Kleinklassen
«Manche Kinder kann man einfach nicht integrieren»

Die Mittelstufenlehrer kritisieren das Modell der integrativen Förderung. Nicht alle Schüler seien in einer Regelklasse gut aufgehoben, sagen sie und fordern die Wiedereinführung spezieller Kleinklassen.

Anna Wepfer
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Viele Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich die Wiedereinführung von Kleinklassen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich die Wiedereinführung von Kleinklassen.

az-archiv

Nur wenige Themen werden so oft und emotional diskutiert wie die Volksschule. Den neusten Anstoss dazu gibt die Zürcher Mittelstufenkonferenz (ZKM) zum Stichwort «integrative Förderung». In einer geharnischten Mitteilung kritisiert die Gewerkschaft den Grundsatz, dass seit einigen Jahren sämtliche Schüler auch trotz massiver Schwächen in der Regelklasse unterrichtet werden. «Die Integration ist gescheitert», schreibt sie.

Der Kritik zugrunde liegt eine Umfrage unter 4.- bis 6.-Klass-Lehrern. Das Resultat: 82 Prozent sagen, die Integration aller Kinder lasse sich in der Praxis nicht umsetzen. Trotz eigens ausgebildeter IF-Lehrerinnen, die den Klassen während einiger Stunden pro Woche als Unterstützung zur Verfügung stehen. Die Frage, ob sie mit der Situation seit der Einführung der Integration zufrieden seien, beantworteten 76 Prozent der Teilnehmer der Umfrage mit Nein. Mitgemacht haben insgesamt rund 130 Lehrerinnen und Lehrer.

ZKM-Präsident Harry Huwyler räumt ein, der Rücklauf sei mit 15 Prozent ziemlich klein. Die Resultate seien allerdings so deutlich, dass sie trotzdem aussagekräftig seien. Huwyler interpretiert die Ergebnisse nicht als Votum gegen das Integrationsmodell, aber gegen Pauschalisierung. «Die Erfahrungen zeigen, dass man manche Kinder einfach nicht integrieren kann», sagt er. Tue man es doch, so zum Schaden des betroffenen Kindes wie auch der ganzen Klasse.

Schüler beisst Lehrerin

Huwyler schildert einen Fall, wo ein aggressiver Knabe nicht nur die Mitschüler bedroht, sondern auch die Lehrerin in den Arm gebissen hat. «Solchen Schülern wird man mit zwei, drei IF-Stunden pro Woche nicht gerecht. Sie bräuchten ständige Einzelbetreuung.» Es sind auch sonst meist disziplinarische Probleme, die Zweifel an der Integration schüren.

Lernschwache oder behinderte Schüler seien in der Regel kein Problem sagt Huwyler, aber stark Verhaltensauffällige blockierten mit ihrem Benehmen mitunter ganze Klassen. «Solche Kinder gehören nicht in eine Regelklasse», sagt Huwyler. Es sei aber meist auch nicht nötig, sie in eine teure Sonderschule zu stecken.

Besser sei es, sie in einer Kleinklasse mit zehn bis zwölf Kindern zu unterrichten, wo ihnen geschulte Lehrpersonen viel Aufmerksamkeit schenkten. Solche Kleinklassen gehörten bis vor einigen Jahren zum Standardangebot der Zürcher Volksschule. Seit das neue Volksschulgesetz aber die integrative Förderung zum Grundsatz erhob, haben viele Gemeinden ihre Kleinklassen abgeschafft.

Die Mittelstufenlehrer fordern nun, dass sie wieder eingeführt werden – und zwar inklusive zusätzlicher Stellenprozente für das nötige Personal. Fast drei von vier Teilnehmern der Umfrage stehen hinter dieser Forderung. Ziel ist es laut Huwyler nicht, bestimmte Kinder für die gesamte Schulzeit in Kleinklassen zu versorgen. Sie sollen aber so lange speziell betreut werden, bis sie fit sind für den Übertritt in eine Regelklasse. Die meisten Kinder schafften das, der Prozess dauere aber manchmal Jahre.

Die Gemeinden entscheiden

Martin Wendelspiess, Chef des kantonalen Volksschulamtes, nimmt diese Forderung gelassen zur Kenntnis. Er sagt, es stehe den Gemeinden bereits heute frei, Kleinklassen zu führen. Sie müssten aber bereit sein, dafür einen Teil der Stellenprozente einzusetzen, die ihnen vom Kanton zugeteilt werden. «Wenn eine Gemeinde sich eine Kleinklasse leisten will, muss sie im Gegenzug die übrigen Klassen vergrössern oder bei der integrativen Förderung Abstriche machen», sagt Wendelspiess. Derzeit existieren im Kanton noch rund 60 solche Klassen – vor allem in der Agglomeration Zürichs und in Winterthur. In der Stadt Zürich hingegen sind sie nicht mehr zulässig.

Für Huwyler wäre das ohnehin keine wirkliche Lösung. Eine optimale Betreuung bekämen so nur die besonders Verhaltensauffälligen, die dann auch in die Kleinklasse kämen. Daneben gebe es viele Kinder, die ebenfalls Defizite hätten, für die dann aber kaum mehr Ressourcen übrig blieben – geschweige denn für die besonders Begabten. Wendelspiess reicht in diesem Punkt den Ball an den Kantonsrat weiter, der den Verteilschlüssel für die Stellen im Lehrerpersonalgesetz festgelegt hat. Dieser könnte im Rahmen der EVP-Initiative für kleinere Klassen demnächst zugunsten der Schulen überarbeitet werden.

Wendelspiess findet mehr Ressourcen zwar nicht nötig. «Aber natürlich würden sie den Gemeinden mehr Raum für kreative Lösungen geben», sagt er. In eine ähnliche Richtung zielt eine parlamentarische Initiative von SVP, EVP und EDU. Sie fordert grundsätzlich mehr Autonomie für die Gemeinden bei der Gestaltung sonderpädagogischer Massnahmen. Der Vorstoss wurde im Rat vorläufig unterstützt.