An der Ecke Hohlstrasse/Kurzgasse mitten im Zürcher Rotlichtviertel befindet sich neben einem Sexshop ein unscheinbares Ladenlokal, die Libreria Italiana. Es ist mehr als ein Buchladen, es ist ein Anziehungspunkt für Italiener und Italienfreunde. «Hier wurde immer schon auch leidenschaftlich diskutiert», bestätigt Lisetta Rodoni, die Inhaberin und gute Seele des Ladens.

Vor über fünfzig Jahren haben ihr Mann Sandro und sie an der Militärstrasse ganz in der Nähe einen ersten Laden für italienische Bücher eröffnet. «Das fehlte einfach», sagt sie. «Es gab unter den Italienern einen grossen Hunger nach Kultur und Bildung.» Diesen wollten sie stillen. Ihr Mann war Tessiner, sie stammte aus Vicenza. Beide hatten keine Buchhändlerlehre hinter sich, sie stürzten sich ins Abenteuer und hatten Erfolg. «Wir waren sehr jung und hatten viel Mut», meint sie rückblickend.

Gut ausgebildete Facharbeiter aus Norditalien wollten nicht nur die «Gazetta dello Sport» lesen, sondern auch anspruchsvollere Literatur, grosse Schriftsteller, zeitgenössische Autoren, auch Sachbücher, etwa über Elektrotechnik oder Wirtschaft, sie wollten vorankommen. Auch Sprachbücher waren gefragt. Es gab aber auch Einwanderer aus ländlichen Gegenden Süditaliens, die nie eine Schule besuchen konnten und hier auf dem Bau arbeiteten. Lisetta Rodoni erinnert sich an einen Kunden, der Lese- und Schreibkurse für Analphabeten organisierte. Für sie wurden Alphabetisierungsbücher aufgetrieben, die auf die Bedürfnisse von Erwachsenen zugeschnitten waren.

Natürlich gehörte zum Angebot auch politische Literatur, denn die Immigranten waren zum Teil in ihrer Heimat politisch aktiv, gehörten oftmals der Linken an. Neben Büchern besorgte man auch Zeitungen, etwa die «Unità» oder die «Vie nuove», eine Wochenzeitung. «Aber wir waren kein Kiosk», betont Lisetta Rodoni, sie liessen die Zeitungen nur auf Bestellung kommen. «Wir waren ein Treffpunkt für die Italiener», sagt sie. Und sie zitiert einen ihrer Kunden: «Die Libreria Italiana ist ein Ort, wo man hingeht, wenn es draussen regnet.»

Dass in ihrem Laden politisiert wurde, blieb auch den Staatsschützern nicht verborgen. Als der Fichenskandal aufflog, stellte es sich heraus, dass man 13 Kilogramm Akten über sie zusammengestellt hatte, in denen minutiös registriert war, mit wem sie sich getroffen hatten, erzählt Lisetta Rodoni, auch heute noch empört über die jahrelange Bespitzelung. Sie hätten doch nie etwas Unrechtes getan.

In den gut fünfzig Jahren hat sich das Quartier um die Langstrasse sehr verändert. Als sie in den 1970er-Jahren mit ihrer Buchhandlung in den neu erstellten Block an der Hohlstrasse einzogen, gab es in der Nähe noch ein Teppichgeschäft, einen Schlüsselservice, je einen Coiffeurladen für Frauen und für Männer, einen Schönheitssalon, einen Blumenladen, und in den Wohnungen in den oberen Stockwerken lebten Familien. «Natürlich war der Kreis ‹Chaib› immer sehr tolerant», bemerkt die Buchhändlerin, aber dann sei der erste Sexshop eingezogen, die teuren Wohnungen wurden von Prostituierten belegt. «Es war wie eine Lawine.»

Doch jetzt ist eine Gegenbewegung im Gang. Das Haus, in dem der Buchladen eingemietet ist, ist gegenwärtig eingerüstet, die ehemaligen Absteigen werden wieder in Wohnungen verwandelt. Und die nahe gelegene Bäckeranlage, in der sich lange Zeit Drogenabhängige und Alkoholiker breitgemacht hatten, ist wieder eine Parkanlage für Familien.

In der Libreria Italiana geht es längst nicht mehr so turbulent zu und her wie früher, aber das ist Lisetta Rodoni durchaus recht. Sie sei ja auch nicht mehr die Jüngste. Aber ans Aufhören denkt sie keineswegs. Sie sagt: «Die Buchhandlung ist mein Leben.»

Zwar steht ihr jetzt besonders einer ihrer Söhne zur Seite, er checkt zum Beispiel die E-Mails mit den Bestellungen. Sie freut sich, dass neben den zunächst eingewanderten Italienern auch deren Söhne und Töchter sowie neuerdings auch die Enkel vorbeikommen, auch Kinderbücher sind im Sortiment vorhanden. Zudem gibt es Lesegruppen, die italienische Bücher lesen und sich die Lektüre von ihr besorgen lassen. Die italienische Buchhandlung, da ist Lisetta Rodoni überzeugt, wird es noch lange geben.