Kennen Sie jemanden, der «Swissview» nicht kennt?

Marco Fumasoli: Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, wissen 95 Prozent sofort, wovon ich rede.

Wann waren Sie das letzte Mal mit der Kamera in der Luft?

Im Herbst flogen wir von Kloten aus über die Innerschweiz. Im Mai werden wir über der Ostschweiz filmen.

Wie entstand «Swissview» eigentlich?
Die Uridee wurde durch die Lancierung des TV-Senders Schweiz 4 geboren. Nachdem ich SF als Kreativdirektor verlassen hatte, liess ich mir den Heissluftballon als Logo für den neuen Sender einfallen. Damit gewann ich den Wettbewerb. Wir filmten den Ballon über der Schweizer Landschaft - vom Helikopter aus. Es sollten eigentlich nur ein bis drei Minuten lange Clips werden. Doch weil die Zuschauer die Bilder so sehr liebten, hängten wir komplette Flüge rein und drehten über dem ganzen Land.

Auf Schweiz 4 war «Swissview» sehr präsent. Später auf SF deutlich weniger. Warum?

Mit der Zunahme der Serien wurde der Raum für «Swissview» kleiner. Heute wird das Format täglich auf HD Suisse ausgestrahlt.

Bei Ihren Flügen spielt stets die Landschaft die Hauptrolle. Es gibt weder ein Drehbuch noch Schauspieler. Was ist das Geheimnis?

Das Geheimnis ist die Schweizer Landschaft. Der Zuschauer bleibt am Bildschirm kleben und will immer noch einen Berg, noch ein Tal und noch ein Dorf sehen. Er ist einfach verblüfft, dass ein Bild, in dem so wenig passiert, so begeistern kann. Ein nicht zu unterschätzendes Element ist die sphärische Musik, die seit Jahren vom bekannten Nik Bärtsch komponiert wird. Durch sie erwachen die Luftaufnahmen zum Leben.

Ein solcher Flug bedingt eine akribische Vorbereitung und klare Regieführung. Wie sieht die Zusammenarbeit in der Luft aus?

Wir verstehen uns inzwischen fast blind. Mein Pilot Sandro Brugnoli sieht voraus, was mich an einer Route interessiert. Und der Kameramann Ueli Haberstich ahnt, wann Details gefragt sind und wann sich das Blickfeld öffnen soll.

Das Filmen im extremen Tiefflug gehörte von Anfang an zum Konzept. Hat sich etwas seit den Anfangszeiten verändert?

Heute fliegen wir sehr viel ruhiger und langsamer. Das Rohmaterial schneiden wir eigentlich nicht mehr. Ausnahmen sind das Ende des Bandes oder des Fluges oder Mücken auf der Linse - Insekten sind unsere ärgsten Feinde.

Gezoomt wird ebenfalls weniger häufig.

Ja, schon aus Diskretionsgründen. Früher hatten wir fokussiert, bis man die Schnauzhaare zählen konnte.

So gesehen sind Sie ein Vorläufer von Google Street View.

(Lacht.) Das war natürlich nie die Absicht. Die Grundidee war, die Landschaft zu individualisieren. Das ging am besten durch die Menschen, die darin leben. Wir gingen immer gleich vor: Erst sah man eine Gegend in der Totalen, dann eine Gemeinde, dann einen Weiler, dann den Pöstler oder den Bauern, der mit der Heugabel in der Hand zum Helikopter hochschaut.

Mit Datenschützern mussten Sie sich noch nicht herumschlagen?

Bisher nie. Zum Glück hat «Swissview» nicht das Image von Google.

Die Sicht aus der Vogelperspektive kann sowohl faszinierend als auch beängstigend sein. Wo ist der Kontrast besonders gross?

Immer dort, wo der Mensch in die Natur eingegriffen hat. Beim Anblick schmelzender Gletscher wird mir unbehaglich. Auch wenn etwas besonders hässlich ist, halten wir voll drauf. Pfäffikon SZ ist leider ein solches Beispiel: Da hat man wirklich das Gefühl, als hätte ein grosser Lastwagen einfach seine Ladung hingekippt. Da wurde ohne Rücksicht gebaut.

Wurde die Idee von «Swissview» im Ausland schon abgekupfert?

Bisher nicht. Aber auf Youtube gibt es einige nicht autorisierte Kopien. Wir sind gerade dabei, diesen Piraten das Handwerk zu legen.
Die meisten «Swissview»-Filme gibt es auf bestimmten Internetseiten als Gratis-Download in HD-Qualität.

Mich ehrt das breite Interesse. Weil uns solcher Diebstahl aber schadet, werden wir auch dagegen juristisch vorgehen müssen.

Ihr jüngstes Projekt ist eine neue iPhone-App. Man wird somit mobil?

Ja. Es geht darum, zum jeweiligen Standort des Benützers Luftbilder anzubieten. Interessant ist das für Touristen, Architekten, Stadtplaner, Lehrer oder für jeden Einwohner, der sein Quartier aus der Luft sehen will. 1500 Clips à drei Minuten sind im Angebot. Die App ist gratis, die einzelnen Clips sind kostenpflichtig. Wir wollen ja neue Projekte anreissen.