Hanf

Marke Eigenbau: Immer mehr Zürcher Hobbygärtner züchten ihr Gras selber

Eine Cannabis-Pflanze (Symbolbild, Archiv)

Eine Cannabis-Pflanze (Symbolbild, Archiv)

Cannabis zählt zu den mit Abstand am häufigsten eingenommenen illegalen Substanzen im Land. Die Zahl derer, die ihr Kraut selber produzieren, erscheint jedoch in keiner Statistik.

Von aussen ist es ein Mehrfamilienhaus wie jedes andere, irgendwo in Zürich. Auch das Treppenhaus sieht aus, wie Treppenhäuser halt so aussehen, aufgeräumt, ja beinahe steril. Niemand würde denken, dass sich hinter einer der vielen Wohnungstüren ein kleines Hanffeld verbirgt. Es ist das gut gehütete Geheimnis von Andreas Meier*.

Keine Angst, erwischt zu werden

Im kleinsten Zimmer, das andere als Büro oder Abstellkammer nutzen würden, hat der 30-Jährige eine Growbox aufgestellt, ein mannshohes Zelt, in dessen Innern eine 400-Watt-Lampe das Sonnenlicht ersetzt. Der süssliche Duft der Pflanzen dringt dank Aktivkohlefiltersystem nicht aus dem Zelt. Rund 40 Pflanzen stehen zurzeit kurz vor der Ernte. «Momentan bin ich am Auswaschen», sagt Meier. Das bedeutet, dass die Pflanzen, die drei Monate Zeit hatten, zu wachsen und die begehrten Blüten zu bilden, während zweier Wochen keinen Dünger mehr erhalten. «Damit es beim Rauchen kein Kopfweh gibt», sagt Hobbygärtner Meier.

Nur wenige wissen vom «Garten Eden», wie er sein Gewächshaus auch nennt. Angst davor, erwischt zu werden, habe er keine. «Viele meiner Freunde züchten selber», sagt er. Nur einer sei bisher aufgeflogen. Grund war ein Leck im Bewässerungssystem. Das ausgelaufene Wasser machte die Hausverwaltung auf die Anlage aufmerksam.

Meier sagt, er konsumiere den grössten Teil seines Krautes selbst, «zum Entspannen». Bei der nächsten Ernte rechnet er mit einem Ertrag von einem halben Kilogramm. Würde Meier diese Menge auf der Strasse verkaufen, bekäme er - bei einem Preis von 13 Franken pro Gramm - 6500 Franken. Meier erntet drei- bis viermal pro Jahr.

Zubehör für Gartenbedarf

Gemäss Suchtmonitoring Schweiz hat mehr als ein Viertel der Bevölkerung bereits einmal Hanf konsumiert. Cannabis zählt zu den mit Abstand am häufigsten eingenommenen illegalen Substanzen im Land. Die Zahl derer, die ihr Kraut selber produzieren, erscheint jedoch in keiner Statistik. Seitdem die Repression zugenommen hat und die einst weit verbreiteten Hanfläden schliessen mussten, dürfte die Zahl aber grösser geworden sein.

Marcel Müller, Sprecher der Hanfmesse Cannatrade, sagt: «Während vor 15 Jahren die gesetzliche Handhabung noch liberal war und Hanf zu grossen Teilen von Bauern angebaut wurde, haben wir heute eine grössere Dichte von Eigenanbauern.» Für die nächste Messe im Sommer 2014 in Dietikon erwartet er rund 100 Aussteller und 8000 Besucher.

Neben Raucherzubehör, Biodünger und Bergen von Fachbüchern präsentieren die Aussteller unter anderem auch Geräte zur schnellen Entblätterung von Hanfpflanzen - das erleichtert das mühsame Ernten der harzigen Blüten und nennt sich dann «Zubehör für den Gartenbedarf». Der Anbau von Hanf funktioniert aber auch ohne Technik, unter freiem Himmel draussen im Garten.

Zu starke Wirkung

Rosaria Donatelli*, die seit 22 Jahren in Zürich lebt, pflanzt jeden Frühling eine Handvoll Hanfsetzlinge auf ihrem Balkon zur Südseite. Das Gras aus Indoor-Plantagen, wie sie Meier betreibt, sei ihr viel zu stark, sagt Donatelli. «Das Cannabis, das wir vor 20 Jahren geraucht haben, war schwächer und schmeckte nicht nach Düngemittel», sagt die 41-Jährige.

Laut Studien kann der THC-Gehalt der heutigen Hanfsorten bis zu 20 Prozent betragen. Früher kam das Kraut aus dem Bündnerland, heute erntet Donatelli es auf dem Balkon oder kauft es «vom Freund eines Freundes». Sich selber würde sie nicht als Kifferin bezeichnen. «Jemand, der ab und zu ein Glas Wein trinkt, nennt sich auch nicht Säufer», sagt Donatelli. Von der Polizei wurde sie nur einmal angehalten, im Niederdorf. Die Polizisten drückten aber ein Auge zu und beliessen es bei einer Ermahnung. Das war 1996.

Kampf gegen Windmühlen

Gemäss Kriminalstatistik wurden 2012 in rund 7000 Fällen im Kanton Zürich 140 Kilogramm Marihuana und 21 Kilogramm Haschisch sichergestellt. Hinzu kommt über eine halbe Tonne unverarbeiteter Pflanzen, die im vergangenen Jahr von der Polizei beschlagnahmt und zerstört wurden. 71 Prozent der Delikte, die unter den Konsum von Betäubungsmitteln fallen, betreffen Hanfprodukte. Die Polizeiarbeit in diesem Bereich gleicht einem Kampf gegen Windmühlen.

Nachdem vor rund zehn Jahren ein Bundesgerichtsentscheid alle Pflanzen mit einem THC-Gehalt von mehr als 0,3 Prozent zu Drogenhanf machte, wurde die Repressionsschraube angezogen. Sämtliche Hanfläden verschwanden aus Schweizer Städten, gleichzeitig vergrösserte sich die Zahl der Anbieter von Technik und Zubehör für den privaten Anbau von Cannabis.

Der Betrieb einer eigenen Hanfzucht ist heute mit weniger Aufwand verbunden als der Unterhalt einer Modelleisenbahnanlage. Ein Einsteiger-Equipment, wie es auch Andreas Meier verwendet, kostet im Handel rund 1000 Franken und umfasst alles, was für die eigene kleine Hanfplantage notwendig ist - von der Erde bis zum automatisierten Bewässerungssystem.

Boomendes Geschäft

«Das Weihnachtsgeschäft läuft auf Hochtouren», sagt ein Händler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er schätzt, dass in der Schweiz pro Jahr 800 Personen mit dem Anbau von Hanf beginnen. Das Spektrum seiner Kundschaft ist breit, vom Bauern, der im grösseren Stil Hanf produziert, bis zum Schokoladenliebhaber, der die Anlagen zur Zucht von eigenen Kakaobäumen einsetzt. «Die Leute kommen zum Teil aus der Zentralschweiz zu uns an den Zürichsee, weil sie zu Hause um ihren Ruf fürchten», sagt er.

Zum Kundenkreis zählen aber auch Pharmaunternehmen. Sie kaufen Messgeräte und Lampensysteme für ihre Labors. Dass der Grossteil der Käufer in ihren Gewächshäusern weder Karotten noch Radieschen gedeihen lässt, ist und bleibt jedoch ein offenes Geheimnis.

*Namen geändert

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