Mark Brink
Lärmwirkungsforscher: «Unser grösstes Problem ist der Strassenlärm»

Der ETH-Lärmwirkungsforscher und Umweltpsychologe Mark Brink ordnet den Streit um den Zürcher Fluglärm ein. «Auf die ganze Schweizer Bevölkerung hochgerechnet, ist also der Strassenlärm unser grösstes Problem», sagt er.

Matthias Scharrer
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«Lärm ist ein psychologisches Konstrukt», erklärt Mark Brink.

«Lärm ist ein psychologisches Konstrukt», erklärt Mark Brink.

Chris Iseli

Als letzte Woche der neuste Bericht zum Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) veröffentlicht wurde, erhielt ich zwei gegensätzliche Reaktionen: Ein Kollege aus Zürich Seebach meinte lachend, er habe erst aus der Zeitung erfahren, dass er gemäss ZFI zu den stark lärmbelästigten Personen zählt. Ein Leser aus dem aargauischen Seengen sagte hingegen, er sei auch stark vom Fluglärm belästigt, obwohl dies gemäss ZFI nicht der Fall wäre. Herr Brink, was sagt uns das über Lärm?

Mark Brink*: Die Empfindung von Schall als «Lärm» ist etwas Subjektives. Und der ZFI bildet nicht jede einzelne subjektive Beurteilung ab, sondern zeigt auf, wie viele Menschen im Mittel stark vom Fluglärm belästigt oder im Schlaf gestört sind. Die unterschiedlichen Reaktionen zeigen auch, dass man Lärm nicht einfach mit Schall gleichsetzen kann. Wer in einem Gebiet unterhalb einer gewissen mittleren Schallbelastung wohnt, wird vom ZFI gar nicht erfasst, was jedoch nicht bedeutet, dass es in solchen Gebieten keine stark belästigten Personen gibt.

Heisst das, dass der ZFI ein untaugliches Instrument ist?

Nein. Im ZFI muss zwingend eine gewisse Abgrenzung getroffen werden. Sonst ergäbe der ZFI eine riesige Zahl von Menschen, von denen die meisten nur «ein bisschen» vom Fluglärm belästigt sind. Der ZFI soll aber aufzeigen, was für Auswirkungen Änderungen des Flugbetriebs im Hinblick auf einigermassen stark vom Fluglärm betroffene Gebiete rund um den Flughafen Zürich haben.

Wie liesse sich das verbessern?

Man könnte die unterschiedliche Empfindlichkeit für Lärm im Verlaufe eines Tages noch detaillierter berücksichtigen, als das jetzt bereits getan wird. Denn offensichtlich stört Lärm nicht zu jeder Tageszeit gleichermassen, sondern am Morgen und am Abend am meisten.

Erklärt das, warum der Bewohner von Seengen, über dessen Haus am Abend einige Langstreckenflüge donnern, sich stark belästigt fühlt?

Das könnte eine Erklärung sein. Aber es spielen zumeist noch viele andere Faktoren mit.

Welche?

Zum Beispiel die Einstellung, die man zum Flugbetrieb hat.

Ist also der messbare Lärm gar nicht so entscheidend?

Lärm ist ein psychologisches Konstrukt. Der in Dezibel messbare Schallpegel erklärt nur etwa einen Drittel der Belästigung durch Lärm. Da spielen zum Beispiel auch politische Haltungen eine Rolle, etwa zu Umweltfragen, und ganz viele weitere Faktoren.

Wenn ein so grosser Anteil der Lärmwahrnehmung nicht vom messbaren Lärm abhängt - muss man dann überhaupt Lärm bekämpfen?

Ja. Lärmbelästigung beruht letztlich immer auf der Anwesenheit von Schall, der als unerwünscht beurteilt wird. Und Lärm verursacht auch hohe Kosten.

Nämlich?

Zum Beispiel Wertverluste von Liegenschaften oder Gesundheitskosten. Verkehrslärm verursacht ungefähr eine Milliarde Franken pro Jahr an Kosten, die nicht durch die Lärmverursacher selbst getragen werden.

Die Liegenschaften rund um den Flughafen werden aber trotzdem teurer...

Das zeigt, dass die Lärmbelastung nur einer von sehr vielen Faktoren ist, der die Attraktivität einer Wohnlage bestimmt. Ein Haus an einer viel befahrenen Hauptstrasse hat jedoch tendenziell einen geringeren Marktwert als das genau gleiche Haus im selben Ort an einer Quartierstrasse.

Wie hoch sind die Gesundheitskosten des Lärms?

Das Bundesamt für Raumentwicklung geht von rund 130 Millionen Franken Gesundheitskosten pro Jahr aus, verursacht durch Verkehrslärm.

Wir sind von verschiedensten Arten von Lärm umgeben: Verkehrslärm, Kirchenglocken, Grossraumbüros ... Welcher Lärm ist am schädlichsten?

Zum einen kann Lärm direkt das Gehör schädigen, wenn man zum Beispiel jahrelang auf einer lauten Baustelle arbeitet oder täglich das zu laut eingestellte Handy zum Musikhören mit Kopfhörern verwendet. Diese Art von Gesundheitsschäden kennen wir aber vom Umweltlärm weniger. Am meisten Leute fühlen sich durch Nachbarschaftslärm belästigt, gefolgt vom Strassenverkehrslärm.

Schreiende Kinder und Rasenmäher?

Zum Beispiel. Auch Geräusche von Nachbarn in Mehrfamilienhäusern, oder Lärm von Veranstaltungen - solche Sachen belästigen statistisch gesehen am meisten Menschen. Aber es gibt nur wenige wissenschaftliche Daten dazu. Beim Verkehrslärm wissen wir hingegen relativ genau, welche Wirkungen er hat.

Wie schädlich ist der Fluglärm?

Von allen drei Verkehrslärmarten, also Bahnlärm, Strassenverkehrs- und Fluglärm, wird Fluglärm bei gleichem Pegel als am meisten belästigend bewertet. Allerdings sind in der Schweiz rund 1,2 Millionen Menschen von Strassenlärm, aber lediglich rund 100 000 von Fluglärm oberhalb der aktuellen Grenzwerte betroffen. Auf die ganze Schweizer Bevölkerung hochgerechnet, ist also der Strassenlärm unser grösstes Problem.

Aufgrund des politischen Drucks aus Deutschland wird es künftig voraussichtlich mehr Ost- und weniger Nordanflüge auf den Flughafen Zürich geben. Wird das mehr Leute krankmachen?

Für die Menschen im Osten ist das sicher nicht optimal. Wobei das Ostkonzept von allen verbleibenden Optionen insgesamt am wenigsten Menschen belästigt.

Mit was für Krankheiten ist aufgrund des Fluglärms zu rechnen?

Grundsätzlich ist Lärm ein Stressor, das heisst: er kann alle möglichen stressbedingten Krankheiten auslösen, das sind vor allem Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems. Die wichtigsten Gesundheitseffekte sind jedoch Belästigungen und Schlafstörungen, weil sie sehr viele Personen betreffen.

Sind die Leute heute eigentlich allgemein lärmempfindlicher als früher?

Das sagt uns zumindest die Forschung. Trotz der Tatsache, dass es in den letzten Jahren im Mittel nicht lauter geworden ist, nehmen die Lärmklagen bei fast allen Verkehrsarten zu. Dieser Trend ist international feststellbar. Aber es ist nicht klar, ob das ein Effekt des allgemeinen gesellschaftlichen Wandels ist oder ein Effekt davon, dass sich der Charakter des Lärms verändert hat.

Es ist seit Jahren immer das Gleiche: Sobald ein Lösungsansatz für den Zürcher Fluglärmstreit vorliegt, kommt wieder jemand, der sich übervorteilt fühlt. Halten Sie es für möglich, dass die Fluglärmdebatte je zu einer Lösung führt?

Der Streit hat vor allem damit zu tun, dass es zwingend Gewinner und Verlierer geben muss. Fragt man Flughafen-Anwohner, so sprechen sich die meisten eher für eine Gleichverteilung des Lärms aus. Auch wenn dies grundsätzlich eine gerechte Lösung wäre, ist dieser Weg aus betrieblichen Gründen nicht realisierbar. Ethisch richtig wäre es deshalb, den Fluglärm so zu kanalisieren, dass «das grösste Glück der grössten Anzahl Menschen» erreicht wird - und dass die Mehrheit, die durch diese Verteilungsvariante bevorteilt wird, gewisse Entschädigungen für die benachteiligte Minderheit übernimmt.

*Der Lärmwirkungsforscher und Umweltpsychologe Mark Brink (44) ist Privatdozent an der ETH Zürich. Brink wohnt in Winterthur.