Weniger Lehrer im Klassenzimmer – dieses Ziel hat der Schulversuch «Fokus Starke Lernbeziehungen» verfolgt. Zwölf Primarschulen mit 166 Klassen haben seit dem Schuljahr 2013/14 daran teilgenommen. Die Klassenlehrerinnen, Schüler und Heilpädagoginnen wurden mehrfach befragt und das Können der Schüler getestet. Gestern hat die Bildungsdirektion den Schlussbericht des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich veröffentlicht. «Das Resultat hat alle total überrascht», sagt Marion Völger, Chefin des Volksschulamts auf Anfrage.

Im Rahmen des Schulversuchs haben die Heilpädagoginnen und Lehrer für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) die Kinder nicht mehr selber unterrichtet, sondern nur noch die Klassenlehrerinnen und -lehrer beraten. Die freigewordenen Förderstunden ermöglichten es den Klassenlehrern, mehr Stunden zu zweit zu unterrichten. Die Lehrerinnen und Lehrer empfanden dies als Gewinn und emotional entlastend. Sie schätzten auch die Lernbeziehungen zu den Kindern als besser ein. Allerdings nahmen nur 57 Prozent der Klassenlehrer an der Befragung teil. Dies sei zwar irritierend, heisst es im Bericht, es handle sich dabei aber um eine repräsentative Auswahl der Grundgesamtheit.

Unglückliche Heilpädagogen

Die Hälfte der Heilpädagogen und DaZ-Lehrerinnen hingegen waren unglücklich mit ihrer neuen Aufgabe fernab des Schulzimmers. Ihr Beratungsangebot haben die Klassenlehrer ganz unterschiedlich – zum Teil auch nur sehr wenig – genutzt. Die Schülerinnen und Schüler selber empfanden die Beziehung zu den Lehrpersonen als negativer als die Kinder in den Vergleichsklassen, die nicht am Versuch teilnahmen. Auch waren sie weniger motiviert und schnitten in der Rechtschreibung schlechter ab, vor allem diejenigen, die Deutsch als Zweitsprache lernten.

Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV), erklärt sich dies dadurch, dass es gewisse Kinder als positiv empfänden, wenn eine Fachperson in die Klasse komme, die sich einem spezifischen Problem direkt annehme. «Das kann die Beziehung zur Klassenlehrperson entlasten, da die Spezialisten oft einen anderen Zugang haben», sagt Hugi.

Deshalb fordert der ZLV in einer Medienmitteilung, dass der Schulversuch, der bis zum Schuljahr 2021/22 weitergeführt wird, fundamental anzupassen sei. «Primär sollen die Heilpädagoginnen und DaZ-Lehrer wieder zurück in die Klassen», sagt Hugi. Marion Völger vom Volksschulamt sagt, dass die meisten Ziele des Schulversuchs erreicht worden seien, etwa die Reduktion der Anzahl Lehrpersonen pro Klasse und eine vereinfachte Schulorganisation. Sie sieht aber auch die kritischen Resultate. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass sich der Unterricht während der kurzen Zeit seit 2013 noch nicht genügend entwickeln konnte, da in den Schulen zuerst Organisatorisches im Vordergrund stand. Auch Völger sieht Verbesserungspotenzial: Die Regelung, dass Heilpädagogen und DaZ-Lehrerinnen nicht direkt mit den Kindern arbeiten, könnte für die restliche Laufzeit des Versuchs gelockert werden. Auch werden die Schulen die Probleme, die im Bericht sichtbar wurden, individuell angehen, sagt Völger.

Grundsätzlich sei der Schulversuch «nicht nur ein Schlag ins Wasser», sagt Christian Hugi vom ZLV. Die veränderte Schulorganisation habe dazu geführt, dass sich die Lehrpersonen entlastet fühlten: «Das ist in der letzten Zeit ein seltenes Phänomen.» Hugi führt das darauf zurück, dass wichtige Entscheide im Team-Teaching auf zwei Schultern getragen würden.

Dennoch lehnt der ZLV eine flächendeckende Einführung des Schulversuchs in dieser Form ab. Dazu müsste die Ausbildung angepasst werden. Klassenlehrer müssten über eine Ausbildung in Heilpädagogik und DaZ verfügen, was faktisch einem Masterabschluss entsprechen würde.

Überlegungen zur Aus- und Weiterbildung seien bereits gemacht worden, sagt Marion Völger. Angesichts der Ergebnisse des Berichts sei jedoch nicht von der flächendeckenden Einführung des Schulversuchs auszugehen. Abschliessend entscheidet darüber der Regierungsrat, voraussichtlich noch vor den Sommerferien.