Nachtleben
Langstrassenkonflikt: Nachtbetrieb nur mit Baubewilligung

Anwohner im Zürcher Langstrassenquartier haben genug – der Stadtrat will jetzt aber erst einmal reden

Oliver Graf
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Aus der halben Deutschschweiz reist es Wochenende für Wochenende an: Das Partyvolk an der Zürcher Langstrasse. KEY

Aus der halben Deutschschweiz reist es Wochenende für Wochenende an: Das Partyvolk an der Zürcher Langstrasse. KEY

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Noch in den 1990er-Jahren war die Stadt Zürich ziemlich langweilig. Insbesondere nach Mitternacht war kaum mehr etwas los. Lediglich 30, 40 Betriebe gab es, die während und nach der Geisterstunde noch geöffnet hatten. Jetzt sind es auf Stadtgebiet 640 Nachtcafés und Clubs, die meist von Donnerstag bis Samstag nach 24 Uhr geöffnet sind. Alleine in den Clubs finden 90 000 Personen Platz.

Zürich sei zu einem attraktiven Ausgangsort geworden, der Publikum aus der halben Deutschschweiz anlocke, sagte gestern Polizeivorstand Richard Wolff (AL). Und er sprach von einem «bedeutenden Wirtschaftszweig», der alljährlich mehrere 100 Millionen Franken umsetze.

Mediterranes Flair in Zürich

Allerdings sind all diese Nachtschwärmer, die insbesondere das Langstrassenquartier an Wochenenden bis weit in den Morgen hinein bevölkern, nicht von allen gern gesehen. Gerade kürzlich haben sich 115 Anwohner über Unrat, Dreck und laufende Störungen der Nachtruhe beim Stadtrat beschwert. «Es gibt Konflikte», sagte Wolff gestern an einer Medienkonferenz. Und: Die Stadt müsse deshalb reagieren, führte Wolff weiter aus.

Allerdings ist für den Stadtrat auch klar: «In Zürich wird sicher nicht wieder die Polizeistunde eingeführt», wie Bauvorstand André Odermatt (SP) vor den Medien betonte. Denn der Stadtrat will die attraktiven Ausgangsmeilen nicht wieder verbannen. Immerhin hätten diese, wie es Wolff ausdrückte, durchaus «ein gewisses mediterranes Flair» an die Limmat gebracht.

«Wir müssen zwischen beiden Interessen einen Ausgleich schaffen», sagte Wolff deshalb. Die Ausgangslokale würden nicht in einem unbewohnten Industriegebiet liegen. Wohnquartiere und Ausgangsszenen müssten deshalb nebeneinander, miteinander weiterentwickelt werden. Wie der Stadtrat das tun will, ist noch nicht ganz klar: «Es gibt keine Patentlösung», sagte auch der Polizeivorstand. Aber wenn die Beteiligten miteinander verhandeln würden, dann liessen sich Konflikte entschärfen.»

Nicht entweder oder

Als eine Massnahme aus dem vor fast einem Jahr gestarteten Projekt «Nachtleben» hat Wolff nun die Einberufung eines Runden Tisches angekündigt. Nach den Sommerferien sollen sich Betroffene und Akteure aus dem Langstrassenquartier austauschen.

Etwas miteinander reden, das klingt zwar nicht nach viel. Für Polizeivorstand Wolff ist aber klar: «Die Stadt tritt hier in dieser Diskussion als Vermittlerin auf.» Sie nehme nicht pro Ausgangsszene oder pro Wohnquartier Stellung. «Wir wollen wegkommen von dieser Entweder-oder-Perspektive», erläuterte Wolff. Für eine lebendige Stadt gehe es nur gemeinsam. Und ein runder Tisch könnte «spannende Lösungen generieren».

Als weitere Massnahme wurde, wie Anfang Jahr mitgeteilt, die Nachtpräsenz der Stadtpolizei Zürich ausgebaut. Seit 1. Mai sind an den bekannten Hotspots an den Wochenenden sichtbar mehr Polizisten vor Ort. Stadtrat Richard Wolff erhofft sich durch diese verstärkte Präsenz «eine mässigende Wirkung» auf das Partyvolk. Eine Bilanz will er erst nach dem Sommer ziehen. Als erste Tendenzmeldung gab er gestern aber bereits an: «Die Polizeipräsenz hat Auswirkungen.»

Eine weitere Massnahme, über die der Stadtrat gestern informierte und die ab sofort umgesetzt wird, hatte er selbst nicht gesucht. Sie wurde ihm vielmehr von den Gerichten aufgedrückt. Nach einem rechtskräftigen Entscheid des Baurekursgerichts, in welchem es um einen Club in der Enge ging, hat der Stadtrat entschieden, das Bewilligungsverfahren zu ändern.

Neu wird ein Rekurs möglich

Öffnungszeiten, die über Mitternacht hinausgehen, werden neu nun ebenfalls – wie bereits der normale Betrieb – über die Baubewilligung reglementiert. Bislang wurde diese Verlängerung über das Gastgewerbegesetz von der Stadtpolizei erlaubt. Diese Bewilligung war nicht rekursfähig. Das wird sich nun ändern; Anwohner können während des ordentlichen Baubewilligungsverfahrens einen Rekurs einlegen. Dasselbe gilt neuerdings auch für alle «Wartezonen im Freien» (Raucherecken), egal, ob sie auf privatem oder öffentlichem Grund liegen. Damit, sagte Bauvorstand André Odermatt, «kann sich die Bevölkerung stärker einbringen als bisher».

Allerdings ist ihm auch bewusst: «Das neue Bewilligungsverfahren kann die Probleme des Nachtlebens nicht lösen.» Denn sind alle Gesetze und Grenzwerte eingehalten, muss die Bewilligung erteilt werden. Dennoch glaubt Odermatt, dass «die Hürde für eine Nachtbewilligung steigen kann». So könne die Stadt etwa Lärmschutzmassnahmen verfügen oder bei allzu vielen Lärmklagen eine Musikbewilligung zurücknehmen.

Für die bestehenden 640 Nachtcafés hat die neue Bewilligungspraxis keine Auswirkungen. Auch bei Pächter- und Besitzerwechseln wird sich nichts ändern, sofern am bisherigen Betriebskonzept festgehalten wird. Das neue Regime gilt nur für neue Lokale.

Der Stadtrat geht übrigens davon aus, dass nun ein Plafond erreicht worden ist. Laut Odermatt hat sich die Zahl der Nachtcafés nach der markanten Zunahme seit Mitte der 1990er Jahren nun seit etwa fünf Jahren bei 630, 640 Betrieben stabilisiert.