Historische Orte
Lindenhof - wo Zürichs Geschichte begann

Schon die alten Römer bauten hier, und im Mittelalter gabs kaiserliche Partys: Im Untergrund des Zürcher Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte

Matthias Scharrer
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Lindenhof - Wo Zürichs Geschichte begann
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Der römische Grabstein beim Lindenhof aus dem 2. Jahrhundert ist der älteste schriftliche Beleg für den Ortsnamen Turicum, aus dem Zürich wurde. Beim Aufgang zum Lindenhof findet sich eine Kopie des römischen Grabsteins aus dem 2. Jahrhundert, dem ältesten schriftlichen Beleg für den Ortsnamen Turicum / Zürich.
Die Inschrift auf dem römischen Grabstein beim Lindenhof. Beim Aufgang zum Lindenhof findet sich eine Kopie des römischen Grabsteins aus dem 2. Jahrhundert, dem ältesten schriftlichen Beleg für den Ortsnamen Turicum / Zürich. Hier die Inschrift vom Grabstein.
Lindenhofkeller: Im Untergrund des Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte Lindenhofkeller: Im Untergrund des Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte.
Überreste von Bauten aus der Römerzeit sind im Lindenhofkeller zu besichtigen. Lindenhofkeller: Im Untergrund des Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte.
Gleich neben den Gemäuern aus der Römerzeit finden sich Reste einer mittelalterlichen Königspfalz und einer Pfalzburg. Lindenhofkeller: Im Untergrund des Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte.
So entwickelten sich die historischen Bauten auf dem Lindenhof. Lindenhofkeller: Im Untergrund des Lindenhofs finden sich Reste aus 1800 Jahren Siedlungsgeschichte.
Der Lindenhof darf seit 1300 nicht überbaut werden, ist aber umgeben von Altstadtgebäuden. Blick vom Lindenhof zu angrenzenden Häusern der Zürcher Altstadt.
Blick von der Limmat zum Lindenhof. Blick zum Lindenhof von der Limmat.
Vom Lindenhof aus hat man die Limmat gut im Blick. Schon die Römer errichteten hier eine Zollstation. Vom Lindenhof aus hat man die Limmat gut im Blick. Schon die Römer errichteten hier eine Zollstation.
Blick über den Lindenhof zum Grossmünster. Blick über den Lindenhof zum Grossmünster.
Franz Hohlers Gedicht über den Lindenhof. Turicum Gedicht von Franz Hohler über den Lindenhof.

Lindenhof - Wo Zürichs Geschichte begann

Der kleine Lucius Aelius Ubicus wurde nur ein Jahr, fünf Monate und fünf Tage alt. Und doch hat er für Zürich prägende Spuren hinterlassen: Der Grabstein, den ihm seine Eltern um 200 nach Christus auf dem heutigen Lindenhof setzten, ist der älteste schriftliche Beleg für den Ortsnamen Zürich – respektive die lateinische Version davon: Turicum. Lucius’ Vater Unio, ein Freigelassener des Kaisers, war Vorsteher des Zürcher Zollpostens der Römer, wie der Grabinschrift zu entnehmen ist. Von der Mutter ist nur der Name – Secundina – in den Marmorstein gemeisselt. Und die elterliche Trauer um den «dulcissimo filio», das süsseste Söhnchen.

Eine Kopie des Grabsteins ist beim Aufgang zum Lindenhof an der Pfalz-Gasse platziert; das Original befindet sich im Landesmuseum. Biegt man nach dem Aufgang scharf rechts ab, ist am Rande des Platzes eine Bodenklappe zu sehen. Und hat man im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich am Neumarkt 4 den reservierten Schlüssel abgeholt, lässt sich die Klappe öffnen. Begleitet von piepsenden Warntönen öffnet sich der Boden.

Eine Treppe führt hinab in den Lindenhofkeller. Es geht tief in Zürichs Vergangenheit, zum Ursprung der Stadt, wie es auf einer Schautafel heisst. Keine Übertreibung, denn in diesem kleinen Keller finden sich archäologisch fein säuberlich freigelegt, kommentiert und stimmungsvoll ausgeleuchtet Reste aus 1800 Jahren Zürcher Siedlungsgeschichte. Die Dauerausstellung gibt Einblicke in die Ergebnisse diverser archäologischer Forschungsprojekte, die seit den 1930er-Jahren stattfanden.

Von der Römersiedlung zum Kastell

Die Gemäuer im ersten Raum stammen zum einen vom Keller eines Hauses der Römersiedlung Turicum aus dem 2./3. Jahrhundert. Zum anderen sind, leicht zurückversetzt, Überreste der Mauern des Kastells zu sehen, das die Römer im 4. Jahrhundert hier errichteten. Es umfasste einst fast die ganze Fläche des heutigen Lindenhofs.

Die Römer waren jedoch nicht die ersten, die hier siedelten. Ausgrabungen im Rennwegquartier belegten, dass beim Lindenhofhügel schon im 1. Jahrhundert vor Christus eine keltische Siedlung existierte. Da der Wasserweg über die Limmat und den Zürichsee in jener Zeit der brauchbarste Verkehrsweg war, taten die Römer gut daran, auf dem Lindenhofhügel eine Zollstation zu errichten: Von hier aus lässt sich der Verkehr auf der Limmat gut überblicken, und das Flussufer ist nur wenige Schritte entfernt.

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Das im vierten Jahrhundert gebaute Römerkastell gehörte zum Befestigungssystem der damals an den Rhein zurückverlegten Grenze des Römischen Reichs. Hier hielten die Römer Stellung gegen alemannische Angriffe. Das Kastell hatte zehn Türme, die mit einer Mauer rund um den Lindenhof verbunden waren. Es wurde bis weit ins Mittelalter als Befestigungsanlage genutzt.

Zur Römerzeit ein Aussenposten, wurde der heutige Lindenhof im Mittelalter zeitweise zu einem Schauplatz grosser höfischer Anlässe. Davon zeugen Mauerreste der im 10./11. Jahrhundert erbauten Königspfalz, die ebenfalls im Lindenhofkeller zu sehen sind.

Ein kaiserlicher Reichstag

Bei der Pfalz handelte es sich um einen langgezogenen, wohl doppelgeschossigen Bau mit grossem Saal und Kapelle. Überliefert ist, dass hier an Pfingsten 1052 Kaiser Heinrich III einen Reichstag mit lombardischen Adligen abhielt. Drei Jahre später feierte er in der Königspfalz an Weihnachten die Verlobung seines Sohns Heinrich IV. Im 11./12. Jahrhundert wurde die Königspfalz zur Pfalzburg ausgebaut: Sie erhielt zwei grosse Wachtürme und wurde zusätzlich mit einem vorgelagerten Doppelgraben gesichert. Doch nach dem Aussterben der Zähringer 1218 verlagerte sich Zürichs Machtzentrum zum neuen Rathaus an der Limmat. Die Pfalzburg wurde abgebrochen. Und um 1300 verbot die Stadt mit einem «Richtebrief», dass sich Private den Lindenhof aneignen. Er ist bis heute ein freier Platz geblieben.

Franz Hohlers Gedicht

In einem Gedicht, dass neben dem Grabstein des kleinen Lucius auf einer Metallplatte an die Wand geschraubt ist, hat Franz Hohler vor über 30 Jahren den Bogen von den Anfängen des Lindenhofs zur Gegenwart gespannt: «Heute sind es nur 5 Minuten zu Fuss / von den Kastellen des Geldes / und den Geschäften der obersten Oberzöllner / hinüber zum Lindenhof / wo alte Männer / unter Bäumen / Schachfiguren schieben / und manchmal jemand stehenbleibt / wie ich / und diese Inschrift liest / und denkt / auch wenn in unsrer Stadt / gebaut gebohrt gelocht gerafft wird / bis sie ganz aus Gold ist und aus Glas und Stahl / dann liegt zuunterst doch / ein totes Kind / und eine Trauer / die ausreicht / für Jahrhunderte.»

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