Prävention
Manchmal kann Reden Leben retten: Der Kanton Zürich und die SBB lancieren eine neue Kampagne

Mit einer neuen Suizidprävention "Reden kann retten" wollen Kanton und die SBB ein Tabu brechen und Betroffenen helfen

Lina Giusto
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Der Schienensuizid ist für Lokführer, Zugpersonal, Passagiere und Augenzeugen eine starke Belastung. Ein solcher Vorfall kann auch Traumata auslösen.

Der Schienensuizid ist für Lokführer, Zugpersonal, Passagiere und Augenzeugen eine starke Belastung. Ein solcher Vorfall kann auch Traumata auslösen.

Chris Iseli

Jeden dritten Tag stirbt in der Schweiz ein Mensch, weil er sich vor den Zug stürzt. Die SBB reden in diesem Zusammenhang denn auch explizit von Schienensuizid. Um suizidgefährdeten Personen zu helfen, lanciert der Kanton Zürich zusammen mit den SBB die nationale Präventionskampagne «Reden kann retten». Unterstützt wird das Projekt zudem von der Dargebotenen Hand.

Zwar sinkt seit den 80er-Jahren die Zahl der Suizidtoten in der Schweiz. Aber jene der Schienensuizide ist seit 2003 um fast drei Prozent gestiegen. Kathrin Amacker, Leiterin Kommunikation der SBB, sagt: «Wir wollen einen Trendbruch auslösen.» Für Lokführer, Zugpersonal, Fahrgäste und weitere Augenzeugen sind solche Situationen schwer verkraftbar und lösen eine grosse Betroffenheit aus. Entsprechend sind die SBB seit 2012 in der Suizidprävention aktiv.

Ziel der Kampagne ist, gefährdete Personen zu ermuntern, über Suizidgedanken zu reden. Zudem soll auch das betroffene Umfeld, wie Familie, Freunde, bis hin zu Arbeitskollegen Unterstützung erhalten, wie sie mit suizidgefährdeten Personen umgehen sollen. Die an der gestrigen Medienkonferenz im Walchezentrum Zürich anwesenden Kampagnen-Initianten betonten, dass Gespräche über Suizidgedanken eine wichtige Entlastung bringen können. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger sagt dazu: «Prävention geht uns alle an.»

Kanton Zürich als Vorreiter
Nach wie vor kommt es jährlich zu rund 1000 Suiziden in der Schweiz. Davon passiert rund ein Sechstel im Kanton Zürich. Heiniger erklärt, warum Zürich als erster Kanton diese Kampagne lanciert: «Suizid verursacht mehr Todesfälle als Strassenverkehr, Aids und Drogen zusammen. In diesen drei Bereichen aber ist die Prävention bereits eine Selbstverständlichkeit. Das muss sie auch im Zusammenhang mit Suizidalität werden.»

Im Herbst 2015 wurde denn auch das Thema Suizidprävention als kantonales, direktionsübergreifendes Schwerpunktprogramm für den Kanton aufgenommen. Es beinhaltet Massnahmen wie die Bekanntmachung von Hilfsangeboten, Waffenrückrufe, Schulung von Sozialarbeitern, Ärzten und Personal in medizinisch verwandten Berufen. Diese Präventionsarbeit wird nun in Zusammenarbeit mit den SBB und den weiteren Partnern auf die nationale Ebene gebracht.

SBB testen Lokomotivkamera zur Verhinderung von Schienensuizid

Die SBB prüfen in Zusammenarbeit von Hochschulen den Einsatz von hochauflösenden Lokomotivkameras, die frühzeitig Bewegungen in Schienennähe erkennen können. Die Kameras lösten ein Signal aus, dass dem Lokführer anzeige, sofort zu bremsen. Neben der Hilfe für den Lokführer, Personen in Schienennähe früher erkennen zu können, wären solche Kameras auch für die Polizei bei der Aufarbeitung eines erfolgten Schienensuizides hilfreich. «Ausgereift ist dieses Projekt aber noch nicht», sagt Kathrin Amacker von den SBB. Diese Tests sind weitere Massnahmen im Rahmen der Suizidprävention der SBB. Dazu gehören seit 2012 Patrouillen am Bahnhof und die Schulung von über 10 000 Mitarbeitern, suizidgefährdete Personen frühzeitig zu erkennen und zu wissen, wie sie diese ansprechen müssen. Weiterhin werden Tafeln der Dargebotenen Hand an kritischen Stellen installiert. Seit dem Fahrplanwechsel im vergangenen Dezember haben die SBB zudem die Kundeninformationen geändert. «Personenunfälle» werden grundsätzlich nur noch im betroffenen Zug oder im betroffenen Bahnhof gemeldet. «Wir haben gemerkt, dass nur schon die breite Information über einen Personenunfall Nachahmungstaten fördern könnte», sagt Amacker dazu. Als Nächstes versuchen die SBB mit der Kampagne «Reden kann retten», konkrete Hilfsangebot

Reden ermöglicht Hilfe
Die Kampagne «Reden kann retten» zeigt ein Familienfoto, worauf der Vater ausgeschnitten ist. Die Präventionskampagne von Kanton und SBB ist auf den multimedialen Auftritt fokussiert. Mittels Bannerwerbung im Internet sollen Betroffene auf die Kampagne und das Hilfsangebot aufmerksam gemacht werden. So liefert die Website Hintergrundinformationen zum Thema, gibt Gesprächstipps für Betroffene und ihr Umfeld und bietet Adressen mit Hilfsangeboten an. Wegen der digitalen Gestaltung verzichten die Initianten auf grossflächige Plakatwerbung der Kampagne. Während der dreijährigen Laufzeit von «Reden kann retten» sind weitere Aktionen geplant. Schon im nächsten Jahr soll es Fernsehspots und eine Kampagne für Jugendliche geben.

Für das Jahr 2016 sind eine halbe Million Franken budgetiert. Mehrheitlich tragen diese die SBB und ein Teil der Kanton Zürich.

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:
Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: 143
Beratungstelefon von Pro Juventute
(für Kinder und Jugendliche): 147
Weitere Adressen und Informationen gibt es unter: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben:
Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net