Ständeratskandidat
Martin Bäumle möchte das letze AKW der Schweiz persönlich abschalten

Der GLP-Ständeratskandidat sieht sich als Querdenker, der Lösungen einbringt, die auf den ersten Blick unmöglich erscheinen. Auch die Gründung der Grünliberalen hält er für eine solche Idee.

Patrick Gut
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«Die Zeiten von Buttergipfel oder Schoggibrötli zum Frühstück sind vorbei», sagt Martin Bäumle.

«Die Zeiten von Buttergipfel oder Schoggibrötli zum Frühstück sind vorbei», sagt Martin Bäumle.

Andreas Blatter

Martin Bäumle, der Ständeratskandidat der Grünliberalen (GLP), trifft leicht verspätet beim Restaurant «Bahnhof» in Dübendorf ein. Er hat dies rechtzeitig per SMS mitgeteilt. Am Vormittag noch an Sitzungen in Bern, hat Bäumle über Mittag seinen Rotary-Club in Dübendorf besucht.

Der GLP-Nationalrat trägt einen dunkelblauen Anzug und ein weisses, kurzärmliges Hemd, den Rucksack hat er umgeschnallt. Sein Tagesprogramm sieht einen Abstecher ins Wallis nach Visp vor. Dort zeichnet das Schweizer Fernsehen die Arena zum Thema Wirtschaft auf. Bäumles Meinung als Parteipräsident der Grünliberalen ist gefragt. Da er eine kleine Partei vertritt, steht er bloss in der zweiten Reihe, und die Zahl seiner Wortmeldungen wird klein sein.

Die Begeisterung für den Anlass hält sich wegen der langen Anreise und der damit verbundenen Zusatzbelastung denn auch in Grenzen. «Das Schweizer Fernsehen betreibt mit der Arena-Aufzeichnung im Wallis einen Riesenaufwand. Ich frage mich, was das mit Service Public zu tun hat», sagt Bäumle.

Um 15.34 Uhr muss er den Zug ab Dübendorf nehmen. Gegen Mitternacht wird Bäumle wieder in Dübendorf zurück sein. Ein geruhsames Wochenende kann der Politiker vergessen: Am Samstagmorgen besucht er zunächst eine Standaktion in Stäfa, dann geht es weiter an den Greifensee, wo er an der Velorundfahrt seiner Bezirkspartei teilnehmen wird – was immerhin Bewegung garantiert.

Bäumles Agenda ist während des Ständeratswahlkampfs bei gleichzeitiger Session in Bern noch übervoll. Um dem Vorsatz nach mehr Ruhe nachzuleben, plant Bäumle eine Auszeit von fünf Tagen nach dem ersten Wahlgang Mitte Oktober. Umso wichtiger ist der effiziente Umgang mit der knappen Ressource Zeit. Diesen hat der Grünliberale schon während der Mittelschule gelernt. «Im Gymnasium war ich ein Minimalist, aber trotzdem pflichtbewusst.» Damit genügend Freizeit blieb, musste er den Schulstoff effizient bewältigen.

Rüebli statt Gipfeli

Hat sich der Herzinfarkt im letzten Frühling also nicht nachhaltig ausgewirkt? Bäumle widerspricht. Er bewege sich heute mehr – gehe viele Strecken zu Fuss und habe seine Ernährung umgestellt. «Die Zeiten von Buttergipfel oder Schoggibrötli zum Frühstück sind vorbei», sagt er. Am Vormittag ernähre er sich von Rüebli und Äpfeln. Über Mittag verzichte er auf allzu fettige Speisen. Seit einem Jahr hält er das um 14 Kilogramm reduzierte Gewicht.

Die Medien thematisierten die Gesundheit des Politikers breit. Es war nicht das erste Mal, dass Bäumle auch mit den Boulevardmedien in Kontakt kam. Drei Jahre zuvor war seine Hochzeit mit der aus der Ukraine stammenden Yuliya ein gefundenes Fressen gewesen.

Der Grünliberale hat in beiden Fällen wohl keinen politischen Schaden genommen. Im Gegenteil: Er hat eher Sympathiepunkte gewonnen. Gemeinhin wird Bäumle reduziert auf seine Vorliebe für Berechnungen. Er ist jederzeit mit Excel-Tabellen im Gepäck anzutreffen, findet scheinbar für sämtliche Probleme eine errechnete Lösung. Mit «Der Kalkulator» war unlängst ein Bäumle-Porträt überschrieben. «Immerhin konnte ich Schlimmeres verhindern», sagt Bäumle. Der erste Vorschlag für den Titel sei «Der schnelle Brüter» gewesen. Eine Ohrfeige für Bäumle, der in der Anti-AKW-Bewegung politisiert wurde und sich wünscht, dereinst das letzte AKW in der Schweiz persönlich abzuschalten. «Selbst wenn ich dannzumal mit einem Rollator unterwegs sein sollte.»

Wissen, dann reden

Der Grünliberale hat Mühe mit dem Image des Taschenrechners. Er stehe aber dazu, Naturwissenschafter zu sein. «Ich will einen Sachverhalt verstehen, bevor ich darüber diskutiere und etwas behaupte», sagt Bäumle. Da würden Berechnungen manchmal dazugehören.

Die Bäumle-Spider

Die Bäumle-Spider

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Bäumle sieht sich selber als Querdenker, der Lösungen einbringt, die auf den ersten Blick unmöglich erscheinen. So sei es auch zur Gründung der Grünliberalen gekommen. Ausserdem sei er ein Vernetzer. Er versuche, Mehrheiten zu gewinnen und könne es nicht immer an die grosse Glocke hängen, wenn eine Idee von ihm stamme. «Sonst ist sie vielleicht schon gestorben.» Kommt eine Vorlage durch, die er mitgeprägt habe, gebe ihm das den nötigen Kick.

Das Problem: Um Wähler zu gewinnen, muss auch das Stimmvolk wissen, was jemand geleistet hat. So ist Bäumle dazu übergegangen, zumindest die Vaterschaft der Idee für einen Innovationspark auf dem Flugplatz Dübendorf für sich zu reklamieren. Ein Verdienst, das bis anhin seinem FDP-Mitbewerber Ruedi Noser allein zugeschrieben worden war. Man habe sich jetzt darauf verständigt, dass er der Vater und Noser die Mutter des Projektes sei.

Neun entscheidende Fragen zu Martin Bäumle

1 Wo steht Martin Bäumle innerhalb der eigenen Partei?
Bäumle verkörpert die Grünliberale Partei. 2004 hat er nach der Niederlage im Kampf ums Kantonalpräsidium der Grünen zusammen mit Verena Diener die Zürcher Kantonalpartei gegründet. 2007 folgte die Gründung der nationalen Partei, deren Präsident Bäumle nach wie vor ist.

2 Welche Politerfahrung bringt er mit und wie ist er vernetzt?
Der 51-jährige Bäumle schaut auf eine lange politische Laufbahn auf allen Ebenen zurück. An seinem Wohnort Dübendorf wählten die Stimmberechtigten Bäumle 1990 für die Gruppe Energie und Umwelt ins Gemeindeparlament. Dort politisierte er bis er 1998 den Sprung in den Stadtrat (Exekutive) schaffte. Seither amtet Bäumle als Finanzvorstand und hat sich als Sparpolitiker einen Namen gemacht. Von 1987 bis 1995 und 1999 bis 2004 sass er für die Grünen im Kantonsrat. Seit 2003 steht Bäumle auf der eidgenössischen Bühne im Nationalrat. Zunächst für die Grünen, nach der Parteiabspaltung für die Grünliberalen. Bäumle ist nicht bloss ein erfahrener Exekutiv- und Legislativpolitiker, er kennt sich auch in der Parteiarbeit aus. Er ist im Politbetrieb gut vernetzt.

3 Wie kommt der Kandidat bei den anderen Parteien an?
Manchmal wirkt Bäumle etwas stur und eigensinnig. Er gilt aber auch als dossiersicher und kompetent. Als Parteipräsident ist er massgeblich mitverantwortlich für die Listenverbindungen, die seine Partei eingegangen ist. Durch die Verbindung mit Ecopop beispielsweise hat Bäumle bei anderen Parteien angeeckt. Auf kurze Sicht bringen Listenverbindungen Erfolg. Das hat sich bei den Wahlen 2011 gezeigt, als die GLP sechs ihrer zwölf Nationalratsmandate den Listenverbindungen zu verdanken hatte. Längerfristig könnte das Image der Partei Schaden nehmen, wenn man nur auf die Arithmetik schaut.

4 Ist der Politiker volksnah?
Der Naturwissenschaftler hat eine Art, die gut beim Publikum ankommt. Bäumle ist bodenständig und seine Sprache ist gut verständlich. Wäre Bäumle abgehoben, hätte seine Partei keine derartige Erfolgsgeschichte geschrieben.

Zur Person

Martin Bäumle ist 51-jährig und wohnt in Dübendorf. Der Grünliberale hat Chemie studiert und ist Atmosphärenwissenschafter. Seine Firma ist allerdings nicht mehr aktiv. Bäumle fährt begeistert Töff. Er hat sich aber einen maximalen Benzinverbrauch von 200 Litern pro Jahr auferlegt. Als Hobbys gibt er ausserdem Billard, Skifahren und gutes Essen an. 2011 hat er geheiratet. (pag)

5 Welches Kernanliegen vertritt der Kandidat?
Seine Kernanliegen sind identisch mit dem Parteiprogramm der Grünliberalen: Bäumle will sich einsetzen für den konsequenten Schutz von Umwelt und Natur und für eine liberale Wirtschaft und Gesellschaft. In der Umweltpolitik steht für ihn die Energiewende im Vordergrund. In der Wirtschaftspolitik fordert der Grünliberale weniger Auflagen für Unternehmen. Bäumle strebt zudem wenig Schulden und tiefe Steuern an.

6 Was hat die Person bisher politisch bewegt?
Sein politischer Coup ist die Gründung der Grünliberalen. Bäumle hat eine Partei mit klarem Profil geschaffen: Grün und bürgerlich. Er bietet bürgerlich denkenden Menschen, die sich für die Umwelt einsetzen wollen, eine Alternative zur links stehenden Grünen Partei. Bäumle gilt als Mitinitiator des Innovationsparks. Auf Bundesebene fällt der Grünliberale nicht als eifriger Vorstossproduzent auf. Nach eigenem Bekunden wirkt er in den Kommissionen und prägt dort verschiedene Vorlagen. Ein Tolggen in seinem Reinheft ist die GLP-Initiative Energie- statt Mehrwertsteuer, die vom Stimmvolk dieses Jahr mit über 90 Prozent Nein-Stimmen verworfen wurde. Bäumle hatte das Geschäft innerhalb der GLP gegen parteiinternen Widerstand durchgeboxt.

7 Welche Interessenbindungen weist er auf?
Bäumle ist unter anderem Mitglied des Verwaltungsrats der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ). Er präsidiert den Stiftungsrat des Hilfswerks Green Cross Schweiz und er sitzt im Vorstand oder Beirat von verschiedenen weiteren Stiftungen und Verbänden, meist aus dem Wissenschaftsbereich.

8 Wie steht es um seine Wahlchancen?
Bäumles Partei hat bei den letzten Nationalratswahlen einen Wähleranteil von gut 5 Prozent erreicht. Das Wahlresultat auf kantonaler Ebene im Frühling lässt nichts Gutes ahnen. Bäumle muss weit über seine Partei hinaus Stimmen holen. Der eine oder andere bürgerlich denkende Wähler wird neben Ruedi Noser eher Bäumle als den SVP-Kandidaten auf den Wahlzettel schreiben. Ob er im links-grünen Lager punkten kann, bleibt abzuwarten. Bei all seiner Sachkompetenz fehlt ihm doch das Charisma von Verena Diener, die er beerben will.

9 Wie viel eigenes Geld steckt Bäumle in den Wahlkampf?
30 000 bis 50 000 Franken. (pag)