«Zürcher Sexboxen sind ein Flop», verkündete «Blick am Abend» kürzlich. Es war einer von vielen Medienberichten, die am Erfolg des Zürcher Sexperiments mit dem neuen Strichplatz in Zürich Altstetten zweifelten. Einen Monat früher als ursprünglich geplant zog gestern der Zürcher Stadtrat Martin Waser eine erste Zwischenbilanz zum Ende August eröffneten Strichplatz.

Sein Fazit: «Das Experiment scheint zu gelingen.» Die Schliessung des Strassenstrichs am Sihlquai sei problemlos vonstatten gegangen. «Wir stellen keine Verlagerung in andere Strichzonen oder in die Illegalität fest», so der SP-Stadtrat weiter. Auch aus den umliegenden Gemeinden oder anderen Schweizer Städten seien keine Reklamationen wegen aus Zürich zugewanderter Prostituierter gekommen.

Dank der Anfang Jahr in Zürich eingeführten Ticketautomaten für Prostitutions-Tagesbewilligungen lässt sich die stadtinterne Entwicklung relativ exakt beziffern: durchschnittlich 14 Prostituierte schafften bisher pro Nacht auf dem Strichplatz an, seit er am 26. August eröffnet wurde.

Zwischenbilanz des Zürcher Strichplatzes

Zwischenbilanz über den Zürcher Strichplatz

Am Sihlquai, wo sich der Strassenstrich vorher grösstenteils abspielte, waren es seit Jahresbeginn im Schnitt 32. Im Niederdorf, wo Strassenprostitution ebenfalls erlaubt ist, blieb die Zahl der gelösten Tagestickets praktisch unverändert: Sie sank von 17 vor dem 26. August auf 16 danach.

Dass auf dem Strichplatz nur halb so viele Prostituierte anschaffen wie zuvor am Sihlquai, ist für Michael Herzig, Strichplatzchef und Chefbeamter in Wasers Sozialdepartement, kein Beleg für einen Flop. Im Gegenteil: «Wir haben uns keine qualitativen, sondern quantitative Ziele gesetzt. Das implizierte, dass auf dem Strichplatz weniger laufen soll als am Sihlquai.»

Ungarinnen verschwanden

Konkret: Die straff organisierten Prostituierten aus Ungarn, Roma-Frauen, die jeweils für drei Monate einreisten, die Konkurrenz am Sihlquai weitgehend verdrängten und von Zuhältern beispielsweise gezwungen wurden, auch nach einer Vergewaltigung einfach weiterzuarbeiten, sind laut Herzig verschwunden.

«Ich bin überzeugt: Die schaffen in anderen europäischen Städten an, wo der Markt ähnlich gross, aber weniger kontrolliert wie in Zürich ist», sagte Herzig. Ursula Kocher von der Beratungsstelle Flora Dora, die auf dem Strichplatz präsent ist, sprach von Gerüchten, wonach sie nach Deutschland oder Holland abgewandert seien. Auf dem Strichplatz sind laut Herzig stattdessen nun vermehrt Prostituierte mit dauerhafter Schweizer Niederlassungsbewilligung tätig.

Das Nationalitätenspektrum sei vielfältiger geworden. Und die Verdienstmöglichkeiten seien für manche Prostituierte gesunken, da auf dem Strichplatz pro Auto nur ein Freier erlaubt ist.

Nicht nur die Anzahl an Strassenprostituierten, auch die Nachfrage verringerte sich gemäss Herzig infolge der Sihlquai-Schliessung: Die «typische Sihlquai-Nachfrage» von Gelegenheitsfreiern, die aus den Ausgangszonen Zürich West und Langstrassenquartier vorbeikamen, falle nun weg.

«Man muss jetzt Nerven behalten»

Auch deshalb sagte Herzig, auf die Kritik verschiedener Fachstellen an der Stadtzürcher Prostitutionspolitik angesprochen: «Ich halte die Verdrängungshypothese für einen Mythos.» Stadtrat Waser doppelte nach: «Man muss jetzt die Nerven behalten und nicht gleich wieder an den beschlossenen Massnahmen herumschrauben.» Mittelfristig wollte der scheidende SP-Stadtrat aber nichts ausschliessen: «Es ist durchaus möglich, dass man in ein, zwei Jahren gewisse Veränderungen vornimmt.»