Die Post hat sich gegen ihn verschworen, die Polizei hat illegal ermittelt und das Bezirksgericht hat ihn bar jeden Beweises verurteilt: Dieser Justizskandal, den ein Paketbote am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht auftischte, war starker Tobak. «Ich denke, dass ich das Opfer bin», sagte der Beschuldigte im Laufe der Verhandlung.

In die Mühlen der Justiz geriet der zuvor jahrzehntelang unbescholtene Familienvater, weil in der Distributionsbasis der Post in Urdorf viele Pakete verschwanden. Darin enthalten waren jeweils mehrere hunderte Rubbellose von Swisslos, weshalb der Wert der Pakete oft mehrere tausend Franken betrug. Der Ermittlungsdienst der Post schöpfte Verdacht. Denn der Türke arbeitete just an den Tagen, an denen Pakete verschwanden. Der Verdacht der gelben Ermittler erhärtete sich: Kaum war der Beschuldigte krank, verschwanden keine Rubbellos-Pakete mehr. Die Polizei wurde eingeschaltet.

Auf frischer Tat ertappt

Als der Paketbote dann nach mehrmonatiger Krankschreibung seine Arbeit wieder aufnahm, stellte ihm die Polizei eine Falle, die sein Verteidiger vor Obergericht wiederum als unrechtmässig darzustellen versuchte: Ein Swisslos-Paket, adressiert an die Poststelle Wetzikon, landete in seinem Lieferwagen, obwohl die Stadt nicht zu seiner Verteil-Route gehörte.

Der Paketbote lieferte es trotzdem aus – an einen Stadtzürcher Kioskbetreiber. Von diesem verlangte er keine Unterschrift als Empfangsbestätigung. Die Handschellen klickten. Neben dem Paketboten wurde auch der wegen Hehlerei mit einer bedingten Geldstrafe vorbestrafte Schweizer Kioskbetreiber verhaftet. Er stand im Verdacht, den Pöstler zu den Diebstählen angestiftet und mit Kaffee und Zigaretten belohnt zu haben. Dafür sprach die Aussage eines anderen Paketboten der Distributionsbasis Urdorf: Dieser gab an, dass der Kioskbetreiber auch ihn gefragt habe, ob er für ihn Swisslos-Pakete stehlen könne.

Geständnis sei «nicht verwertbar»

Das Ganze mündete am 28. Januar 2016 im Urteil des Bezirksgerichts Dietikon: Der Dieb und der Hehler wurden zu einer bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 50 Franken verurteilt, wobei 36 davon als geleistet gelten, wegen der Untersuchungshaft. Die Staatsanwältin hatte damals 15 Monate Freiheitsstrafe gefordert und legte den beiden total 42 verschwundene Pakete zur Last, konnte dies aber nicht zweifelsfrei beweisen. Das Bezirksgericht verurteilte die beiden insbesondere, weil der Dieb gegenüber der Polizei und der Staatsanwältin bei 3 Paketen zugab, diese abgezwackt zu haben – was er aber vor Bezirksgericht widerrief. Der Kioskbetreiber hatte von Anfang an alles bestritten.

Es sei nicht nachgewiesen, dass Pakete entwendet oder falsch zugestellt wurden, sagte der Verteidiger des Pöstlers vor Obergericht. Und die Deliktbeträge würden nur auf nicht nachweisbaren Angaben der Post beruhen. Zudem machten die beiden Verteidiger prozessuale Mängel geltend: Das Geständnis sei vor Gericht «nicht verwertbar». Mit Suggestivfragen habe die Polizei den Pöstler unter Druck gesetzt. «Also, es ist doch so, dass Sie das Paket bewusst falsch geliefert haben», lautete eine der Fragen auf dem Posten der Kantonspolizei in Dietikon. «Wollen wir nicht zur Wahrheit kommen?», lautete eine andere. «Die Grenze zur zulässigen Druckausübung wurde klar überschritten», meinte der Verteidiger.

Zudem habe die Polizei seinem Mandanten nicht gesagt, dass er einen Anwalt verlangen könne. Und schliesslich hat die Staatsanwaltschaft die Untersuchung erst am Tag nach der Hafteinvernahme eröffnet, weshalb ihm dort noch kein Pflichtverteidiger zur Seite stand. Das Obergericht sah das anders: Erst mit der Hafteinvernahme habe sich die Staatsanwältin ein eigenes Bild machen können, worauf dann die Untersuchungseröffnung fusste. Alles schön nach Strafprozessordnung, fand das Obergericht.

Der Anwalt machte weiter geltend, dass eine Führungskraft der Distributionsbasis Urdorf den Paketboten noch am Tag der Verhaftung im Gefängnis besucht und instruiert hätte, dass er die Tat gestehen soll, um wieder freizukommen. Das Obergericht hatte aber keine Zweifel und bestätigte die bedingten Geldstrafen wegen Diebstahl, Verletzung des Postgeheimnisses, der Anstiftung dazu und Hehlerei.

Hinzu kommen Verfahrenskosten. Beim Kioskbetreiber wird zudem die Vorstrafe vollzogen, eine zuvor nur bedingt ausgesprochene Geldstrafe. Das Gericht senkte aber dem Kioskbetreiber die 100 Tagessätze von 50 auf 40 Franken. Denn er verdient mittlerweile gut 2000 Franken weniger pro Monat, da Swisslos seinen Kiosk nicht mehr als Los-Verkaufsstelle zulässt. Der von der Post fristlos entlassene Paketbote arbeitet inzwischen für einen privaten Kurierdienst – dort sind auf seiner Route keine Pakete verschwunden.

Vom Justizversagen, das der Paketbote und die Verteidiger zu zeichnen versuchten, blieb am Schluss nur etwas übrig: Gerichtspräsident Daniel Bussmann brachte zum Ausdruck, dass das Verfahren tatsächlich lange gedauert habe, verstrichen doch von der Verhaftung bis zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht 32 Monate. Nun wäre ein Weiterzug ans Bundesgericht möglich.