Unispital
Lebendtransplantation: Revolutionäre Operation ist geglückt

Am Universitäts-Spital wurde eine 22-jährige Patientin mit einer schweren Lebererkrankung erfolgreich operiert. Es handelte sich dabei um die erste Lebendlebertransplantation.

Anna Wepfer
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Die Operation eines lebenden Organes ist sehr selten. Emanuel Freudiger

Die Operation eines lebenden Organes ist sehr selten. Emanuel Freudiger

Mit dem Fuchsbandwurm angesteckt hat sich Kinza Sigrist vermutlich schon vor vielen Jahren, als sie als Kind im Wald spielte. Seither hat sich der Parasit im Körper der heute 22-Jährigen ausgebreitet. Er hat sich auf der Leber eingenistet und sie über die Jahre grösstenteils zerstört, ebenso mehrere benachbarte Organe. Beim Geschwulst, das der Bandwurm in Kinza Sigrists Körper gebildet hat, sprechen die Ärzte von einem nicht krebsartigen Tumor.

Bemerkt hat ihn lange Zeit niemand. Erst vor zwei Jahren geht Kinza Sigrist erstmals wegen Bauchschmerzen zum Arzt, allerdings bringt die Untersuchung kein konkretes Ergebnis. Im April dieses Jahres - ausgerechnet während der Flitterwochen - werden die Schmerzen so stark, dass sie kaum mehr gehen kann. Erst jetzt finden die Ärzte im Blut der jungen Frau jene Antikörper, die den Fuchsbandwurm verraten.

«Für Patienten mit einer solchen Erkrankung in diesem Stadium gibt es eigentlich keine Hilfe mehr», sagt Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie. Die Lebenserwartung liege noch bei zwei bis sechs Monaten. Doch Kinza Sigrist will sich mit dieser Perspektive nicht abfinden. Zusammen mit ihrer Familie bittet sie die Mediziner darum, dass sie alles erdenklich Mögliche unternehmen, um sie zu retten.

Schwester spendet Leber

Darauf entwickeln Ärzte verschiedener Abteilungen eine gemeinsame Strategie. Sie ist riskant: In einer einzigen Operation müssen alle vom Tumor befallenen Organe ersetzt werden – Leber, Vene, Teile des Zwerchfells und des Herzens. Das hat es noch nirgends auf der Welt gegeben, es ist Neuland für alle Beteiligten.

Riskant ist die Operation nicht nur für die Patientin, sondern auch für ihre 26-jährige Schwester. Diese hat sich bereit erklärt, für Kinza zwei Drittel ihrer Leber zu spenden. «Das ist nicht ohne», sagt Clavien. Auch hier könnte es Komplikationen geben. Verpflanzt wird das Organ in einer sogenannten Lebendtransplantation. Das heisst, die beiden Schwestern werden gleichzeitig in nebeneinanderliegenden Räumen operiert. Auf diese Weise können die Ärzte die Leber innert weniger Augenblicke vom einen in den anderen Körper versetzen. Die übrigen Organe sollen mit Gefässen eines fremden Spenders nachgebildet werden.

Am 20. September ist es so weit. Elf Stunden dauert die Operation, über zwanzig Fachleute sind involviert. Dann ist klar: Der revolutionäre Eingriff glückt. Da die Schwestern identische Gewebeeigenschaften haben, stösst Kinzas Körper die Leber nicht ab. Die Chancen auf Heilung stehen gut.

Und die positiven Prognosen bewahrheiten sich. Heute, drei Monate später, befindet sich die junge Frau zwar noch in der Rehabilitation, sie gilt aber laut Clavien wieder als gesund. Im Gegensatz zu anderen Patienten wird sie trotz der Transplantation ein beschwerdefreies Leben führen können. Die Gefahr eines Rückfalls ist laut Clavien sehr klein. Auch die Schwester hat sich erholt. Ihre Leber hat inzwischen wieder die normale Grösse erreicht. Als einziges Organ im menschlichen Körper hat sie die Fähigkeit, innert weniger Wochen nachzuwachsen.