Universität Zürich

Langzeitstudis unter Druck: Im Frühjahr 2015 müssen sie abgeschlossen haben

Die Lizstudierenden unter ihnen haben noch ein Jahr Zeit für ihren Abschluss: Studierende vor dem Haupteingang der Universität Zürich.

Die Lizstudierenden unter ihnen haben noch ein Jahr Zeit für ihren Abschluss: Studierende vor dem Haupteingang der Universität Zürich.

Knapp 1000 Personen studieren in Zürich noch im Lizenziatssystem. Sie haben mindestens neun Studienjahre auf dem Buckel. Jetzt müssen sie abschliessen, sonst verfallen ihre bisherigen Leistungen.

«Deadlines helfen mir immer», sagt Michael*. Der Soziologiestudent ist optimistisch, dass er einen ersten Entwurf seiner Lizenziatsarbeit über Fussballfans Ende Mai fertig geschrieben hat. Die definitive Deadline droht im Oktober: Dann muss er alle nötigen Unterschriften zusammenhaben, um sich zu den letzten Lizprüfungen anzumelden, die in einem Jahr in Zürich stattfinden.

Im Zuge der Bologna-Reform führte die Philosophische Fakultät der Universität Zürich im Wintersemester 2006/07 definitiv das Bachelor- und Masterstudium ein. Studierende, die noch dem alten System folgen, müssen ihr Studium bis spätestens Frühling 2015 abgeschlossen haben.

Momentan sind noch 973 Studierende an der Uni Zürich im Lizenziat immatrikuliert. «Allerdings geht aus dieser Zahl nicht hervor, wie viele Studierende effektiv noch aktiv sind und den Abschluss erwerben möchten», sagt Beat Müller, Medienbeauftrager der Uni. Die Zahl der Abschlüsse nach dem alten System hat kontinuierlich abgenommen: 2006 waren es 1819 Abschlüsse, 2011 noch 1046, letztes Jahr 263. Möglich wäre bis 2015 eine kurzfristige Zunahme. Wie viele es tatsächlich sein werden, sei noch offen, so Müller.

95-Prozent-Job

Fest steht: Diejenigen, die noch mit dem Lizenziat abschliessen, sind alle Langzeitstudierende. Sie haben mindestens 18 Semester auf dem Buckel. Bei Michael sind es sogar einige mehr: Der heute 36-Jährige begann sein Studium 2002. Dass es so lange gedauert hat, liegt an seinem Job. Er arbeitete neben seinem Studium bei einem Rückversicherer, zeitweise mit einem Pensum von bis zu 95 Prozent. Fürs Studium blieb ihm nur wenig Zeit. «Trotzdem bin ich drangeblieben und habe immer einzelne Vorlesungen oder Seminare belegt.» Jetzt hat er seinen Job minim reduziert, auf 90 Prozent. Er nimmt sich zudem einige Wochen frei, um intensiv an der Lizarbeit schreiben zu können.

Die Philosophische Fakultät habe eine sehr lange Frist für den Abschluss eingeräumt, sagt Mediensprecher Müller. Zudem hätte es fortlaufend die Möglichkeit gegeben, ins neue System zu wechseln. Pro Semester haben dies fünf bis zehn Studierende getan.

Die Zwischenprüfungen, die sie im Hauptfach bereits abgelegt hatten, wurden ihnen dann als eine bestimmte Anzahl Kreditpunkte angerechnet. Michael bemerkte diese Möglichkeit zu spät. «Da war ich schon zu nahe am Liz.» Das neue System, das strukturierter, aber auch verschulter ist, hätte ihm gepasst, sagt er.

Allein mit zwei Kindern

Für Miriam* hingegen wäre ein Wechsel nie infrage gekommen. Obwohl ihr nur noch die Lizarbeit fehlte, hätten ihr all die absolvierten Leistungen «nicht mal einen halben Bachelor» gebracht, sagt sie. Die Germanistikstudentin begann 1996 mit dem Studium. Die Geburt ihrer Kinder 2003 und 2009 zwang ihr längere Pausen auf. Inzwischen ist sie alleine für die Kinder verantwortlich. «Deshalb konnte ich nur im Schneckentempo weiterstudieren.» Wenn ihr Sohn in der Schule und die Tochter in der Krippe ist, schreibt sie an ihrer Abschlussarbeit über eine Lyrikerin.

Gerne hätte sich Miriam als Quereinsteigerin zur Primarlehrerin ausbilden lassen. Das hätte ihre familiäre Situation weniger belastet. Der drohende Verlust des bisher im Studium Geleisteten hinderte sie aber daran. Sie bedauert, dass die Uni eine starre Deadline setzte. «Vor der langen Prüfungssession inklusive dreitägiger Hausarbeit im Winter graut mir zudem. Dann sind die Kinder bestimmt auch noch krank.»

«Liz bot mehr Freiheit»

Auch Pascal* hätte nie ins Bologna-System gewechselt. Er ist einer seiner erklärten Gegner. «Es erschwert Studierenden, die keine reichen Eltern haben oder nebenbei noch ein Kind grossziehen, das Studium.» Trotzdem sei das Klischee des faulen Langzeitstudenten nicht völlig aus der Luft gegriffen. «Das Lizenziat bot mehr Freiheit. Man konnte einmal bereits am Freitag ins Wochenende gehen und lernte dafür am Sonntag.» Man habe nicht all die kleinen Fleissarbeiten erledigen müssen, die das neue System nun fordere. «Dafür besuchte man vielleicht ein freies Kolloquium, das man nicht auf seine Studienkarte schreiben konnte.» Der 28-Jährige studiert seit 2005 Geschichte und Politikwissenschaften. Momentan schreibt er an seiner letzten Seminararbeit, parallel gleist er die Abschlussarbeit auf.

Pascal wollte nicht auf den letzten Drücker abschliessen. Es sei eher Zufall, dass er selbst einer «der letzten Liz-Lümmel» geworden sei. Unter diesem Titel schreibt der Student eine halb autobiografische Kolumne für die «Zürcher Studierendenzeitung» und wettert darin gegen Bologna. Bei ihm ist die lange Studiendauer auch in einem «Brotjob» begründet. «Ich habe nicht einfach gechillt, sondern immer Geld verdient.» Er war zunächst als Velokurier und später als Produzent und Journalist bei verschiedenen Zeitungen beschäftigt. Für den Studienabschluss aber hat er sein Arbeitspensum reduziert.

Die Universität habe die Betroffenen frühzeitig auf die Deadline aufmerksam gemacht, heisst es bei der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende. Diese bietet zudem für sie massgeschneiderte Motivations- und Schreibkurse an.

*Ganze Namen der Redaktion bekannt

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