Martin Graf gilt seit seiner Zeit als langjähriger Stadtpräsident von Illnau-Effretikon als «Überzeugungstäter». Er wird auch gerne als «übermütiger Pragmatiker» bezeichnet. Er habe grosse Pläne, an die er glaube und die er dann auch auf unkonventionellem Wege um- und durchsetzen wolle, sagen Lokalpolitiker, die ihn damals begleiteten.

«Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann muss es vorwärtsgehen», sagt Graf selber. Hadern, abwarten, das liegt dem 60-Jährigen nicht nur in der Politik nicht. Auf seiner Website hält er fest, dass er zwischendurch zwar schon Pausen benötige, aber diese dürften nicht zu lange dauern. «Sonst verspüre ich Stillstand.»

Martin Anthony Graf, schweizerisch-australischer Doppelbürger und hörbar im Schaffhausischen aufgewachsen, ist vor vier Jahren in den Regierungsrat gewählt worden. Der Grüne hatte unter anderem vom Fukushima-Effekt profitiert.

Er hatte aber schon bei den Wahlen 2007 das Absolute Mehr erreicht, war aber noch als überzähliger Kandidat ausgeschieden. Die Hoffnungen, die der studierte Agronom weckte, waren 2011 auf links-grüner Seite gross.

Und doch grüne Farbtupfer

Doch spürbare grüne Spuren konnte Martin Graf in den vergangenen vier Jahren nicht setzen. Dafür sitzt er im falschen Departement. Parteikollegen sähen ihn lieber in der Baudirektion, in der es direkte grüne Anknüpfungspunkte gäbe.

Graf selber zeigt sich im Gespräch jedoch wegen der Themenvielfalt und der Herausforderungen mit der Direktion der Justiz und des Innern zufrieden. Und auch hier könne er sich durchaus für einen grüneren Kanton einsetzen. Etwa durch seinen Einsitz im Axpo-Verwaltungsrat.

Er vertrete dort zwar mit seiner Grundhaltung «eine absolute Minderheitsposition». Aber punktuelle Erfolge, etwa bei Investitionsvorhaben in erneuerbare Stromproduktion, habe er erzielen können.

Von Erfolgen spricht Martin Graf auch, wenn er eine Bilanz seiner ersten vier Regierungsjahre zieht. Er verweist auf die Volksentscheide. Neun von elf Vorlagen aus der Zuständigkeit seiner Direktion, teilweise noch unter seinem Vorgänger entstanden, hatte das Volk gestützt.

Er zählt Bauprojekte wie die Gesamtsanierung des Massnahmenzentrums Uitikon auf. Und er spricht von einer Reihe von Gesetzgebungsprojekten, die seine klare Handschrift trügen.

Martin Graf sei kein Ankündigungsminister, sagte Grünen-Fraktionspräsidentin Esther Guyer bei der Nomination von Graf. «Er reklamiert und jammert nicht, er macht sich an die Arbeit.» Auf der bürgerlichen Seite wird diese Sicht nicht geteilt; die Kritik an Grafs Arbeit fällt teilweise harsch aus.

Vor allem im Zusammenhang mit der «Carlos»-Affäre hatten Mitte-Links-Politiker und bürgerliche Politiker die Messer gewetzt. FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel, der schon mit Graf in Illnau-Effretikon politisiert hatte und mit ihm freundschaftlich verbunden ist, bilanziert zurückhaltend:

«In der Justizdirektion konnte Martin Graf in den ersten vier Jahren wenig Spuren hinterlassen.» Als ehemaliger Stadtpräsident, der die Sorgen der Gemeinden gut kenne, könnte der Agronom wohl eher im Bereich des Inneren seine Akzente setzen, glaubt Vogel. Aber das im Kantonsrat zerzauste Gemeindegesetz, «das ist nun auch nicht der grosse Wurf geworden».

Spricht man mit Politikern aller Lager über Martin Graf, fällt in der Regel ein Stichwort als erstes: «Carlos». Das teure Sondersetting für den straffälligen Jugendlichen hatte den Justizdirektor arg in Bedrängnis gesetzt.

Heute räumt Graf ein, dass er nach der SRF-Dokumentation wohl schneller an die Öffentlichkeit hätte treten sollen. «Aber dann hätte ich noch nicht viel über diesen Einzelfall gewusst.» Und dass «Carlos» auf Geheiss des Bundesgerichts aus dem Massnahmenzentrum entlassen werden musste, passt Graf inhaltlich noch immer nicht.

Aus rechtsstaatlichen Gründen habe dies natürlich erfolgen müssen, sagt der Justizdirektor. Aber im Massnahmenzentrum hätte der Jugendliche etwas lernen können. Nun sitzt der inzwischen volljährig gewordene «Carlos» wegen eines anderen Vorkommnisses in einem Gefängnis. «Jetzt interessiert dieser Fall niemand mehr», sagt Martin Graf. «Aber gelöst ist er noch nicht.»

Der 60-Jährige spricht im Gespräch schnell, er formuliert dabei gern kernig. Und damit eckt er immer wieder an. So hat er etwa aufkommende Kritik am neuen Computersystem «RIS2» damit begründet, dass einige Staatsanwälte halt den Computer nicht bedienen könnten. 

Heute sagt Graf: «Es ist doch natürlich, dass Anwender sich zuerst an Neues gewöhnen müssen.» Und üblich sei auch, dass neue Programme gewisse Kinderkrankheiten haben, die es zu beheben gelte. «Aber insgesamt sind wir auf gutem Weg, wir schaffen das.» Mit der hemdsärmeligen Formulierung hatte er Ähnliches ausgedrückt – aber doch zahlreiche Staatsanwälte vor den Kopf gestossen.

Dieses hemdsärmelige Auftreten passe nicht zu einem Regierungsrat, monieren verschiedene Politiker insbesondere der Mitte, die sich «staatsmännischere, zurückhaltendere Auftritte» wünschen. Markus Bischoff, Regierungsratskandidat der AL, meinte hingegen kürzlich an einem Podium: «Ohne Martin Graf wäre die Politik langweiliger.»