Zürich
«Ly-Ling und Herr Urgesi»: Das filmische Porträt einer ungleichen Partnerschaft

Der Zürcher Giancarlo Moos hat seinen ersten Kinofilm gedreht. Er hat dafür eineinhalb Jahre lang in einem Schneideratelier gefilmt, ohne den Protagonisten Fragen zu stellen oder Regieanweisungen zu geben.

Olivia Tjon-A-Meeuw
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«Die Schweiz ist im positiven Sinne ein Land der Migration», sagt Giancarlo Moos. Er begleitete einen Schneider und eine Designerin für anderthalb Jahre.

«Die Schweiz ist im positiven Sinne ein Land der Migration», sagt Giancarlo Moos. Er begleitete einen Schneider und eine Designerin für anderthalb Jahre.

André Springer

In seinem Atelier auf dem Gerold-Areal bei der Zürcher Hardbrücke lässt Giancarlo Moos die Sonnenstore per Knopfdruck herunter. «Das ist der einzige Raum im ganzen Gebäude, in dem das möglich ist», erklärt der 47-Jährige. Sein Atelier ist im ehemaligen Gebäude des Gaswerks Zürich untergebracht, im Büro des damaligen Direktors.

Moos verbringt Monate in diesem Raum, um seine Filme zu schneiden. So auch seinen ersten Kinofilm «Ly-Ling und Herr Urgesi». Um den Dokumentarfilm in Form zu bringen, hat der gebürtige Rüeschliker während eines Jahres an seinen drei Computerbildschirmen gesessen.
In den eineinhalb Jahren zuvor hat er viel Zeit im Atelier der Modedesignerin Ly-Ling Vilaysane in St. Gallen verbracht.

Vilaysane hatte sich damals auf ein Experiment eingelassen: Sie wollte das Handwerk des 71-jährigen Feinmassschneiders Cosimo Urgesi erlernen und hatte ihn dafür in ihr Atelier eingeladen (siehe Kasten). Regisseur Moos hatte einige Jahre zuvor ein Fotoporträt über Ly-Ling Vilaysanes Modelabel «Aéthérée» gemacht und war mit ihr in Kontakt geblieben.

Als sie ihm von der Zusammenarbeit mit Cosimo Urgesi erzählte, war ihm sofort klar, dass er die Geschichte für seinen ersten Kinofilm gefunden hatte. Für die nächsten eineinhalb Jahre begleitete Moos die ungleiche Partnerschaft mit seiner Kamera. Einen Tag pro Woche beobachtete er die beiden, die Kamera und zwei Mikrofone auf den Schultern.

Der Filmer blieb immer im Hintergrund

Er habe Glück gehabt, dass er von Anfang an dabei gewesen sei, findet Moos. «So wurde der Film Teil ihrer Kollaboration.» In den engen Verhältnissen im Atelier war er den beiden immer sehr nahe. Doch mit der Zeit vergassen sie praktisch seine Anwesenheit. Das ist auch Moos’ Arbeitsweise geschuldet.

Er führte keine Interviews mit seinen Protagonisten und gab ihnen keine Regieanweisungen. Nie mussten sie etwas wiederholen oder mit besserer Belichtung eine Grimasse ziehen. Der Filmemacher wollte, dass die Geschichte der beiden ganz natürlich erzählt wird. Dennoch hat es interviewähnliche Einspieler im Film.

Wenn er die beiden separat filmte, wollten sie bei ihm auch mal ihre Gefühle über die andere Person deponieren. «Ich wurde quasi zum Mediator.» Er habe sich aber immer Mühe gegeben, neutral zu bleiben. Durch die Kombination aus Alltagsszenen und Beichten erinnert der Film von der Form her an Reality-Fernsehformate.

Doch das Ethos ist ein ganz anderes. Moos hat offensichtlich seinen Protagonisten gegenüber eine grosse Zuneigung entwickelt und möchte Ly-Ling Vilaysane und Cosimo Urgesi auf keinen Fall «in die Pfanne hauen», wie er sagt.

Er hatte den beiden schon vor dem Filmdreh ein Vetorecht zugestanden. Wären sie mit einer Szene nicht einverstanden gewesen, so hätte Giancarlo Moos sie wieder aus dem Film entfernt.

Er ist überzeugt, dass dieses Versprechen den beiden ermöglichte, Vertrauen zu ihm aufzubauen. So sind auch die Auseinandersetzungen der beiden im Film zu sehen, als es in der Partnerschaft nicht so rund läuft wie gehofft.

Die Geschichte des Films entstand mit dem Schnitt

Neben der gemeinsamen Leidenschaft für Kleidung verbindet Ly-Ling Vilaysane und Cosimo Urgesi ihre Migrationserfahrung. Cosimo Urgesi kam 1967 aus Apulien in die Schweiz. Ly-Lying Vilaysanes Eltern waren sogenannte Boat People, die in den 70er-Jahren aus einem vietnamesischen Flüchtlingslager in den Kanton Appenzell zogen.

Moos selbst ist aufgrund seiner eigenen Erfahrungen auf Migrationsgeschichten sensibilisiert. Sein Vater ist Professor für italienische Geschichte, und so hat Moos seine ersten fünf Lebensjahre in Mailand verbracht.

Dann zog die Familie zurück nach Rüschlikon. Er kam gleichzeitig mit einigen italienischen Kindern in die Schule, die dort als «stinkende Tschinggli» beschimpft worden seien. Das sei für ihn absurd gewesen. Trotz dieser Erfahrungen betont Moos: «Die Schweiz ist im positiven Sinne ein Land der Migration.»

In seinem eigenen Atelier verbrachte Moos nach Drehende zuerst einmal drei Monate damit, die Aufnahmen zu sortieren. Dafür klebte er Zettel an die Wand, die er hin- und herschieben konnte, um die Geschichte zu entwickeln. «Im Gegensatz zu einem Spielfilm entsteht bei einem Dokumentarfilm die Geschichte vor allem im Schnitt.»

Nun schreibt Moos an einem Drehbuch

Im Oktober des letzten Jahres war dann der Film inklusive Vertonung fertig, gerade rechtzeitig für die Anmeldung bei den Solothurner Filmtagen, wo er dann auch Premiere feierte und für den Prix du Public nominiert wurde. Seither zeigt Moos seinen Film zum Auftakt der regulären Spielzeit in Kinos in der ganzen Schweiz.

Moos möchte nun weitere eigene Kinofilme realisieren. Bevor er seine eigenen Kurzfilme realisiert hat, hat er an den Projekten anderer Leute mitgearbeitet, zum Beispiel als Aufnahmeleiter bei Filmen wie «Grounding».

Das habe er immer gerne gemacht, aber es sei doch einfach ein Job gewesen. «Bei eigenen Projekten wird der Film Teil des Lebens.» Gerade wenn man wie er alles selber mache, sei es grossartig, wenn man den ganzen Bogen von Anfang bis Ende mitmachen könne.

Im Moment schreibt er in seinem Atelier im ehemaligen Gaswerk an einem Drehbuch für einen Spielfilm. Die meiste Zeit jedoch ist er unterwegs auf der Suche nach einem Thema für einen neuen Dokumentarfilm.