Zürich

Lange Nacht der Museen: Ratespiel mit historischen Kacheln und Lavabos

Das Alterthümer-Magazin Zürich: Nicht selten stellt Rita Hessel aus, was um ein Haar im Container gelandet wäre.

Das Alterthümer-Magazin Zürich: Nicht selten stellt Rita Hessel aus, was um ein Haar im Container gelandet wäre.

Das «Alterthümer-Magazin» in Zürich Stettbach ist eine Wunderkammer. Hier kann man sich über die einstige Wohnkultur und die Lebensbedingungen der Zürcher wundern. Zum Beispiel während des Events «Lange Nacht der Zürcher Museen» dieses Wochenende.

Museen - das ist auch so etwas wie eine Endstation. Objekte, die hier landen, haben ihre «Lebenszeit» hinter sich und können - oft genug nur hinter dickem Vitrinenglas - noch bewundert werden. Nicht so das Bauteillager, das von der kantonalen und von der stadtzürcherischen Denkmalpflege unterhalten wird.

Das Lager befindet sich in Stettbach. Hier landet alles, was bei Sanierung oder bei Abriss alter Liegenschaften gerettet werden kann. Ziegel, Fenster, Kacheln von Kachelöfen (oder ganze Öfen), Wasserspeier, schmiedeeiserne Laternen, Elektroinstallationen, Lavabos, Schlösser oder kunstvoll bemalte Tapeten.

Historisches Bauteilelager

Dass diese Objekte nicht zerstört werden, ist oft reiner Zufall: «Manchmal ruft ein Gemeindearbeiter an und fragt, ob wir an altertümlich aussehenden Objekten, die in Abfallmulden landen, Interesse haben», erzählt Rita Hessel. Sie kuratiert das «Alterthümer-Magazin», mit Gründungsjahr 2009 wohl eines der jüngsten Museen der Stadt Zürich.

Hier, im Untergeschoss einer städtischen Liegenschaft an der Sihlamtsstrasse 4 landen die besonders kunstfertigen Gegenstände aus dem Bauteillager. Denn in Stettbach werden die alten Einrichtungsgegenstände nur vorübergehend gelagert.

Symbolische Preise

Wer ein altes Gebäude, das in einem Schutzinventar aufgeführt ist, stilecht renovieren will, kann in Stettbach die Einrichtungsgegenstände dazu «zu einem eher symbolischen Preis», wie Rita Hessel betont, erwerben.

Tapetenfragmente, alte Wandmalereien, Elektroeinspeisungen, gusseiserne Türschlösser, Elektroöfen oder Waschautomaten können aber selbst eingefleischten Freunde historischen Designs beim besten Willen nicht mehr verbauen. Die Gegenstände kommen deshalb ins «Alterthümer-Magazin», um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn sie werfen ein Schlaglicht auf noch gar nicht so «alterthümliche», aber dennoch kaum noch bekannte Lebensumstände im Kanton Zürich.

Waschgang als Zerreissprobe

So altertümlich der Name des Museums, so wunderbar gestrig ist auch die Szenografie. Hier finden sich zahlreiche Objekte auf Regalen, wo man sie teils anfassen und sich ein Bild und einen Begriff machen kann, wie viel Liebe und handwerkliches Können in ganz alltägliche Gegenstände stecken.

Keine Multimedia-Installationen und ellenlange Erklärungstexte, dafür Anschaulichkeit. Wundern kann man sich über sonderbar geformte Gegenstände aus allen erdenklichen Materialien - zu jedem Objekt weiss Hessel, wo es einst seine Funktion erfüllte. Für den Besucher ist dies ein vergnügliches Ratespiel - und es werden Erinnerungen wach, an alte Studentenbuden oder das Haus der Grosseltern.

Gusseisernes Ungetüm für die Wäsche

Ein Highlight der Sammlung ist ein Waschautomat, eine «Schulthess», etwa aus dem Jahr 1912. Ein gusseisernes Ungetüm und ein bisschen auch das Lieblingsstück von Rita Hessel. «Sein Innenleben mutet geradezu modern an», schmunzelt sie, und lupft den Deckel des Automaten. Drin befindet sich tatsächlich eine modern aussehende Waschtrommel.

Ob unsere Textilien dieser Zerreissprobe, in der von einem Holzfeuer erhitzten Lauge allerdings standgehalten hätten? Jedenfalls erhellt die Maschine die Arbeitsbedingungen von Bediensteten - «die Maschine dürfte aus einem wohlhabenden Haus stammen, sicher nicht aus einem Arbeiterhaus», so die Kuratorin.

Hübsche stille Örtchen

Der rote Faden in der Ausstellung lautet «Hygiene und Licht». Hessel hat dazu aus dem Bauteillager zusätzlich Objekte geordert, die man heute kaum noch kennt, die aber ein Schlaglicht auf längst vergangene Lebensgewohnheiten werfen. Hübsch sind die mit bunten Vögeln und Blumen bemalten Kloschüsseln aus Keramik. Wie weit der Weg von der Waschschüssel auf der Kommode zur Wellnessoase ist, veranschaulichen Krüge und weite Becken, in denen Wasser zur Körperwäsche gereicht wurde. Kalt, versteht sich.

Witzig sind ausserdem auch die Toilettenanlage, an der vom hölzernen Wassertank die Zugschnur zur Spülung herunterhängt. Auf dem weissen Keramikgriff steht schwarz und deutlich «ziehen!». Für Leute, die lediglich das (nebendran ebenfalls installierte) Plumpsklo kannten, war so eine Wasserspülung erklärungsbedürftiges «Hightech». Keine Angst, Geruchsimmissionen gibt es keine, denn diese Exponate stehen ausnahmsweise in Vitrinen. Die wären wie viele Exponate hier ebenfalls fast in einer Mulde gelandet, nämlich bei der Renovation des Naturhistorischen Museums der Stadt Winterthur.

Programm, Tickets, öV und Infos: www.langenacht.ch

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1