Es ist ein offenes Geheimnis: Obwohl das Mittelstufenlehrmittel «Explorers» für den Englischunterricht im Kanton Zürich vorgeschrieben ist, drücken sich viele Lehrpersonen um das umstrittene Lehrwerk. Zwar ist «Explorers» noch brandneu und wurde vom Lehrmittelverlag des Kantons Zürich eigens für den Englischunterricht in der Mittelstufe entwickelt.

Doch die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer ist damit nicht zufrieden: Zu umfangreich, zu wenig strukturiert und vor allem für schwächere Schüler viel zu schwierig – so lauten die Kritikpunkte. Viele Lehrer mühen sich im Schulalltag damit ab, andere verzichten einfach darauf, es zu verwenden.

Vernichtendes Ergebnis

Nun zieht die Lehrpersonenkonferenz die Konsequenzen. Sie vertritt die Zürcher Lehrerinnen und Lehrer offiziell gegenüber der Bildungsdirektion und veranlasst für jedes neu eingeführte Lehrmittel eine umfangreiche Begutachtung. Das hat sie auch im Falle von «Explorers» getan – mit vernichtendem Ergebnis: «Das Lehrmittel weist beim Gebrauch in der Praxis massive Mängel auf, die nur mit einer Totalüberarbeitung behoben werden können», lautet das Fazit der Lehrpersonenkonferenz. In elf weiteren Forderungen hat sie detailliert dargelegt, welche Punkte zu verbessern seien.

Im Mai haben die 25 Lehrerkapitel des Kantons das Lehrpersonenkonferenz-Papier besprochen und schliesslich mit grosser Mehrheit verabschiedet. Unterstützt haben sie auch den an die Bildungsdirektion formulierten Antrag, «Explorers» auf den Status «zugelassen» zurückzustufen. Damit dürfte es weiter verwendet werden, wäre aber nicht mehr vorgeschrieben. Ein Antrag der Gewerkschaft VPOD hingegen scheiterte inder Vernehmlassung: Er wollte «Explorers» gar nicht mehr zulassen.

«Eine absolute Ausnahme»

Die unterstützten Forderungen und der Antrag gehen nun als «Synodalgutachten» an die Bildungsdirektion. Das haben die Kapitelpräsidenten der Lehrpersonenkonferenz an ihrer Sitzung vom Mittwoch beschlossen. Dass sie in einem Gutachten eine Zurückstufung des Status forderten, sei «eine absolute Ausnahme», sagt Lehrpersonenkonferenz-Präsident Jürg Maag. Das gebe es nur in wirklich gravierenden Fällen. Zwar sei es üblich, ein Lehrwerk nach der Startphase zu überarbeiten. Einen so langen Forderungskatalog wie bei «Explorers» gebe es aber kaum je.

Entscheiden über den künftigen Status von «Explorers» wird der Bildungsrat auf Antrag der kantonalen Lehrmittelkonferenz nach den Sommerferien. Das Synodalgutachten ist für sie nicht verbindlich. Ob die Zurückstufung durchkommt, ist unsicher. Damit würde der Kanton einräumen, dass sein eigenes Lehrmittel wenig taugt. Nun kommt neuer Druck aus einer anderen Ecke: Das Englischlehrmittel wird zum Thema im Kantonsrat (siehe Kasten). Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamtes, wollte nicht Stellung nehmen.

Unabhängig vom Status rechnet Jürg Maag damit, dass die Autoren die Forderungen der Lehrer in die Überarbeitung aufnehmen: «Beim Lehrmittel ‹First Choice› für die Unterstufe haben wir gute Erfahrungen gemacht.» Allenfalls erstellt die Lehrpersonenkonferenz danach ein zweites Gutachten. Dann könne man auch wieder über ein Obligatorium reden, sagt Maag. Denn die Lehrerschaft stehe grundsätzlich hinter dem modernen Sprachenunterricht und dem Prinzip eines einheitlichen Lehrmittels.