Zürich

«Mach etwas, lass mich sterben», soll der Vater gesagt haben

Der Vater bekam vom Tötungsversuch nichts mit und blieb unverletzt.

Der Vater bekam vom Tötungsversuch nichts mit und blieb unverletzt.

Die Schweizerin, die ihren schwer kranken und dementen Vater mit einer Spritze töten wollte, erhält eine bedingte Freiheitsstrafe.

Mehrfach weinte die Beschuldigte während der Verhandlung am Bezirksgericht Zürich: Als sie erzählte, wie ihr schwer kranker und dementer Vater im Spitalbett lag und nicht mehr essen konnte, ohne sich zu verschlucken; als sie schilderte, wie er nur noch «vor sich hin röchelte», wie sie ihn einfach erlösen wollte von diesem Leid – und dann, als er schlief, zur Spritze griff, den Verschluss des Venenkatheters öffnete und Luft zuführte in der Hoffnung, er erleide eine Embolie und könne endlich friedlich einschlafen.

So weit kam es allerdings gar nicht. Eine Spital-Mitarbeiterin sah auf einem Monitor, was sich ereignete, und alarmierte eine Ärztin. Als diese das Zimmer des Patienten betrat, steckte die Tochter die Spritze weg. Sie gab ihr Vorhaben gleich zu. Der Vater bekam vom Tötungsversuch nichts mit und blieb unverletzt. Kurz darauf wurde er zurück in ein Pflegeheim gebracht, wo er einen Monat später nach einem Schlaganfall verstarb.

Die 59-Jährige, auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatte früher kein gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Er sei bösartig gewesen. Nach dem Tod der Mutter habe sie sich aber dazu verpflichtet gefühlt, sich um ihn zu kümmern. Durch die Pflege sei die Beziehung besser geworden. Er habe sich sogar ab und zu bei ihr bedankt. Doch sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich. Zuletzt war er halbseitig gelähmt, konnte kaum noch sprechen und essen.

«Sie hätte Hilfe in Anspruch nehmen können»

Immer wieder habe der Vater erwähnt, dass er so nicht mehr leben wolle. «Einmal hat er mich in den Arm genommen und gesagt: Mach etwas, lass mich sterben.»

Für den Staatsanwalt war klar, dass die Beschuldigte ihren Vater vom Leid erlösen wollte. Dass sie aufgewühlt war und unter grosser seelischer Belastung gestanden haben muss. «Aber sie hätte Hilfe in Anspruch nehmen können», sagte er und beantragte eine bedingte zweijährige Freiheitsstrafe wegen versuchter Tötung. Bei einer solchen liegt das Mindestmass eigentlich bei fünf Jahren. Angesichts der schwierigen Umstände, des Geständnisses und der Reue könne man den Strafrahmen aber deutlich unter­schreiten.

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch. Es frage sich, ob man in diesem Fall überhaupt von einem strafbaren Versuch sprechen könne, sagte er. Seine Mandantin, seit 30 Jahren im Samariterverein, habe es in ihrer Aufregung gar nicht geschafft, die Spritze richtig anzusetzen. Um den Tod herbeizuführen, hätte sie zudem mindestens sieben Mal soviel Luft in die Vene ihres Vaters stossen müssen. Kam hinzu, dass sie vergessen hatte, den Hahn des Katheters zu öffnen.

Ein Freispruch kam für den Gerichtspräsidenten aber nicht in Frage. Er verurteilte die Beschuldigte wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer bedingten, zweijährigen Freiheitsstrafe bei einer Probezeit von zwei Jahren. «Sie haben etwas zu tun versucht, das nicht erlaubt ist und bestraft werden muss», sagte er.

«Man muss es über sich ergehen lassen»

Angehörigen seien in solchen Fällen oft die Hände gebunden. Sie müssten viel Leid ertragen, seien verzweifelt. «Trotzdem darf man nicht selber handeln, das ist aktive Sterbehilfe und strafbar.» Auch wenn es einem schwer falle: «Man muss es über sich ergehen lassen.»

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