Zürich

«Leo spürt keine Nebenwirkungen»: Zu Besuch in der Onkologie des Tierspitals

Mensch und Hund werden bei Krebs mit ähnlichen Methoden und Medikamenten therapiert – der Grund für die Behandlung aber ist ein anderer.

Im Behandlungsraum TK 00.51 der Onkologie des Tierspitals der Universität Zürich sitzt Leo bereits auf dem metallenen Behandlungstisch. Die sechsjährige französische Bulldogge mit ihrem hellen Fell, den grossen Kulleraugen und dem hellblauen Halsband wartet auf ihre Chemotherapie. Leo hat Lymphdrüsenkrebs.

Während Oberärztin Irene Flickinger den Zugang legt, legt Leo beinahe gleichzeitig die Ohren nach hinten, hebt den Kopf leicht an, so als wolle er die Nadel nicht sehen. Auf dem Behandlungstisch liegen zwei Spritzen. Diese hat sie zuvor hinter einer Glaswand aufgezogen. «Dieses Mittel wird auch bei Menschen verabreicht, dann einfach höher dosiert», erklärt Flickinger. Es sei wichtig, nicht mit dem Mittel in zu Berührung kommen, erklärt sie die hochsterilen Arbeitsbedingungen.

Leo blinzelt, während Flickinger überprüft, ob sie die Vene getroffen hat. Beim Ansaugen verfärbt sich die Flüssigkeit im Schlauch leicht rot. «Der Zugang liegt perfekt in der Mitte der Vene», so Flickinger. Während des gesamten Prozederes hält die Praxisassistentin die Bulldogge fest umschlungen nahe an ihrem Körper. «Wenn ich Leo so halte, spüre ich, wenn Frau Flickinger ansaugt. Auch so finden wir heraus, ob der Zugang richtig liegt», ergänzt Monegat. Nach weniger als sechzig Sekunden ist der Spuk vorbei. Leos rechtes Vorderbein ist bereits in einen orangen Verband eingewickelt. Seine Ohren stehen wieder.

Wie schnell ein Medikament gespritzt werden könne, hänge vom Mittel selber ab, sagt Flickinger. Zur Belohnung gibt es drei Kekse für Leo. Der Feinschmecker beäugt sie zuerst kritisch. Er grunzt. Schliesslich frisst er sie und trottet gemächlich los.

Seine Schritte aber werden schneller, als er sein Frauchen erblickt. Gordana Mijović, Leos Besitzerin, hat während der Behandlung im Nebenraum gewartet. Jetzt ist Leo wieder so lebhaft wie eine Stunde zuvor, als Flickinger seine Krankengeschichte erzählte. Stünde da nicht eine Ärztin in weisser Kleidung und mit Stethoskop um den Hals, man würde nicht denken, dass der aufgeweckte, verspielte und zutrauliche Hund im April dieses Jahres an Krebs erkrankt ist. Nebenwirkungen verspüre Leo keine. «Etwa zwei Drittel der behandelten Hunde haben keine Begleiterscheinungen. Die Behandlung ist deutlich milder als jene beim Menschen», erklärt Flickinger.

Es begann mit Atemnot

Lebhaft aber war Leo bei seiner Ersteinweisung keineswegs. Seine Lymphdrüsen waren angeschwollen. Zudem wies er einen starken Infekt im oberen Halsbereich auf. «Das kommt einer Angina beim Menschen gleich. Die Atmung ist eingeschränkt und man hat starke Halsschmerzen», so Flickinger. Ersten Vermutungen zufolge hatte die vorgängige Nasenlochvergrösserung beim Hund den Infekt ausgelöst. Nach vier Tagen wurde Leo notfallmässig wieder ins Spital eingeliefert. Seine Lymphdrüsen waren derart angeschwollen, dass die Bulldogge beinahe erstickt wäre. Es folgten weitere Untersuchungen. Diese lieferten die Schockdiagnose: Leo hat Lymphdrüsenkrebs. Beinahe seine gesamte Lunge wurde innerhalb von vier Tagen vom Krebs befallen.

Seither ist er wöchentlich mit seinem Frauchen im Tierspital der Universität Zürich anzutreffen. Tapfer lässt er jedes Mal die Behandlung über sich ergehen. Zuerst wird Leo Blut entnommen, nach einer 20-minütigen Analyse legt die Onkologin das Mittel und die Dosierung fest. Dann beginnt die intravenöse Chemotherapie.

Haustiere gehören zur Familie

Die Behandlung für Hunde mit Krebserkrankungen ist älter, als man denken würde. Erste Tests fanden laut Flickinger in den 1970er-Jahren statt. Offiziell eingesetzt werde die Therapie seit den 1980er-Jahren. «Knochenmarktransplantationen für den Menschen wurden übrigens zuerst am Hund getestet», erklärt Flickinger. Deshalb die ähnlichen Behandlungen, deshalb die teilweise gleichen Medikamente bei Hund und Mensch.

Die Abteilung Radio-Onkologie des Tierspitals Zürich ist seit mehr als 20 Jahren eine Institution für Krebsbehandlungen beim Tier. Die Abteilung ist schweizweit die einzige derartige universitäre Einrichtung. Laut Flickinger werden in verschiedenen grösseren Kliniken Chemotherapien verabreicht, zudem gibt es eine private Onkologie im Kanton Zug. Lediglich 40 Tierärzte aus ganz Europa haben diesen März die Facharztprüfung für Kleintier-Onkologie absolviert. Ihr Berufsfeld sei überschaubar, sagt Flickinger.

Ein Wandel ist im Gang: Der Stellenwert von Haustieren wird höher. Hatten sie früher als Nutztiere ausgedient oder wurden krank, hat man sie eingeschläfert. Heute sind Tierhalter weitaus häufiger bereit, ihre tierischen Familienmitglieder behandeln zu lassen.
Grunziges Gebell unterbricht das Gespräch. Die Praxisassistentin hat sich auf den Boden gekniet. Leo hat die Aufforderung verstanden: Jetzt wird gespielt.

Es geht um Lebensqualität

Trotzdem gibt es einen grossen Unterschied zwischen der Krebsbehandlung von Hund und Mensch. Dieser liegt im Ziel der Chemotherapie. «Beim Menschen geht es primär um Heilung, bei Hunden dagegen hat die Lebensqualität erste Priorität», sagt Flickinger. Lediglich fünf Prozent der Tiere, die an Lymphdrüsenkrebs erkranken, würden langfristig geheilt, so die Ärztin weiter. Auch im Falle von Leo gehe es primär darum, den Krebs zurückzudrängen. Nach dem Abschluss seiner Therapie werde die Bulldogge krebsfrei sein. Dennoch bestehe die Möglichkeit, dass der Krebs nach einigen Monaten zurückkehre, so Flickinger.

Es sind Worte, die für die Besitzerin Mijović schwer wiegen. «Leo ist für mich wie ein Kind. Als wir die Diagnose erhalten haben, war klar, dass ich ihn behandeln lassen will. Leo soll es gut gehen», sagt Mijović und schaut ihren Vierbeiner an. Dass der Krebs zurückkehren könne, daran will die in Zürich wohnhafte Frau nicht denken. Die wöchentlichen Besuche im Tierspital, die Abwesenheit bei der Arbeit, die Organisiererei rund um Leo, das alles mache sie gerne. «Wenn man sich einen Hund anschafft, dann braucht man Zeit für ihn. Auch wenn er gesund ist», so Mijović weiter.

Nicht nur Zeit braucht die Bulldogge. Sie kostet auch Geld. Wie Flickinger schätzt, dürfte die Chemotherapie rund 4000 Franken kosten. «Auf eine Krankenversicherung für Leo habe ich bewusst verzichtet. Die ist teuer, und schlimmstenfalls deckt der Versicherer die Behandlungen dann doch nicht», so Mijović.

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