Zusatz-Pissoir
Langstrasse-WCs nur für Männer: Die Stadt Zürich belohnt Wildpinkler

Frauen sehen sich benachteiligt, «nur weil wir nicht an jede Hauswand pinkeln».

Pascal Ritter
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Mario Heller

In der Nacht wird die Langstrasse zur Party-Meile und die Hinterhöfe zu Latrinen. Die Notdurft der Partygänger ist neben dem Geräuschpegel einer der Streitpunkte zwischen Bewohnern des Kreis 4 und dem Partyvolk. Diese Woche wartete die Stadt mit neuen Massnahmen auf und liess an der Ecke Lang/Dienerstrasse neben mehr Polizisten auch Toiletten aufstellen. Aber nur für Männer.

Als Pilotprojekt steht während der Fussball-EM ein Pissoir auf der Piazza Cella. Während sich Italienfans in blauen Tenüs neben rot-weiss-karierte Kroaten ans Pissoir stellen, müssen die Frauen einen mittleren Fussmarsch auf sich nehmen. Nachtschwärmerinnen und weibliche Fussballfans zeigen sich konsterniert und fragen sich: «Hat die Stadt die Frauen vergessen?»

Weniger WCs für Frauen

Auf Unverständnis stösst das Zusatz-Pissoir auch, weil es in der Nähe, auf dem Kasernen- sowie dem Kanzleiareal bereits mehrere Pissoirs gibt. Die Gleichstellung in Sachen Harndrang ist also schon ohne die neuen Pissoirs in Schieflage. «Dass die Stadt an der Langstrasse nur Männerklos aufstellt, ist ein Skandal», sagt etwa Nathalie Brunner. Sie wohnt im Quartier, legt als DJ Playlove in Clubs auf und ist Präsidentin des «Vereins Les Belles De Nuit», der Frauen in der elektronischen Musik-Kultur vernetzt und fördert. «Warum werden nicht einfach geschlechtsneutrale Toitois aufgestellt?», fragt sie sich. «Es sind jetzt schon mehr Männer als Frauen in der Langstrasse unterwegs. Mit ihrer Politik fördert die Stadt diese Situation, statt etwas für die Frauen zu tun.»

Die Begründung aus dem Polizeidepartement: «Das Urinieren an Hauswände und dergleichen hat eine praktisch hundertprozentig männliche Urheberschaft.» Dies sagt Sprecher Mathias Ninck auf Anfrage. Gleich klingt es bei der städtischen Fachstelle für Gleichstellung. «Da das Urinieren an Hauswände wohl mehrheitlich bis ausschliesslich männlicher Urheberschaft sein dürfte, scheint mir dies in diesem Fall aus Gleichstellungssicht unproblematisch», sagt Fachstellenleiterin Anja Derungs. Bisher habe es keine Beschwerden gegeben.

Wenig überzeugend wirkt diese Argumentation auf Isabelle von Walterskirchen. Sie ist Leiterin des Dachverbands der Schweizer Live-Musikclubs und Präsidentin des Nachtstadtrates. Dieses Gremium vertritt die Anliegen der Clubs und Partygänger gegenüber den Behörden. Sie begrüsst die Massnahmen der Stadt grundsätzlich. «Die Frauen sollten aber nicht benachteiligt werden, nur weil sie den Anstand haben, nicht an jede Hauswand zu pinkeln.»