Zürich

Marie Kondo aus Oerlikon: Als Ordnungscoach hilft sie Menschen, das Chaos zuhause zu bezwingen

Martina Domeniconi hat ihre Lieblingsbeschäftigung vor einem Jahr zum Beruf gemacht. Die 47-Jährige zeigt in ihrer Wohnung in Zürich Oerlikon, auf was man beim Aufräumen achten muss und wo sie in ihrem eigenen Heim noch Verbesserungspotenzial sieht.

«Hausordnung: 1. Mama ist der Boss, 2. Siehe Regel Nummer 1», heisst es auf einem Schild, das über den Küchenschränken in Martina Domeniconis Wohnung in Zürich Oerlikon thront. Die Tafel ist nicht nur dekorativ, sondern steht sinnbildlich für die Lieblingsbeschäftigung der 47-jährigen Mutter. Ein Hobby, das sie letztes Jahr zum Beruf machte. Domeniconi ist Ordnungscoach und hilft Menschen dabei, die eigenen vier Wände in ein aufgeräumtes Zuhause zu verwandeln.

«Es muss nicht perfekt sein, aber strukturiert», sagt Domeniconi und öffnet die Schränke in der Küche. Zum Vorschein kommen Boxen und Behälter. Sie sind mit «Nüsse», «Bouillons» oder «Znüni» angeschrieben. «Gleiche Gegenstände gehören zusammen. Geschirr, das oft gebraucht wird, platziert man auf Augenhöhe», sagt die Aufräum-Expertin. Sie blickt auf die Granitablage. «Eigentlich dürften laut Marie Kondo hier höchstens drei Dinge stehen. Doch bei mir sind es doppelt so viele.»

Domeniconi spricht von ihrem Vorbild, der Aufräum-Koryphäe Marie Kondo. Die Japanerin schrieb mehrere Bestseller und gibt ihr Wissen in Seminaren weiter. Spätestens mit der 2019 erschienenen Netflix-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» ist ihr Name auch in Kreisen von Nichtordnungsliebenden ein Begriff. «Ich habe alle ihre Bücher verschlungen und versucht, die Tipps umzusetzen», erzählt Domeniconi. Das war 2011, als sie gerade zum zweiten Mal Mutter geworden war und das Ordnunghalten zu Hause immer schwieriger wurde. Doch die Bücher reichten der 47-Jährigen bald nicht mehr.

Als Ordnungscoach fand sie den Weg zurück ins Berufsleben

«Ich fand heraus, dass man sich in der Schweiz zum Ordnungscoach ausbilden lassen kann.» Am liebsten wäre Domeniconi natürlich von ihrem Vorbild unterrichtet worden. «Doch die Seminare von Marie Kondo gibt es nur in den USA und sie sind sehr teuer. Zudem herrscht ein strenges Auswahlverfahren. Schüler müssen bereits viel Vorwissen mitbringen.» Stattdessen führte Martina Frischknecht, die als «Frau Ordnung» in Hombrechtikon arbeitet, Domeniconi 2019 in die Kunst des Aufräumens ein. Gleich im Anschluss machte sich die Zürcherin selbstständig. «Ich hatte zu der Zeit keinen Job, weil ich mich aufs Muttersein konzentrierte. Die Tätigkeit als Ordnungscoach schien mir zudem ideal, um wieder ins Arbeitsleben einzusteigen», erzählt die gelernte Tourismusfachfrau.

Seitdem unterstützt und berät Domeniconi unter dem Namen «Organize my Space» Menschen beim Aufräumen. Zu ihren Kunden zählen vor allem Familien, ältere Ehepaare und alleinstehende Frauen. «Zuerst besuche ich die Leute zu Hause, um mir ein Bild zu verschaffen. Wenn ich ihnen nicht sympathisch bin oder es für mich nicht stimmt, kann man die Sache immer noch abblasen.» Schliesslich würden die Kunden ihr sehr private Einblicke in ihr Leben geben. «Gewissen zeige ich etwa, wie sie ihre BHs am besten falten oder wie sie sich von bestimmten Dingen trennen können.» Ihre Arbeit funktioniere daher nur, wenn es menschlich passe.

Auf das Gespräch folgt ein dreistündiges Coaching für rund 250 Franken. «Danach sind die meisten total kaputt», sagt Domeniconi. Während eines Coachings räumt sie zum Beispiel einen Schrank mit ihren Kunden aus und zeigt ihnen, wie sie nachhaltig Ordnung schaffen können. «Anhand dieses Beispiels und mit Hilfe meiner Tipps sollten sie danach fähig sein, das Gelernte auch für anderes anzuwenden.»

Die Aufräum-Expertin gibt Kunden überdies einige Faustregeln mit auf den Weg, damit nach ein paar Wochen nicht bereits wieder das Chaos einzieht. «Wichtig ist, dass man das Aufräumen nicht bis zum Wochenende aufschiebt. Dann wird der Aufwand so gross, dass man sich fast nicht mehr dazu überwinden kann.» Zehn Minuten pro Tag würden ausreichen. Sie empfiehlt zudem, Kleider und Tücher nicht aufeinanderzustapeln, sondern sie zu falten und in eine Box oder einen Behälter zu stellen. «So hat man eine bessere Übersicht und verursacht beim Rausnehmen kein Durcheinander.» Ans Herz legt Domeniconi jedem die «One in, one out»-Regel. «Wenn man beispielsweise ein neues T-Shirt kauft, sollte man ein altes wegwerfen. So verhindert man, dass der Kleiderschrank überquillt.»

Nach dem Lockdown wurde sie mit Anfragen überhäuft

Die Flut an Dingen stelle generell ein Problem dar. «Wir brauchen höchstens 20 Prozent unserer Sachen regelmässig. Der Rest belastet uns nur. Wir müssen die Dinge abstauben, sauber halten und ordnen. Da kann man schnell den Überblick verlieren», sagt Domeniconi. «Unordnung entsteht, wenn man zu viele Sachen besitzt.» Aus diesem Grund findet sie auch, dass sich niemand dafür schämen muss, wenn er ab und zu ein Puff hat. Doch sie weiss: «Der Alltag fällt leichter mit Struktur und Ordnung. Dann kommt man zur Ruhe und kann das Leben besser geniessen.» Das scheinen auch einige Zürcherinnen und Zürcher während des Corona-Lockdowns gemerkt zu haben. Domeniconi wurde nach dessen Ende mit Anfragen überhäuft. «Weil man viel mehr Zeit zu Hause verbrachte, hat das Bedürfnis nach einem ordentlichen Daheim zugenommen.»

Auch in ihrem Zuhause gebe es Baustellen, sagt Domeniconi und zeigt auf ein Möbel im Wohnzimmer. Darin bewahre ihr Mann Spirituosen auf. «Es ist so unordentlich, doch er hat mir verboten, es aufzuräumen», sagt sie und lacht. Auf dem Schrank daneben liegt ein Buch von Marie Kondo. «Vielleicht schaffe ich es doch mal, einen Kurs von ihr zu besuchen», sagt Domeniconi. Doch bis dann müsse sie noch so einige Schränke, Küchen und Wohnzimmer ausmisten.

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