Jetzt ist auch die Schule «startklar für die digitale Welt», wie die Zürcher Bildungsdirektion gestern eine Mitteilung betitelte. Das «startklar» bezieht sich dabei auf den ersten Band des neuen Lehrmittels «Connected 1», der diese Woche beim Lehrmittelverlag Zürich erscheint. Das Buch dient für das neue Schulfach «Medien und Informatik», das der Kanton Zürich mit dem Start des Lehrplans 21 nach den Sommerferien in den fünften Primarschulklassen einführt.

«Es ist eine Premiere im deutschsprachigen Raum», sagt Lehrmittelverlagsleiter Beat Schaller. «Das Schulfeld wartet auf dieses Lehrmittel.» Das Neuartige daran sei, dass es den digitalen Alltag aus drei Perspektiven beleuchte: aus der technologischen («wie funktioniert das?»), aus der gesellschaftlich-kulturellen («wie wirkt das?») und aus der anwendungsbezogenen Perspektive («wie nutze ich das?»). So lernen die Kinder beispielsweise, wie Internet-Suchmaschinen funktionieren, wozu sie nutzen – und wozu eher nicht. Definitiv zum Einsatz kommt das neue Lehrmittel laut Schaller in den Kantonen Zürich und Obwalden; weitere seien daran interessiert.

Es handelt sich um ein gedrucktes Arbeitsbuch, das mit digitalen Inhalten ergänzt wird. Das Buch ist gemäss Schaller grundlagenorientiert, sodass es auch im Zeitalter schneller technologischer Fortschritte während der nächsten zehn Jahre aktuell bleiben sollte. Eine digitale Version für Lehrpersonen werde alle drei Monate online aktualisiert. Drei weitere Bände von «Connected» für die 6. bis 9. Klasse sollen gestaffelt bis 2021 erscheinen.

Ein erstes Lehrmittel für das neue Schulfach wäre somit schon mal da. Doch wie weit die Schulen technisch für das neue Schulfach ausgerüstet sind, ist Sache der Gemeinden, heisst es beim kantonalzürcher Volksschulamt. Aufgrund von Umfragen und seiner Kontakte mit den Schulgemeinden stellte das Volksschulamt fest, dass bereits vor einem Jahr 80 Prozent den empfohlenen Minimalstandard erfüllten. «Ich gehe davon aus, dass die Schulen jetzt grundsätzlich bereit sind», sagt die stellvertretende Volksschulamtschefin Brigitte Mühlemann.

Die Empfehlungen des Kantons sind abgestuft: Je älter die Kinder und Jugendlichen, umso mehr Computer sollten verfügbar sein. Während im Kindergarten ein Gerät auf zehn Kinder empfohlen wird und in der Mittelstufe deren drei, ist es in der Sekundarschule ein Gerät auf zwei Jugendliche.

Manche Gemeinden übertreffen die Empfehlungen: So plant die Stadt Zürich, nach den Sommerferien jedem Fünftklässler ein Tablet zur Verfügung zu stellen.

Jeder dritte Klassenlehrer parat

Was zählt, ist aber nicht nur die Hardware. Mühlemann betont, dass der «Medien und Informatik»-Unterricht bei weitem nicht nur am Computer und auch nicht nur während der einen dafür reservierten Wochenstunde stattfindet: «Die Inhalte kommen in verschiedenen Fächern vor.» Zudem sei das Neue ja gerade die Verbindung von Medien und Informatik. Und selbst das Verständnis von Programmiersprachen lasse sich auch auf Papier oder gar im Turnunterricht üben.

Von den rund 1800 Klassenlehrpersonen der Mittelstufe (4. bis 6. Klasse) sind laut Mühlemann bislang rund ein Drittel für das neue Schulfach ausgebildet. Die entsprechende Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich laufe noch bis 2023.

Das Ziel sei, dass dann alle Klassenlehrpersonen den Kurs durchlaufen haben. In der Übergangsphase dürften Lehrkräfte bis zu einem Jahr lang ohne die entsprechende Ausbildung das neue Schulfach unterrichten.

Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, sagt: «Im Grossen und Ganzen sind die Lehrpersonen parat.» Die Umsetzung des neuen Lehrplans verlaufe aber etwas überstürzt. Das gelte sowohl für die Lehrmittelentwicklung als auch für die Lehrerweiterbildungen. Hugi bezweifelt, dass «Connected» für die Einführung von «Medien und Informatik» nächstes Jahr an der Sekundarschule bereit ist. Zudem komme die Pädagogische Hochschule Zürich wegen der nötigen Lehrpersonen-Weiterbildungen personell und räumlich an ihre Grenzen. Zum Teil fehle es auch noch an Computern in den Schulen.