Wahlerfolg
Lothar Ziörjen, der Architekt des Zürcher BDP-Erfolgs

Die SVP hat er einst wegen der Messerstecher-Inserate verlassen. Jetzt will Lothar Ziörjen als BDP-Nationalrat für den Atomausstieg kämpfen. Die Wahl des Dübendorfers könnte speziell der BDP-Bundesrätin nützen.

Matthias Scharrer
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Nach dem Zeitpunkt seiner Entfremdung von der SVP gefragt, muss Lothar Ziörjen sein Smartphone zur Hilfe nehmen. «Das ist so etwas von nicht mehr wichtig, dass ich das Jahr vergessen habe», sagt der kantonalzürcher BDP-Präsident und frischgewählte Nationalrat am Montagmorgen im Kantonsrat. Er betont, dass er vor der BDP-Gründung der Demokratischen Partei (DP) angehörte und nur in noch fernerer Vergangenheit der SVP.

Herr Ziörjen, was ist das für ein Ort, an dem Sie heute politisch stehen?

Lothar Ziörjen: Es ist ein Ort, wo man Politik macht, die auf Konsens ausgerichtet ist. Sachpolitik, bei der auch andere Meinungen zugelassen werden - nicht mit gesteuerten Politikzielen, denen sich die Leute unterordnen müssen.

Welche politischen Ziele haben für Sie Priorität?

Der Atomausstieg. Wir müssen klare Ziele und Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzen, damit sie sich auf diese neue Entwicklung konzentrieren kann. Forschung und Bildung stehen ebenfalls im Vordergrund.

Bis wann kann und soll der Atomausstieg erfolgen?

Das wird etappiert vonstatten gehen müssen. Bis 2030 wäre eher zu lang. Wir sollten das noch mehr forcieren. Die Wirtschaft ist in der Lage dazu. Der technische Fortschritt geht immer schneller, denken Sie nur an die Computer- und Handy-Entwicklung. Wenn die Wirtschaft weiss, dass die Politik den Atomausstieg will, schaffen wir das.

«Politisch bin ich längst an einem anderen Ort», sagt Ziörjen und kramt in seinen Erinnerungen: Da waren die Messerstecher-Plakate der SVP. Der Parteiausschluss seiner Frau, die zuvor die SVP Dübendorf leitete. Aus Solidarität trat auch er aus. Dann findet er die Jahreszahl in seinem Smartphone: 1999 war es.

Von 1980 bis 1999 gehörte Ziörjen der SVP an. Als er beitrat, hiess sie in Dübendorf noch BGP - Bauern- und Gewerbepartei. «Es war eine andere Partei. Eine Partei, die nicht so polarisierte.» Aber eben: «Das ist für mich eine abgeschlossene Geschichte. Da gibt es keine Nachwehen.»

Bauen als Leidenschaft

Von Beruf ist Ziörjen Architekt. Bauen bezeichnet er als seine Leidenschaft. Als Architekt sei er mit dem Bau von Minergie-Häusern schon lange im ökologischen Bereich tätig. «Bürgerlich kann und muss heute heissen: ökologisch und ökonomisch», sagt Ziörjen in einem der zahlreichen Interviews, die er am Tag nach dem triumphalen Abschneiden seiner Partei bei den Nationalratswahlen gibt. Das klinge wie bei den Grünliberalen, entgegnet eine Radiojournalistin. «Die GLP will oft den Fünfer und das Weggli», erwidert Ziörjen. Ökologie dürfe für sie nichts kosten. «Ich finde aber, die Politik muss bereit sein, Geld zur Verfügung zu stellen, dort, wo es nötig ist.»

Trotz der Abgrenzung: GLP-Co-Präsident Martin Bäumle sieht in Ziörjen einen potenziellen Verbündeten in vielen Sachfragen. Die beiden kennen einander gut, nach 13 gemeinsamen Jahren im Dübendorfer Stadtrat, den Ziörjen seit 2006 präsidiert. «Er ist sehr gewissenhaft und genau», sagt Bäumle. Und: «Den Anspruch, konsensorientiert zu politisieren, erfüllt er sehr gut.»

Mit GLP für Widmer-Schlumpf?

Bäumle wäre seit fünf Jahren Ziörjens erster Stellvertreter als Stadtpräsident von Dübendorf. Bisher kam er in dieser Funktion aber nie zum Einsatz: Ziörjen, der von sich sagt, er brauche keine Ferien, war immer da. Bäumle sagt, er habe auch auf der zwischenmenschlichen Ebene einen guten Draht zu Ziörjen. Ob daraus eine politische Allianz zwischen den Nationalräten aus Dübendorf wird, zeigt sich, wenn es am 14. Dezember um die Wiederwahl von BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf geht.

Eine klare Aussage will Bäumle dazu noch nicht machen. Nach seinem Konkordanz-Verständnis haben die die Mitte-Parteien Anspruch auf drei Bundesratssitze, wobei FDP und BDP übervertreten seien. Bäumle lässt durchblicken, dass Widmer-Schlumpf bei der GLP derzeit bessere Karten hat als FPD-Bundesrat Johann Schneider-Amman. Ziörjen kanns Recht sein.