Vor genau 20 Jahren kamen Sie von Wien an die Universität Zürich. Noch nicht genug?

Ernst Fehr: Nein. Ich hatte ja viele Angebote. Aber letztlich war es so, dass die Universität Zürich immer ein gutes Forschungsumfeld geboten hat. Zudem ist Zürich eine sehr lebenswerte Stadt.

Im April 2012 spendete die UBS Ihrem Institut 100 Millionen Franken und es gab viel öffentliche Kritik. Hatten Sie da nie Lust, den Bettel hinzuwerfen?

Eigentlich nicht. Ich nahm die Kritik nie persönlich, da ich überzeugt war, dass dies langfristig eine gute Sache für Zürich und auch die ganze Schweiz ist.

Haben Sie Fehler gemacht?

Nachträglich kann man leicht sagen, man hätte den Spendenvertrag zwischen Uni und UBS gleich öffentlich machen sollen. Ich habe mich auch dagegen gewehrt, dazu stehe ich, weil ich einen Wettbewerbsnachteil für die Uni Zürich befürchtete. Wenn es so ist wie heute, wo praktisch alle Verträge öffentlich sind, spricht nichts mehr für die Geheimhaltung.

Ist die Offenlegung denn mittlerweile Pflicht?

Wir sind zumindest auf dem Weg dorthin. Denn nicht nur wir, auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne (EPFL) wurden verpflichtet, Donations- und Sponsoringverträge einsehbar zu machen. Und es zeigte sich dann ja, dass wir fast schon Waisenknaben sind. Die UBS hat null Einfluss auf die akademischen Belange. Der Nestlé-Vertrag mit der EPFL etwa sieht vor, dass der Sponsor in den Berufungskommissionen Einsitz nimmt und ein Vetorecht bei Personenauswahl und bei Forschungsprojekten hat. Die ETH Zürich hat ähnliche Verträge gemacht. Wir hatten im Hinblick auf die UBS-Spende immer klargestellt, was nicht geht: nämlich eine Mitsprache der Bank bei Personalentscheiden und der Auswahl von Forschungsprojekten. Und so steht es auch im Vertrag.

Aber eine Spende für ein bestimmtes Forschungsvorhaben ist aus Ihrer Sicht in Ordnung?

Ja, sicher. Will ein Spender etwa eine ganz bestimmte Ingenieursaufgabe fördern, spricht doch nichts dagegen. Aber wie gesagt, die Spende der UBS ist ohne irgendwelche inhaltliche Vorgaben erfolgt.

Indem heute mehr Transparenz herrscht, hat aber der Protest doch etwas bewirkt — auch über die Schweiz hinaus?

International wurde vor allem wahrgenommen, dass es uns gelungen ist, so viel Geld zu erhalten. Unser früherer Prorektor erzählte mir, dass ihn die Leute in Moskau bewundernd darauf angesprochen haben. Im Ausland hat fast niemand verstanden, warum es hier so viel Kritik gab.

Worin hätte denn der von Ihnen befürchtete Wettbewerbsnachteil bestanden?

Es gibt Sponsoren, die wollen ungenannt bleiben, weil sonst auch andere bei ihnen um Spenden anfragen. Bei der UBS war das nicht das Problem, aber hätte die Uni Zürich gesagt, dass sie generell alle Sponsorenverträge offenlegt, wäre sie im Fundraising ins Hintertreffen geraten. Jetzt ist die Situation anders, wie gesagt. Wichtig ist, dass die Einflussmöglichkeiten eines Spenders transparent sind. Wenn aber ein Privater keine Mitsprache, sondern nur spenden und anonym bleiben will, sollte das möglich bleiben.

Ein nachhaltiger Imageschaden für Sie und Ihr Institut ist aus Ihrer Sicht nicht entstanden?

Das glaube nicht, im Gegenteil. Es braucht einen Kulturwandel in der Wissenschaft. Sie muss sich vermehrt auch selber um Mittel bemühen. Und mit der UBS-Spende haben wir diesbezüglich eine neue Grössenordnung aufgezeigt. Darauf bin ich stolz.

Sie sagten damals, die Spende erlaube, in die Weltspitze vorzustossen. Wie weit ist man seither vorwärtsgekommen?

Das ist einiges geschehen. Mit der Spende ist eine Dynamik entstanden, die uns erlaubt, sehr gute Leute anzuziehen. Und das nicht nur für einen der fünf neuen Lehrstühle, welche die UBS-Spende ermöglicht, sondern auch für die gut zwei Dutzend angestammten Lehrstühle des Instituts. Mit Hans-Joachim Voth etwa konnten wir einen der weltbesten jungen Wirtschaftshistoriker nach Zürich holen — auf einen kantonal finanzierten Lehrstuhl der Universität.

Was heisst «Dynamik»?

Man kann das mit dem Fussball vergleichen. Ein guter Spieler will zu einem Verein, in dem es weitere gute Spieler hat. Allein die Existenz der UBS-Spende verheisst, dass wir als «Verein» noch besser werden. Voth konnten wir in Barcelona abwerben. Im Herbst wird David Dorn von Madrid nach Zürich wechseln — ein hervorragender Schweizer Ökonom mit interessanten Forschungsergebnissen zur Frage: Wie beeinflusst internationaler Wettbewerb lokale Arbeitsmärkte? Das interessiert auch im Hinblick auf hiesige Arbeitsplätze. Auch sein Lehrstuhl ist kantonal finanziert.

Wie viele der von UBS gespendeten Lehrstühle sind besetzt?

Bisher zwei — wobei auch die Inhaber der UBS-finanzierten Lehrstühle bei der Uni angestellt sind, nur die Finanzierung erfolgt über die UBS Foundation. Da ist zunächst einmal Marios Angeletos, der im Herbst 2013 vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hierher wechselte. Er ist ein ausgezeichneter Makroökonom. Und im Herbst kommt Andrei Levchenko von der University of Michigan zu uns, ein Experte auf dem Gebiet des internationalen Handels. Er kommt zunächst für ein Jahr als Gastprofessor.

Warum erst zwei Lehrstühle?

Berufungen brauchen immer Zeit. Zunächst einmal muss jeder Lehrstuhl in einem separaten Verfahren von Universitätsrat und Universitätsleitung genehmigt werden. Das allein kann bis zu einem halben Jahr dauern.

Warum wollte Levchenko nicht unbefristet angestellt werden?

Gastprofessuren sind ein international übliches Instrument, das wir nun vermehrt einsetzen. Es geht darum — volkstümlich gesagt —, den Leuten den Mund wässrig zu machen. Sie sollen sehen, wie lebenswert Zürich ist und welch gute Forschungsmöglichkeiten es hier gibt. Aber es geht auch um praktische Fragen wie: Bekommt die Partnerin oder der Partner eine gute Arbeitsstelle? Oder: Bekommt ein Kind mit speziellen Lernbedürfnissen die Umgebung, in welcher es sich wohl fühlt?

Und wie gelang es Ihnen, diese Spitzenleute zu holen? Haben Sie sie einfach angerufen?

Ja, das ist so. Das ist Headhunting, und es lässt sich nicht auslagern. Man erhält von privater Seite die Information, dass ein Wissenschafter bereit wäre, nach Europa zu gehen. Da spitzen wir gleich die Ohren und bemühen uns, Kontakt aufzunehmen. Amerikanische und teils auch europäische Unis erlauben ihren Forscher ein Jahr «on leave», um andernorts Erfahrungen sammeln zu können.

Wo steht die Volkswirtschaft der Universität Zürich im Wettbewerb um gute Forscher?

In Europa spielen wir sicher in der ersten Liga mit. Wir stehen im Wettbewerb zum Beispiel mit London School of Economics, University College London, Cambridge, Oxford. Aber auch Stockholm oder Barcelona sind sehr gute Universitäten im Bereich der Wirtschaftswissenschaften.

Treibt das viele Geld von der UBS nicht die Lohnforderungen der Forscher in die Höhe?

Nein, die UBS Foundation finanziert ja Lehrstühle, für welche die kantonale Besoldungsordnung gilt und diese hat klare Richtlinien und Obergrenzen. Unser Hauptargument ist, wie gesagt, die hohe Lebensqualität und vor allem ein interessantes Umfeld mit anderen guten Forschern. Im Gegenzug, so muss man wissen, generieren diese Leute auch Mittel für die Uni. Kann einer sich mit einem Forschungsprojekt für einen Advanced Grant des European Research Council (ERC) qualifizieren, bedeutet das für die Uni Drittmittel von 2 bis 2,5 Millionen Euro über fünf Jahre. Leider sind wir nun vorübergehend abgeschnitten von diesem System wegen der Migrationsinitiative.

Ist das ein Problem?

Die Grants sind sehr prestigeträchtig. Bleiben wir über zwei, drei Jahre davon abgeschnitten, wird das sicher zum Problem. Der Nationalfonds hat zwar eine Ersatzfinanzierung auf die Beine gestellt, aber das ist, wie wenn Schweizer Tennisspieler nicht mehr an Grand-Slam-Turnieren teilnehmen dürften und als Reaktion darauf ein hochkarätig besetztes Turnier in der Schweiz organisiert würde — einem Topspieler wie Roger Federer könnte das Wimbledon nicht ersetzen.

Wie viele Advanced ERC Grants haben Sie an Ihrem Institut?

Wir haben derzeit drei davon, einen für Professor Zilibotti, einen für Professor Voth und ich habe auch einen bekommen.

Die UBS-Spende fördert auch Stipendien für Doktorierende. Was ist hier der Stand?

Die Zurich Graduate School of Economics ist ein grosser Erfolg. Sie ist eine international bekannte «Marke» und sicher die führende Schweizer Graduate School in den Wirtschaftswissenschaften. 150 Bewerbungen gab es 2012, letztes Jahr waren es schon 350. Jeweils 12 bis 14 Personen werden pro Jahr aufgenommen. Am Ende werden es rund 90 Doktoranden sein. Sie bilden für uns einen Pool mit hoch qualifizierten Leuten aus der ganzen Welt, der dem Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Schweiz nützen wird.