostituierte wie zuvor am Sihlquai an. Die Schliessung des Strassenstrichs sei ohne Probleme vonstatten gegangen und Reklamationen von umgezogenen Prostituierten hätt man auch keine bekommen.

Matthias Scharrer
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Strichplatz in Zürich Altstetten: durchschnittlich 14 Prostituierte arbeiten hier pro Nacht. mts

Strichplatz in Zürich Altstetten: durchschnittlich 14 Prostituierte arbeiten hier pro Nacht. mts

Nicht übers Ziel hinausschiessen Kommentar von Matthias Scharrer Man sollte sich keine Illusionen machen: Prostitution wird es in einer Stadt wie Zürich immer geben. Die Frage ist: Wie soll die Stadt damit umgehen? Die Laissez-faire-Politik am Sihlquai ist gescheitert. Am Schluss herrschten dort unhaltbare Zustände - unhaltbar für Quartieranwohner, aber auch für Prostituierte, die gewalttätigen Freiern und skrupellosen Zuhältern ausgeliefert waren. Es war daher richtig, dass der Zürcher Stadtrat den Strassenstrich am Sihlquai auflöste. Mit dem Strichplatz startete er einen Versuch, die Strassenprostitution unter Kontrolle zu bekommen. Er tat dies mit schweizerischer Gründlichkeit und schuf zwischen Autobahn und Bahngleisen einen Ort, an dem nicht mehr die Zuhälter, sondern städtische Institutionen das Sagen haben. Nun schaffen auf dem Strichplatz halb so viele Prostituierte an wie früher am Sihlquai. Man kann dies angesichts des zuletzt ausufernden Überangebots am Sihlquai als Erfolg sehen. Doch die Stadt sollte nicht übers Ziel hinausschiessen. Wenn sich nämlich herausstellen sollte, dass die neuen Bewilligungsverfahren für Sexsalons kaum noch attraktive legale Arbeitsmöglichkeiten zulassen, würde kontraproduktiv, was gut gemeint ist. matthias.scharrer@azmedien.ch

Nicht übers Ziel hinausschiessen Kommentar von Matthias Scharrer Man sollte sich keine Illusionen machen: Prostitution wird es in einer Stadt wie Zürich immer geben. Die Frage ist: Wie soll die Stadt damit umgehen? Die Laissez-faire-Politik am Sihlquai ist gescheitert. Am Schluss herrschten dort unhaltbare Zustände - unhaltbar für Quartieranwohner, aber auch für Prostituierte, die gewalttätigen Freiern und skrupellosen Zuhältern ausgeliefert waren. Es war daher richtig, dass der Zürcher Stadtrat den Strassenstrich am Sihlquai auflöste. Mit dem Strichplatz startete er einen Versuch, die Strassenprostitution unter Kontrolle zu bekommen. Er tat dies mit schweizerischer Gründlichkeit und schuf zwischen Autobahn und Bahngleisen einen Ort, an dem nicht mehr die Zuhälter, sondern städtische Institutionen das Sagen haben. Nun schaffen auf dem Strichplatz halb so viele Prostituierte an wie früher am Sihlquai. Man kann dies angesichts des zuletzt ausufernden Überangebots am Sihlquai als Erfolg sehen. Doch die Stadt sollte nicht übers Ziel hinausschiessen. Wenn sich nämlich herausstellen sollte, dass die neuen Bewilligungsverfahren für Sexsalons kaum noch attraktive legale Arbeitsmöglichkeiten zulassen, würde kontraproduktiv, was gut gemeint ist. matthias.scharrer@azmedien.ch

Limmattaler Zeitung

«Zürcher Sexboxen sind ein Flop», verkündete «Blick am Abend» kürzlich. Es war einer von vielen Medienberichten, die am Erfolg des Zürcher Sexperiments mit dem neuen Strichplatz in Zürich Altstetten zweifelten. Einen Monat früher als ursprünglich geplant zog gestern der Zürcher Stadtrat Martin Waser eine erste Zwischenbilanz zum Ende August eröffneten Strichplatz.

Sein Fazit: «Das Experiment scheint zu gelingen.» Die Schliessung des Strassenstrichs am Sihlquai sei problemlos vonstatten gegangen. «Wir stellen keine Verlagerung in andere Strichzonen oder in die Illegalität fest», so der SP-Stadtrat weiter. Auch aus den umliegenden Gemeinden oder anderen Schweizer Städten seien keine Reklamationen wegen aus Zürich zugewanderter Prostituierter gekommen.

Dank der Anfang Jahr in Zürich eingeführten Ticketautomaten für Prostitutions-Tagesbewilligungen lässt sich die stadtinterne Entwicklung relativ exakt beziffern: durchschnittlich 14 Prostituierte schafften bisher pro Nacht auf dem Strichplatz an, seit er am 26. August eröffnet wurde.

Am Sihlquai, wo sich der Strassenstrich vorher grösstenteils abspielte, waren es seit Jahresbeginn im Schnitt 32. Im Niederdorf, wo Strassenprostitution ebenfalls erlaubt ist, blieb die Zahl der gelösten Tagestickets praktisch unverändert: Sie sank von 17 vor dem 26. August auf 16 danach.

Reaktionen: «Schwerwiegende Folgen»

In krassem Widerspruch zur stadträtlichen Einschätzung zwei Monate nach Eröffnung des Strichplatzes (siehe oben) steht die Bilanz verschiedener Fachorganisationen zum neuen Umgang mit Prostitution in Zürich. «Massnahmenpaket der Stadt Zürich verdrängt das Sexgewerbe in den Untergrund - mit schwerwiegenden Folgen für die Sexarbeiterinnen»: So betiteln die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, die Zürcher Stadtmission und Rahab, ein Sozialprojekt der Heilsarmee Zürich für Prostituierte, ihre gemeinsame Medienmitteilung. Die vom Stadtrat seit Anfang dieses Jahres ergriffenen Massnahmen seien mehrheitlich repressiver Natur. Die Folge: «Sie verschlechtern die Arbeitsbedingungen sowohl auf dem Strassenstrich als auch in den Salons. Sie verhindern den Menschenhandel nicht und erschweren den Zugang der Frauen zu niederschwelliger Unterstützung.» Nach der Schliessung des Sihlquais für den Strassenstrich habe die Polizeipräsenz insbesondere im Langstrassenquartier massiv zugenommen. «Die Sexarbeiterinnen sind dadurch eingeschüchtert. Sie stehen unter vermehrtem Druck. Das Geschäft und die Stimmung ist angespannter und hektischer, was sich negativ auf ihre physische und psychische Gesundheit auswirkt. Viele Frauen arbeiten dadurch weniger sichtbar als zuvor in Salons, Bars oder Zimmern», schreiben die Fachstellen, die sich seit Jahren um Prostituierte kümmern. Sie fordern einen Strassenabschnitt im Langstrassenquartier als legalen Strassenstrich, eine Vereinfachung des Bewilligungsverfahrens für kleinere Sexsalons und eine unabhängige Evaluation der Folgen des städtischen Massnahmenpakets.

Dass auf dem Strichplatz nur halb so viele Prostituierte anschaffen wie zuvor am Sihlquai, ist für Michael Herzig, Strichplatzchef und Chefbeamter in Wasers Sozialdepartement, kein Beleg für einen Flop. Im Gegenteil: «Wir haben uns keine qualitativen, sondern quantitative Ziele gesetzt. Das implizierte, dass auf dem Strichplatz weniger laufen soll als am Sihlquai.»

Ungarinnen verschwanden

Konkret: Die straff organisierten Prostituierten aus Ungarn, Roma-Frauen, die jeweils für drei Monate einreisten, die Konkurrenz am Sihlquai weitgehend verdrängten und von Zuhältern beispielsweise gezwungen wurden, auch nach einer Vergewaltigung einfach weiterzuarbeiten, sind laut Herzig verschwunden.

«Ich bin überzeugt: Die schaffen in anderen europäischen Städten an, wo der Markt ähnlich gross, aber weniger kontrolliert wie in Zürich ist», sagte Herzig. Ursula Kocher von der Beratungsstelle Flora Dora, die auf dem Strichplatz präsent ist, sprach von Gerüchten, wonach sie nach Deutschland oder Holland abgewandert seien. Auf dem Strichplatz sind laut Herzig stattdessen nun vermehrt Prostituierte mit dauerhafter Schweizer Niederlassungsbewilligung tätig.

Das Nationalitätenspektrum sei vielfältiger geworden. Und die Verdienstmöglichkeiten seien für manche Prostituierte gesunken, da auf dem Strichplatz pro Auto nur ein Freier erlaubt ist.

Nicht nur die Anzahl an Strassenprostituierten, auch die Nachfrage verringerte sich gemäss Herzig infolge der Sihlquai-Schliessung: Die «typische Sihlquai-Nachfrage» von Gelegenheitsfreiern, die aus den Ausgangszonen Zürich West und Langstrassenquartier vorbeikamen, falle nun weg.

Eröffnung der Zürcher Sexboxen
5 Bilder
Der Ticketautomat bei den Sexboxen
Nur ein paar Journalisten sind da
Blick in die leeren Sexboxen.

Eröffnung der Zürcher Sexboxen

Keystone

«Man muss jetzt Nerven behalten»

Auch deshalb sagte Herzig, auf die Kritik verschiedener Fachstellen an der Stadtzürcher Prostitutionspolitik angesprochen: «Ich halte die Verdrängungshypothese für einen Mythos.» Stadtrat Waser doppelte nach: «Man muss jetzt die Nerven behalten und nicht gleich wieder an den beschlossenen Massnahmen herumschrauben.» Mittelfristig wollte der scheidende SP-Stadtrat aber nichts ausschliessen: «Es ist durchaus möglich, dass man in ein, zwei Jahren gewisse Veränderungen vornimmt.»