Stadtrats-Wahlen
Leutenegger gibt Zürcher Schwulen und Lesben einen Korb

FDP-Kandidat Filippo Leutenegger lässt Lesben und Schwule links liegen. Einen Fragebogen mit politischen Themen der Vertretung der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HaZ) liess er trotz mehrmaligen Nachfragen unbeantwortet.

Michael Rüegg
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Trotz Nachhakens reagierte Filippo Leutenegger nicht auf Fragen der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich. keystone

Trotz Nachhakens reagierte Filippo Leutenegger nicht auf Fragen der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich. keystone

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Der Zürcher Nationalrat möchte für die FDP ins Stadtpräsidium von Zürich einziehen. Schafft er das nicht, will Filippo Leutenegger immerhin Stadtrat werden. Seltsamerweise verzichtet er dafür freiwillig auf die Unterstützung Zehntausender potenziellen Wählerinnen und Wählern – den Lesben und Schwulen.

Wie viele homosexuelle Menschen tatsächlich in der Stadt Zürich leben, ist nicht bekannt. Es dürften aber gegen zehn Prozent der Wohnbevölkerung sein, die meisten davon mit Schweizer Pass. Sie machen damit einen ernst zu nehmenden Teil der Stimmberechtigten aus.

Ihre politische Vertretung sind die Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (Haz). Der Verein verschickte an alle Stadtrats- und Gemeinderatskandidaten einen Fragebogen mit politischen Themen. Einige davon sind harmlos. Da geht es etwa um die Umzugsroute für die jährliche Pride-Parade.

Andere bergen mehr Zündstoff: Etwa die Frage, ob Frauen- und Männerpaare Kinder adoptieren dürfen sollen.

Eine Frage betrifft die CVP-Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe – sie will unter anderem in der Bundesverfassung die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau definieren. Dagegen Leute laufen landauf und landab Sturm, auch heterosexuelle.

Während FDP-Stadtrat Andres Türler und CVP-Kollege Gerold Lauber die Fragen der Haz beantworten, schweigt Leutenegger: «Dass der Zürcher Nationalrat trotz wiederholter schriftlicher Anfrage nicht reagiert hat, disqualifiziert ihn als Stadtratskandidat», steht im aktuellen Haz-Magazin, der Vereinszeitschrift, die auch in diversen Zürcher Lokalen aufliegt.

Auf Anfrage sagt Leutenegger gegenüber der az Limmattaler Zeitung, er beantworte keine Anfragen von Interessengruppen: «Meine Positionen der letzten zehn Jahre sind längst bekannt», lässt der Kandidat ausrichten.

Ein politischer Verein

Dass Leutenegger die Haz ignoriert, stösst dem Verein sauer auf, zumal es sich dabei nicht um ein trümmliges Selbsthilfegrüppchen handelt. Die Haz sind gut bestückt mit lokaler Politprominenz: Präsident ist SP-Gemeinderat Patrick Hadi Huber. Zudem sitzen mit Marco Denoth und CVP-Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler zwei weitere Gemeinderäte im Vorstand. Letzterer ist sogar Co-Präsident des bürgerlichen Komitees, das Leutenegger zur Wahl empfiehlt.

Ein weiteres Vorstandsmitglied sitzt zusammen mit Leutenegger im Nationalrat: Martin Naef, ehemaliger SP-Kantonalparteipräsident.

Wer dennoch wissen will, wie Leutenegger in gewissen Fragen zur Schwulen- und Lesbenpolitik tickt, kann dies etwa in seinem Smartspider-Profil nachlesen. Dort beantwortet er die Frage, ob Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare möglich sein soll mit «eher nein».

Auch die Stadträte Türler und Lauber bekunden in diesem Punkt allerdings Mühe. Ganz im Gegenteil zu den Kandidaten der SP und der Grünen. Auch GLP-Kandidat Samuel Dubno spricht sich für eine Abschaffung des Adoptionsverbots aus.

Interessant ist aber die Antwort von CVP-Mitglied Lauber zur Initiative seiner eigenen Partei: Zwar begrüsse er die Stossrichtung des Begehrens, nämlich die Abschaffung der Heiratsstrafe – den Verweis auf die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau empfindet der Schul- und Sportvorsteher jedoch als unnötig.

Nicht bloss Linkswähler

Leutenegger denkt offenbar, bei Schwulen und Lesben sei für ihn angesichts seiner in diesem Punkt nicht sonderlich liberalen Politik der vergangenen Jahre nichts zu holen. Und klar, gegen Corine Mauch (SP) eine offen lesbische amtierende Stadtpräsidentin hat der FDP-Familienvater einen schweren Stand.

Doch müsste er diese Wählerschaft trotzdem etwas ernster nehmen. Die Annahme, die meisten Lesben und Schwulen würden sowieso Linksgrün wählen, dürfte kaum zutreffen. Auch in der FDP und selbst in der SVP sind sie vertreten. Und sie machen sich auch dort für ihre Anliegen stark.

Andere FDPler inserieren sogar

Umso grotesker wirkt Leuteneggers Verweigerung, wenn man Seite 15 des Haz-Magazins aufschlägt: Dort wirbt FDP-Gemeinderatskandidat Marcel Müller aus dem Kreis 9 für seine Kandidatur. «Damit die Politik liberaler, offener, zukunftsgerichteter und farbiger wird», steht in dem Inserat.

Die Fragen unbeantwortet liessen übrigens auch die Kandidatin und der Kandidat der SVP, Nina Fehr Düsel und Roland Scheck. Allerdings mit dem Hinweis, sie würden keine Fragen einzelner Gruppierungen beantworten, ihr Parteiprogramm gelte für alle.

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