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Malen, wenn die Freunde schlafen: Yoel schiebt jeden Tag Nachtschicht

Tagsüber herrscht an der Zürcher Hochschule für Künste emsiges Treiben, Lärm und auch Hektik. In der Nacht wird es ruhig. Dann beginnt für den Schlieremer Studenten Yoel Curiger die Arbeit. Bis morgens um 6 Uhr ist er im Atelier. Danach schläft er.

Anja Mosbeck
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Konzentration: ZHdK-Student Yoel Couriger bei der Arbeit.
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Hinter den Bilderwänden versteckt sich Yoel Curigers Atelier.
Einige seiner bisherigen Arbeiten
Ein Blick ins ganze Atelier
Nachtarbeit in der Zürcher Hochschule der Künste

Konzentration: ZHdK-Student Yoel Couriger bei der Arbeit.

Anja Mosbeck

Inmitten von Farbpaletten, halb leeren Kartuschen und Pinseln stehen zwei Energiedrinks auf dem Arbeitstisch. Sie passen so gar nicht in die künstlerische Atmosphäre des Ateliers von Yoel Curiger.

Für den 24-jährigen Medien- und Kunststudenten der Vertiefung Bildende Kunst sind sie aber fester Bestandteil der Nachtarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste. Gelassen setzt er sich an seinen Arbeitsplatz und schiebt die beiden Getränke erst mal zur Seite. «Dafür ist es noch ein wenig zu früh», sagt er. Es ist 22 Uhr. Später werden sie aber zum Einsatz kommen.

Der junge Schlieremer beginnt seinen Arbeitsbereich einzurichten. Dabei legt er seinen Laptop, sein Notizbuch, Papier, Pinsel und eine Palette auf den Tisch. Hinter ihm sind Dutzende Bücher aufeinandergestapelt – viele davon Comics aus Japan, Europa oder den USA. Bis zum Semesterende will Curiger seinen eigenen Comic in den Händen halten.

Mit eigens gemalten Bildern und dazu passendem Text will er seine ganz persönliche Fantasiegeschichte erzählen. Um dies umzusetzen, gehört zu seiner nächtlichen Arbeit abwechslungsweise Schreiben und Malen. «Manchmal schreibe ich einen Gedanken in mein Skript, muss ihn dann aber auch auf Papier malen, um den Gedanken in einem Bild festhalten zu können», sagt er. Immer wieder zu malen, sei gleichzeitig eine Art Übung für das Endprodukt, denn dann wolle er die Figuren ohne Fehler auf Papier bringen.

Diese Arbeitsschritte finden ganz hinten in einem kleinen Eck des Ateliers statt. Sein Arbeitsbereich ist umgeben von grossen, weissen und bemalten Leinwänden, die nur einen spärlichen Blick von aussen auf sein Schaffen gewähren – fast wie eine kleine Festung. «Ich muss mich zurückziehen können, damit ich mich in meiner Welt wohlfühle», sagt er.

Im Atelier hat es Platz für drei bis vier Studenten. Wenn für Curiger um 22 Uhr die Nacht, oder wie er sagt, sein Tag beginnt, ist er aber meistens ganz allein. In anderen Ateliers seines Studiengangs sieht es ähnlich aus. Nie seien alle Ateliers vollständig besetzt. Meistens findet man ein oder zwei Studenten bei der Arbeit. Dies wechsle von Nacht zu Nacht.

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Silvia Brosig

Rhythmuswechsel kam von allein

Nur Curiger ist jede Nacht in seinem Atelier aufzufinden. Für ihn sind diese Nachtschichten längst nicht mehr nur eine Notlösung, um mit seinem Projekt vorwärtszukommen, weil der Abgabetermin vor der Tür steht.

Seit dem Umzug Ende 2014 in das neu erbaute Gebäude auf dem Toni-Areal in Zürich-West hat sich für ihn ein anderer Rhythmus eingependelt: Am Tag schlafen und in der Nacht arbeiten. «Vorher war die Vertiefung Bildende Kunst in einem eigenen Gebäude. Da hatte man tagsüber mehr Ruhe. Darum war es nicht notwendig, in der Nacht im Atelier zu arbeiten», sagt Curiger.

Hier im Toni-Areal gebe es teilweise mehrere Fakultäten auf dem gleichen Stock. Die Räume seien zwar grösser, trotzdem habe es mehr Studenten auf engerem Raum. Darum sei alles viel hektischer und lauter.

Trotz dem Wechsel lebe er ganz gut mit seinem neuen Rhythmus, fast noch besser sogar, wie er sagt. In der Nacht könne er sich auf das Wesentliche konzentrieren. «Ich bin ruhiger und habe nicht das Gefühl, dass ich noch einkaufen gehen oder mich mit Freunden treffen könnte, denn die Läden haben zu und die Freunde schlafen», sagt er.

Anfangs sei die Umstellung zwar schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig gewesen, er habe aber nie das Gefühl gehabt, sich zu einem anderen Rhythmus zwingen zu müssen. Denn er habe die Nacht schon immer als angenehm empfunden. «Es ist kühler und das entspannt meinen Körper», sagt er. Zudem habe er seine Ruhe und werde nicht ständig durch Tageslärm abgelenkt.

Die einzige Lärmquelle, wenn er das Fenster öffne, sei der Zug. «Mittlerweile haben wir aber Frieden geschlossen», sagt er und lacht. Wahrscheinlich würde ihm das Geräusch sogar fehlen, wäre es plötzlich nicht mehr da. Denn so wie Farbe, Pinsel, Energiedrinks und Comics, sei das Zuggeräusch Teil seiner Arbeit hier und trage unbewusst zu seiner nächtlichen Inspiration bei.

Diese sei aber nicht immer gleich stark, gesteht Curiger, während er Musik andreht. Ein Lied der isländischen Band Sigur Ros ertönt. «Musik trägt viel zu meiner Inspiration bei. Ohne sie könnte ich nicht arbeiten, denn es wäre mir zu still. Zudem vermittelt sie mir ein gewisses Zeitgefühl», sagt er. Je nach Stimmung wähle er ein Lied aus, was wiederum Einfluss auf sein Schaffen habe.

«Ein weiterer Vorteil der Nacht: Ich kann hören, was ich will und so laut wie ich will, niemand stört sich daran», sagt er und macht weisse und blaue Farbe auf seiner Palette parat. Mit diesen Farben könne er besonders gut üben, den Engeln, die in seinem Comic vorkommen und aus Glas sind, den gewünschten Effekt zu verleihen. Es ist kurz nach Mitternacht, als Curiger seinen ersten Strich auf Papier bringt. Dabei summt er leise zur Musik. Je länger er malt, desto mehr versinkt er in seiner Arbeit, scheint die Aussenwelt nicht mehr wahrzunehmen.

«Jetzt komme ich langsam in meinen nächtlichen Flow», sagt er nach einer Weile plötzlich. Die Nacht versetze ihn in eine Art Rauschzustand. Vielleicht trage das grelle Licht im Kontrast mit der Dunkelheit draussen dazu bei. Es wirke alles so künstlich, aber trotzdem irgendwie sehr real. «Das ist manchmal beängstigend, wenn nur noch ich und die Nacht im Raum sind», sagt Curiger.

Allein zu sein bedeute für ihn aber auch Freiheit. «Ich fühle mich unbefangen und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Oftmals entstehen dabei die verrücktesten, aber auch kreativsten Ideen», sagt Curiger. Denn er denke nicht so viel darüber nach, was er genau mache, er mache einfach – genauso, wie er ab und zu ein Wort nach dem andern vor sich hin murmelt, ohne dass dabei ein Zusammenhang besteht.

Wachschub auf dem Dach

Es ist 2 Uhr. Zeit für das erste Red Bull. Obwohl er tagsüber schläft und nachts eigentlich keine Probleme haben sollte, wach zu bleiben, habe sich das mit den Energiedrinks irgendwie so ergeben, sagt Curiger. «Wahrscheinlich Gewohnheitssache, einen Wachmacher zu nehmen, wenn es dunkel ist», meint er. Müde sei er aber noch nicht, das beginne jeweils so gegen 5 Uhr.

Er zeichnet an seinem Engel weiter bis um 3:15 Uhr. Dann steht er plötzlich auf. «Jetzt gehe ich aufs Dach. In der Hälfte mache ich immer eine längere Pause», sagt Curiger. Auf dem Dach geniesse er die Aussicht über Zürich. Die Dunkelheit und frische Luft gebe ihm einen weiteren Wachschub.

Zurück im Atelier macht er sich sofort wieder an seine Arbeit. Der Engel hat seine glasige Gestalt angenommen und ist fertig. Curiger liest in seinem Skript und ergänzt immer wieder Sätze. Dann nimmt er sein Skizzenbuch hervor und zeichnet seine Gedanken auf – dieses Mal mit Bleistift.

Es geht gegen 5 Uhr zu. «Ich merke, wie die Konzentration nachlässt», sagt er. Jetzt kommt das zweite Red Bull zum Einsatz und hilft, wohl noch eine Stunde weiter arbeiten zu können. Die zündende Idee bleibe in dieser Zeit aber meistens aus, denn er wisse, dass um 6 Uhr sein Tram fährt. So packt er um 5.45 Uhr seine Sachen und schlendert langsam aus dem Gebäude Richtung Tramhaltestelle. Während andere um diese Uhrzeit ihren Tag beginnen, wartet Curiger auf sein Tram, das ihn heimwärts bringt.