Betreibungen
Lohnpfändungen in der Stadt Zürich: Von der Ausnahme zur Regel

Die Betreibungsämter der Stadt Zürich sprechen vom "Ikea-Effekt": In den Wohnungen von privaten Schuldnern sind immer weniger Vermögenswerte zu holen - statt Pfändungen von Sachen sind heute die Lohnpfändungen die Regel.

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Sachgüter verlieren an Wert. Die Stadtzürcher Betreibungsämter beobachten hierbei immer mehr eine "Wegwerf-Gesellschaft". (Symbolbild)

Sachgüter verlieren an Wert. Die Stadtzürcher Betreibungsämter beobachten hierbei immer mehr eine "Wegwerf-Gesellschaft". (Symbolbild)

Keystone/GAETAN BALLY

Die Stadtammann- und Betreibungsämter der Stadt Zürich haben im vergangenen Jahr 52'528 Pfändungen vollzogen. Dabei wurden in rund 40 Prozent die Löhne der Schuldner gepfändet. In rund 15 Prozent wurden Sachen gepfändet. Und in etwas weniger als der Hälfte der Fälle war gar nichts mehr zu holen.

Damit sind die Lohnpfändungen von der Ausnahme zur Regel geworden, wie Yves de Mestral, Stadtammann im Kreis 3 und Präsident der Konferenz der Zürcher Stadtammänner, am Dienstag bei der Medienorientierung über das Geschäftsjahr 2017 sagte.

Die Wegwerfgesellschaft

1900 hatte der Anteil der Lohnpfändungen an allen Pfändungsvollzügen in der Stadt Zürich gemäss de Mestral noch gut 11 Prozent betragen. Dieser Wert blieb lange in etwa gleich (1950: 11,8 Prozent), stieg dann im Jahr 1960 auf das Doppelte an und hat sich nun bei rund 40 Prozent eingependelt.

Bei den Sachpfändungen ging die Entwicklung in umgekehrter Richtung: Ihr Anteil ging in der Stadt Zürich von einst 58 Prozent (1900) kontinuierlich zurück – 2017 wurden noch die erwähnten 15 Prozent verzeichnet.

Sachpfändungen lohnen sich nicht mehr so wie in früheren Zeiten: Dies führt de Mestral auf den "Ikea-Effekt" zurück. Aber nicht nur die Möbel in den Schuldner-Wohnungen bringen bei der Verwertung weniger Geld ein – gleiches gilt beispielsweise auch für die elektronischen Gerätschaften. "Diese Feststellungen können auch unter dem Schlagwort der Wegwerfgesellschaft subsumiert werden."

Schuldner geraten in ein Hamsterrad

Diese Entwicklung hatte der Gesetzgeber nicht vorgesehen: Das Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) von 1889 sieht die Sachpfändung als Normalfall vor, wie de Mestral ausführte.

So regelt das SchKG etwa detailliert, dass dem Schuldner bei einer Pfändung entweder zwei Milchkühe oder vier Schafe zu belassen seien, wenn diese für die Ernährung des Schuldners und seiner Familie unentbehrlich seien.

Auf die Einkommenspfändung wird hingegen nur in rudimentärer Form hingewiesen. Yves de Mestral forderte, dass der Gesetzgeber nun die Situation zumindest einmal analysieren soll. Denn Schuldner könnten in "ein Hamsterrad" geraten, das sich einfach weiterdrehe.

Indem etwa die Steuern nicht ins betreibungsrechtliche Existenzminimum eingerechnet werden dürften, stehe die nächste Betreibung bei der folgenden Steuerrechnung gleich wieder an, sagte de Mestral. Ein Schuldner könne so "über lange Jahre hinweg schon fast grundsätzlich gar nicht aus den Schulden hinausfinden", heisst es in einer Mitteilung der Konferenz der Zürcher Stadtammänner.

Kreis 4: Aufwertung zeigt sich in Zahlen

Die Konferenz der Stadtammänner von Zürich, die mit Ausnahme des Stadtkreises 5 alle Stadtkreise umfasst, verzeichnete im vergangenen Jahr insgesamt 116'337 Betreibungen. Dies entspricht einem leichten Rückgang um 742 Betreibungen (-0,6 Prozent).

Im Jahr 2017 stellten die Gläubiger in 75'885 Fällen nach ihrem Betreibungsbegehren auch ein Fortsetzungsbegehren (+3954 Fälle oder +5,5 Prozent). 52'528 Pfändungen wurden schliesslich im vergangenen Jahr vollzogen (+1969 Fälle oder +3,9 Prozent).

Von diesen vollzogenen Pfändungen verlief etwas mehr als die Hälfte erfolglos: Bei 26'701 Pfändungen war bei den Schuldnern weder pfändbares Vermögen noch pfändbares Einkommen vorhanden. Die Forderungen, die so abgeschrieben werden mussten, beliefen sich auf 758 Millionen Franken. Rund 690 Millionen Franken davon entfielen dabei auf eine einzige Betreibung einer natürlichen Person.

Grösste Veränderungen im Kreis 4

Die grössten Veränderungen haben sich in den vergangenen Jahren im Kreis 4 ergeben. Die Zahl der eingeleiteten Betreibungen nahm dort seit 2007 um 14,1 Prozent auf 14'262 ab. Dies Entwicklung dürfte laut Marion Sigg, der Vizepräsidentin der Konferenz aus dem Kreis 2, auf die erfolgte Aufwertung des Quartiers zurückzuführen sein.

Auch in den Stadtkreisen 3 (-9 Prozent) und 10 (-1,8 Prozent) wurden im Vergleich zu 2007 weniger Betreibungen eingeleitet. In allen übrigen Kreisen haben sie zugenommen.