Zürich
Marco Camin: Der Sowohl-als-auch-Kandidat für den Stadtrat

Am Morgen habe er noch ein Gebiss fertiggestellt, sagte Marco Camin an der Pressekonferenz zum Auftakt seines Wahlkampfs. Der Zahntechniker und FDP-Kandidat für die Zürcher Stadtrats-Ersatzwahl betont gern sein Dasein als bodenständiger Gewerbler.

Matthias Scharrer
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Vor dem Wahlkampf-Auftakt noch ein Gebiss fertiggestellt: Marco Camin an seinem Arbeitsplatz.

Vor dem Wahlkampf-Auftakt noch ein Gebiss fertiggestellt: Marco Camin an seinem Arbeitsplatz.

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Gleichzeitig versucht er, ja nicht zu einseitig zu erscheinen, sondern sich als jovialer Politiker zu präsentieren, der sowohl rechtsbürgerliche wie auch linke und grüne Wähler anspricht. Die Folge ist eine Sowohl-als-auch-Rhetorik, die ihn inhaltlich schwer fassbar macht.
«Patron mit sozialem Gewissen»
«Ob er wirklich ökobewusst ist, weiss ich nicht», sagt etwa Markus Knauss, Fraktionschef der Grünen im Zürcher Stadtparlament. Und die SP-Fraktionschefin Min Li Marti meint: «Sein Auftritt ist geschickt. Er gibt sich als Patron mit sozialem Gewissen und versucht, niemanden vor den Kopf zu stossen. Es fragt sich aber, wie durchsetzungsfähig er als Stadtrat wäre.»
Roger Liebi wiederum, Präsident der Stadtzürcher SVP, die Camin eigentlich Unterstützung zugesagt hat, erklärte gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Seine Wahlkampftaktik ist offensichtlich auch auf Anbiederung aus. Er ist für unsere Wählerbasis bis jetzt völlig uninteressant.» Wofür also steht Marco Camin ein?
Die Nominationsrede, die er vor den FDP-Delegierten hielt, lieferte Anhaltspunkte: «Die spannende Seite vom Gewerblersein kenne ich - aber auch die schwierige. Darum möchte ich die glaubwürdige Stimme für all jene sein, die hart arbeiten. Für die, die chrampfen», sagte Camin an jenem Abend unter Applaus. Und: «Ich will die Stimme für unseren Werk- und Finanzplatz sein.»
Gegen «bürokratische Dauerläufe»
Konkret sprach er sich gegen «bürokratische Dauerläufe» aus, unter denen das Gewerbe noch immer leide - auch wenn sich schon Vieles gebessert habe. Und er plädierte für Ganztagesschulen. «Wir können es uns nicht leisten, das enorme Potenzial der Frauen ungenutzt stehen zu lassen», sagte Camin just an jenem Abend, als er sich gegen seine parteiinterne Konkurrentin um die Stadtratskandidatur, Kantonsrätin Carmen Walker Späh, durchsetzte.
Grünem Gedankengut zeigte er sich ebenfalls zugetan. Doch auch hierbei folgte sogleich die Einschränkung: «Es reicht nicht, nur grün zu sein. Die Umweltpolitik kann nur funktionieren, wenn sie von der Privatwirtschaft getragen und weiterentwickelt wird.»
Zudem warb er für verdichtetes Bauen nach dem Vorbild des Prime Towers, den er als «Wahrzeichen des aufbrechenden Zürichs» bezeichnete. Ein Anliegen ist ihm auch die Offenheit gegenüber qualifizierten Arbeitskräften aus dem EU-Raum wie auch aus Drittstaaten, wie Camin verschiedentlich festhielt. «Aber eine vernünftige Integration, das gehört einfach dazu.» Im gleichen Atemzug nannte sich der Sohn italienischer Einwanderer ein «glaubhaftes Beispiel dieses Integrationsgedankens.» Handkehrum betonte Camin wiederholt, dass er in Zürich «tief verwurzelt» sei.
Zahntechniker und Bierbrauer
Der heute 49-Jährige lebte von Geburt an in Zürich - sogar im gleichen Quartier, dem Seefeld, wie er auf Anfrage lachend sagt. Die italienische Staatsbürgerschaft habe er vor einigen Jahren zusätzlich zur schweizerischen angenommen, um vor allem seinen Kindern mit dem EU-Pass mehr Flexibilität zu ermöglichen.
Im Zürcher Seefeld gründete er 1989 mit seiner Frau ein Zahntechnik-Unternehmen, das heute acht Mitarbeitende zählt, und 2002 mit Parteifreund Urs Egger eine kleine Brauerei.
Politisch blieb er bis zur Stadtratskandidatur eher im Hintergrund: von 2006 bis 2012 als Vize-Präsident der Stadtzürcher FDP, seit 2009 als Wahlkampfleiter der kantonalen FDP. 2007 wurde Camin ins Zürcher Stadtparlament gewählt, zwei Jahre später rutschte er in den Kantonsrat nach, wo er jedoch 2011 die Wiederwahl verpasste.
«Ohne Brille füdliblutt»
Nun lächelt sein Gesicht einem von Plakaten und Inseraten auffällig oft entgegen. Sein Hauptziel sei «Wachstum in dieser Stadt», brachte Camin sein Programm beim Wahlkampf-Auftakt Anfang Januar auf den Punkt. Und als ihn jemand fragte, ob er eine neue Brille habe, sagte Camin, er habe mehrere Brillen: eine Arbeitsbrille, eine Bürobrille, eine Hornbrille. «Ohne Brille fühle ich mich füdliblutt.» Seine politischen Blickwinkel scheinen ähnlich vielfältig wie seine Brillen.