Am Fusse der Rebberge war Leo Niggli zu Hause. Von dort geniesst man einen wunderbaren Blick auf Weiningen. Jenes Dorf, dessen Entwicklung er in den vergangenen sechs Jahrzehnten als Chronist und Korrespondent für diese Zeitung festgehalten hat. Egal welche Veranstaltung in Weiningen auf dem Programm stand, ob Feuerwehrübung, die Weihnachtsfeier im Seniorenzentrum oder ein Musikabend, Leo Niggli war da, mit seiner Mappe, seinem Markenzeichen. Wer in den letzten 60 Jahren ein Amt innehatte, kannte und schätzte ihn als unermüdlichen Reporter, der seinem Gegenüber stets viel Wertschätzung entgegenbrachte.

Schreiben war Leo Nigglis Leidenschaft. Sie habe ihn über all die Jahre fit gehalten, sagte er einmal. Ihren Anfang nahm diese Passion 1955 im Albisgüetli. Am Knabenschiessen war er Chef des Schiessbüros und musste in dieser Funktion Presseleute über das Schiessen orientieren. So lernte er den damaligen Redaktor des Limmattaler Tagblatts, Fritz Egli, kennen. Dieser war von seinem Pressetext angetan und engagierte ihn als Korrespondent für Weiningen. Auch für die «NZZ» und den «Tages-Anzeiger» war Leo Niggli tätig. Seinen ersten Artikel verfasste er über die Weininger Gemeindeversammlung vom 14. Januar 1956. Erschienen ist er vier Tage später.

Damit startete eine Karriere, in deren Verlauf 6450 Zeitungsartikel mit 3200 Bildern entstanden sind, darunter auch unzählige für die «Winiger Ziitig». Akribisch hatte er jeden Einzelnen abgelegt und archiviert. Das Archiv befindet sich mittlerweile im Besitz der Gemeinde Weiningen. Leo Niggli hatte es ihr vermacht. «Für mich ist es ein Erfolgserlebnis. Über all die Jahre habe ich Artikel und Fotos gesammelt. Dadurch, dass sie der Nachwelt erhalten bleiben, haben sie für mich noch mehr an Wert gewonnen», sagte er im Frühjahr 2012, als das in 50 Ordnern und 12 Schachteln verpackte Archiv von seinem Büro ins Schlössli gezügelt wurde.

Eine Chronik als Vermächtnis

Leo Niggli hat der Gemeinde Weiningen jedoch weit mehr hinterlassen, unter anderem als Verfasser verschiedener Schriften, etwa über den Frauenverein, die Holzkorporation, den Musikverein oder das Schlössli. Sein grösstes Werk, sein Vermächtnis, bleibt aber seine über 300 Seiten umfassende «Chronik 3500 Jahre Weiningen», das er 2005 fertigstellte. Eine Arbeit, die nicht etwa für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft sei, wie der damalige Regierungsrat Markus Notter in seiner Laudatio anlässlich der Präsentation sagte. Denn ein Dorfleben könne nur funktionieren, wenn man wisse, woher man komme.

Leo Niggli wurde am 16. Juli 1914 in Balsthal SO geboren. Dort verbrachte er eine unbeschwerte Jugend und war aktiv als Turner, Musikant und Pfadfinder. Er wurde Mechaniker. Während der Krise der 1930er-Jahre besuchte Niggli die Technikerschule und leistete seinen Militärdienst. 1937 trat er in die Abteilung Flugzeugbau der eidgenössischen Konstruktionswerkstätte in Thun ein. Ein Jahr später heiratete er Maria Brunner und bald darauf kam Tochter Rosmarie zur Welt.

1941 folgte der Umzug nach Zürich, wo Leo Niggli in Altstetten bei der Firma Telefunken (später Albiswerke, dann Siemens) Arbeit fand. Seine Frau Maria starb früh. 1948 heiratete Leo Niggli zum zweiten Mal: Alice Hofer. Dieser Ehe entstammen die Kinder Urs, Brigitte, Ruth, Regula und Esther. 1953 übersiedelte die Familie nach Weiningen, 1957 folgte der Umzug in das Haus an der Rebbergstrasse.

Hier in Weiningen fühlte sich Leo Niggli wohl. Das Dorf ist ihm in all den Jahren ans Herz gewachsen. Er sei nie ein Stadtmensch gewesen, sagte er einmal. «Mein persönliches Befinden stimmt mit dem Leben im Dorf überein.» In Weiningen engagierte er sich in verschiedenen Bereichen. Bereits 1955 wurde Leo Niggli in den Gemeinderat gewählt, auf Betreiben des damaligen Gemeindepräsidenten Hans Haug. Der hatte gesagt: «Gönd dä Niggli go frage, dä macht das scho.» Haug hatte mitbekommen, dass Leo Niggli sich in Weiningen als Leiter des Schiessbüros bei einem Standschiessen als seriöser Arbeiter hervorgetan hatte.

Bis 1970 amtete Leo Niggli im Gemeinderat als Polizei- und Fürsorgevorstand, Feuerwehr- und Zivilschutzvorstand. Auch in verschiedenen Vereinen engagierte er sich. Beim Musikverein Weiningen, der heutigen Kreismusik Limmattal, schlug er die Pauke, war mehrere Jahre Präsident und wurde dafür zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Auch bei der Schützengesellschaft der Stadt Zürich und beim Frauenverein Weiningen war er Ehrenmitglied – als einziger Mann. Letzteres war ein Geschenk zu seinem 100. Geburtstag. Die Gemeinde dankte ihm seinen unermüdlichen Einsatz, indem sie den Steig, der von der Kirchstrasse zu seinem Haus führt, in Leo-Niggli-Steig umtaufte. Von der Holzkorporation erhielt er lebenslang Holz für seinen Ofen.

Leo Niggli war nicht nur an Veranstaltungen anzutreffen, auch im Rebhang half er mit, beim Wümmen bei der Familie Hans Frei-Steinegger. Vielen Weiningern bleibt er aber besonders wegen seines immensen Wissens über das Dorf in Erinnerung. Wer immer einen Vortrag halten musste oder eine Auskunft über ein Familienmitglied einholen wollte, das vor Jahrzehnten in der Gemeinde wohnte, wurde an Leo Niggli verwiesen. Er war eine Fundgrube und stand jedem mit Rat und Tat zur Seite.

Am Dienstag ist Leo Niggli wenige Wochen vor seinem 104. Geburtstag verstorben.