Ob jung oder alt, zu Fuss oder mit dem Velo, mit Gehhilfe oder im Rollstuhl, in gesunden oder vom Leben gezeichneten Körpern: Es sind mehrere Hundert Personen, die am Samstagnachmittag zum Pavillon auf den Platzspitz beim Zürcher Hauptbahnhof kommen. Die Organisatoren werden nach der Abdankungsfeier von gegen 2000 Teilnehmern reden. Sie alle sind aus dem gleichen Grund hier: Sie wollen dem am Pfingstsamstag im Alter von 91 Jahren verstorbenen Pfarrer Ernst Sieber gedenken. Es ist bereits die zweite Abdankung für ihn diese Woche. Die Erinnerungsfeier auf dem Platzspitz ist für den Teil der Gesellschaft gedacht, für die Sieber gelebt und gewirkt hat – alle.

Auch Geissen waren da

Vor dem Pavillon stehen Festbänke. Die meisten Plätze sind besetzt. Freie Stellen gibt es nur dort, wo Schatten fehlt. Noch mehr Menschen stehen hinter der sitzenden Gesellschaft und den Ständen. Vertreten sind die Stiftung der Sozialwerke Sieber und die Stiftung Puureheimet Brotchorb – die erste Institution, die Sieber 1981 gründete. Stände und Pavillon sind mit Fotografien Siebers dekoriert. Vereinzelt brennen Kerzen. Auf dem Rasen ist ein Gehege eingezäunt. Darin fressen zwei Geissen gerade Heu. Für die Anwesenden gibt es Bratwurst mit Brot, Kaffee und Kuchen. Sie trinken, von der Hitze durstig, Wasser oder Apfelschorle. Wenige halten eine selbstmitgebrachte Dose Quöllfrisch in der Hand. Zwischen den Köpfen sind gelbe Luftballons zu sehen. Sie tragen die Aufschrift «Mis Dach isch de Himmel vo Züri». Es handelt sich dabei um eine Zeile aus dem Lieblingslied von Pfarrer Ernst Sieber.

Der Platzspitz ist ein Ort, der ihm entsprach: offen für alle. Mehr aber noch entschied Sieber an diesem Ort seine Stiftung Sozialwerke Pfarrer Sieber zu gründen. Es war die Zeit, als auf dem Platzspitz in den 1980er-Jahren die offene Drogenszene grassierte und sich Siebers gelebte Nachfolge Christi der Gesellschaft zeigte: Ohne Berührungsängste nahm er sich den zerlumpten, kranken und verstossenen Süchtigen an. Wie oft sagte er zu ihnen und allen anderen, die Hilfe brauchten: «Du bisch nöd elei, du söllsch ned elei bliibe.» Genau diese Worte wiederholt auch Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber, bei der Eröffnung der Abdankungsfeier, deren Motto lautete: «Lasst euch verwöhnen, esst und trinkt – es gibt für alle genug.» Es sind diese «Sieber–Werte», in denen man auch in Zukunft weiter machen werde, wie Zingg sagt. Den «Sieber–Stempel» nennt es Vanessa Oelz, Präsidentin der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Sie wird die Werke nun in die Zeit nach ihm führen. Deshalb erinnert sie in ihrer Ansprache an seine Grundsätze, die er bedingungslos vertrat: die unbedingte Zuwendung, die Bildung von Gemeinschaft und nicht zuletzt Bescheidenheit.

«Er lebte, was er predigte»

Liebevoll sei er zu allen gewesen und seiner charismatischen Präsenz habe sich niemand entziehen können. «Er forderte und hielt mit bedingungsloser Kritik aber nicht zurück, wenn er seine Grundwerte gefährdet sah», sagt Oelz. Immer wieder nicken die Zuhörer. «Er lebte, was er predigte», fährt Oelz fort. Wieder zustimmendes Nicken. «Wir sind gut vorbereitet, modern organisiert und finanziell gesund.» Man bleibe weiterhin im Sinne von Sieber im Einsatz. Ersetzen jedoch könne ihn niemand. «Das isch unmöglich», ruft eine Anwesende. Nicht nur Vertreter von Siebers Werken halten Ansprachen. So treten auch SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Kirchenratspräsident Michel Müller und Thomas Schlag von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ans Mikrofon. Unterbrochen werden die Reden lediglich von Anwesenden, die sich an den Ständen verpflegen wollen und dabei immer wieder einen Fünfliber oder Zweifränkler in die Spendenkassen werfen.

Pfarrer Siebers ehemalige Band spielte den "Pfuusbusblues" auf dem Platzspitz.

Die Band spielte den "Pfuusbusblues" auf dem Platzspitz

Gedenkfeier auf dem Platzspitz für Pfarrer Ernst Sieber, 2.Juni 2018.

Weil Sieber gerne selber sang, darf auch seine ehemalige Band um Sänger Winston Blue nicht fehlen, die den eigens komponierten «Pfuusbusblues» zusammen mit Etienne Conod zum Besten gibt. Conod war ein langjähriger Weggefährte Siebers. Aber auch die Band Funkaroo, Marcel Buergi, Andrew Bond und Toni Vescoli spielen auf dem Platzspitz auf. Die Anwesenden klatschen, lachen und honorieren die Musiker mit Jubelrufen. Der Geist Sieber liegt an diesem Nachmittag nicht nur in der Luft, er findet sich in den Anwesenden, den Geschichten hinter ihren Gesichtern, dem Platzspitz, den Reden und Darbietungen. Alles zusammen spricht Siebers oft gesagte Worte: «Lueged ane, stönd zäme und gönd go hälfe.»