Veloweg-Initiative
Lückenhaftes Netz: Velofahrer fühlen sich in Zürich unsicher

Sollen es 120 oder doch gleich 200 Millionen Franken sein? Die Stadtzürcher Stimmberechtigten befinden am 14. Juni über zwei Vorlagen. Einig sind sich alle politischen Parteien einzig darin, dass das derzeitige Velonetz ausbaufähig ist.

Oliver Graf
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Viele Knotenpunkte in der Stadt Zürich, wie etwa das Central, sind mit dem Velo schwierig zu bewältigen.

Viele Knotenpunkte in der Stadt Zürich, wie etwa das Central, sind mit dem Velo schwierig zu bewältigen.

KEYSTONE

1975 war es, als in der Stadt Zürich die erste Veloroute signalisiert wurde: Sie führte vom Katzensee über Affoltern und Oerlikon nach Stettbach.

Heute gibt es – allein auf Stadtgebiet – rund 340 Kilometer Velorouten und über 10'000 öffentliche Veloabstellplätze. «In fast 40 Jahren Veloförderung wurde viel erreicht», heisst es im aktuellen «Masterplan Velo (Zürich lädt zum Velofahren ein)». Bald sollen es noch mehr sein – dies fordert zumindest eine Initiative der Jungen Grünen, über die die Stadtzürcher am 14. Juni abstimmen werden.

Denn: «Meist endet die sichere Veloinfrastruktur genau dort, wo es am gefährlichsten wird.» Das führe zu Unfällen, weniger Velofahrenden und Konflikten zwischen Velofahrenden, zu Fuss Gehenden und Autofahrenden. Dabei, glauben die Jungen Grünen, «könnte das Velo gerade die überlasteten Strassen und öffentlichen Verkehrsmittel entlasten.» Laut des städtischen Masterplanes fühlen sich die Velofahrenden in der Stadt Zürich unsicher: «Sie beurteilen die Verkehrsinfrastruktur von allen Verkehrsteilnehmenden am schlechtesten. Denn als einzige Verkehrsart hat der Veloverkehr in der Stadt Zürich kein zusammenhängendes Netz. Eine Situation, die für den öffentlichen Verkehr, den motorisierten Individualverkehr oder den Fussverkehr undenkbar wäre.»

«Bei den Knoten ist es schwierig»

Der zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), der oft mit seinem Roller, aber auch mit dem Velo unterwegs ist, sagte kürzlich vor den Medien, dass es in Zürich «schöne Strecken» gebe. Der Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartementes bestätigte aber auch, dass gerade die Knotenpunkte «schwierig zu bewältigen» seien. Verbesserungen hat die Stadt vorgesehen. Für Leutenegger ist aber auch klar, dass Zürich trotz allen Bemühungen als Velostadt nie Kopenhagen oder Amsterdam werden könne. Zürich habe eine ganz andere Topografie.

Dennoch: In der Stadt Zürich bestehen nach wie grosse Pläne. Im Verkehrsrichtplan sind viele Radwege als «geplant» eingezeichnet. Und es gibt diesen «Masterplan Velo», mit dem erreicht werden soll, dass sich die Zahl der Velofahrten bis ins Jahr 2025 verdoppeln wird (im Vergleich zum Jahr 2011). Damit diese im Raum stehenden Pläne rascher (oder überhaupt) umgesetzt werden, hatten die Jungen Grünen ihre «Volksinitiative für sichere und durchgängige Velorouten» eingereicht.

Die Initiative verlangt, dass die Stadt ein flächendeckendes Velorouten-Netz plant und baut. Dafür sollen die Stimmberechtigten einen Rahmenkredit von 200 Millionen Franken bewilligen, der über die nächsten 20 Jahre sukzessive beansprucht wird. Die jährlichen Ausgaben von 10 Millionen würden 1 Prozent des städtischen Budgets entsprechen, halten die Initianten fest. «Die Investition ist massvoll – und sie lohnt sich für alle.»

Stadtrat will weniger investieren

Der Zürcher Stadtrat hält «das Anliegen der Initiative im Grundsatz für unterstützenswert», wie er bei der Einreichung mitteilte. Allerdings war sie ihm gleichzeitig zu einfach und zu teuer. Er hat deshalb einen Gegenvorschlag vorgelegt, über den am 14. Juni ebenfalls befunden wird. Weil der Kanton bei den festgesetzten regionalen Velowegen die Finanzierung zu übernehmen hat und die Stadt nur bei kommunalen Wegen aufkommen muss, will der Stadtrat in den kommenden Jahren deutlich weniger Geld in die Hand nehmen, als es die Initiative vorsieht. Der Stadtrat rechnet mit rund 90 Millionen Franken für das Routennetz. Er will aber, anders als die Velo-Initiative, auch in die weitere Veloinfrastruktur investieren: 30 Millionen sollen in den nächsten zwei Jahrzehnten für den Bau von Abstellplätzen und Velostationen bereit gestellt werden.

SP, Grüne, GLP und AL unterstützen sowohl die 200-Millionen-Initiative als auch den 120-Millionen-Gegenvorschlag. Die Fraktionen der SVP, FDP und CVP lehnen hingegen sowohl die Velo-Initiative als auch den stadträtlichen Gegenvorschlag ab (die Stadtzürcher CVP hat beim Gegenvorschlag hingegen inzwischen für Stimmfreigabe votiert). «Wenn die Stadtzürcher Velorouten trotz langjähriger rot-grüner Regierungsmehrheit immer noch lückenhaft sind, liegt dies keineswegs an den Finanzen oder am fehlenden politischen Willen», halten die drei Fraktionen in einer gemeinsamen Stellungnahme fest. Es gehe einfach nicht vorwärts, weil die Strassen eng und auch vom oberirdisch geführten öffentlichen Verkehr beansprucht würden. «Es gibt Probleme, die sich nicht mit Geld lösen lassen, sondern nur mit Augenmass und gesundem Menschverstand.»