Es passt zu den langen, verschachtelten Sätzen des Textes, dass der Vorleser an seinem Stehpult bisweilen etwas angestrengt wirkt. Auch die Monotonie seiner Stimme, die strenge Konzentration auf das Gelesene überzeugen. Man kann sich Austerlitz mit seiner dunklen Geschichte nicht anders vorstellen als einer, der sein Leben in leisem Ton, ohne theatralische Zugabe erzählt.

Christian Dieterle nimmt sich zurück mit dem Ziel, dem Publikum die Wucht dieses 2001, kurz vor dem Tod W.G. Sebalds veröffentlichten Romans nahe zu bringen. Das gelingt ihm, auch wenn er nur einen kleinen Teil des 420 Seiten umfassenden Buches vorliest.

Schmerzensspuren

Dieterle folgt den Stationen des Romans, setzt ein in Antwerpen, wo der Ich-Erzähler 1967 auf Austerlitz trifft und wo dieser erstmals über die "Schmerzensspuren" spricht, "die sich, wie er zu wissen behauptete, in unzähligen feinen Linien durch die Geschichte ziehen".

In langen Gesprächen, die sich in London, Prag und Paris fortsetzen, offenbart Austerlitz sein umfassendes Wissen über Natur, Architektur und Geschichte, über das Leben also. Je länger sein Redestrom aber dauert, desto drastischer mündet er in Zerstörung, Krieg und Tod.

Und man erfährt das Leiden einer jüdischen Familie und des Knaben Austerlitz, der 1939 mit vier Jahren von seiner Mutter von Prag nach Wales geschickt wurde und erst Jahrzehnte später auf die Spur seiner Lebensgeschichte stösst.

Einsatz von Fotografien

Christian Dieterle verkürzt den Roman, setzt einen frühen, allerdings gut gewählten Schlusspunkt. Seine Lesung endet dort, wo Austerlitz' Mutter Agáta von den Deutschen von Prag ins KZ Theresienstadt deportiert wird.

Dabei erscheint an der Wand neben dem Vorleser Agátas verschattete Schwarz-Weiss-Fotografie, die Sebald in seinem Buch, wie zahlreiche andere Bilder, als Textbegleitung einsetzte. Der fiktionale Roman und ebenso die Lesung gewinnen mit diesem Trick der Dokumentation an Authentizität.