Sein Stern am Wissenschaftshimmel ist schnell aufgestiegen: Schon mit 30 Jahren wurde Kevin Schawinski Professor für Astrophysik an der ETH Zürich. Nun leistet der 31-jährige Sohn von Radio-Pionier Roger Schawinski Pionierarbeit für die Wissenschaften: Via Internet beteiligt er interessierte Bürger in grosser Zahl an Forschungsarbeiten. Die Methode heisst Citizen Science, auf Deutsch Bürgerwissenschaft, und war bisher in der Schweiz noch kaum etabliert.

Die Idee kam in einem Pub

Zwar haben Vogelforscher schon vor 100 Jahren gezielt private Vogelbeobachter mittels Fragebogen in ihre Arbeit einbezogen. Doch mithilfe des Internets erreicht die Bürgerwissenschaft neue Dimensionen: «Wir haben derzeit 780000 Menschen weltweit, die uns helfen», erklärt Schawinski in seinem Büro auf dem Hönggerberg. «Jetzt wollen wir auch in der Schweiz mehr Leute erreichen.»

«Wir», das ist eine Gruppe von internationalen Astronomen, die die beiden Internet-Plattformen Galaxyzoo und Zooniverse schufen. Unter www.zooniverse.org laufen Forschungsprojekte verschiedenster Fachrichtungen, von Astronomie über Klimaforschung bis hin zum Entziffern altgriechischer Handschriften.

Die Idee, auf Bürgerwissenschaften zu setzen, kam Schawinski in einem Pub in Oxford. Für seine Doktorarbeit musste er anhand von Fotos 50000 Galaxien nach ihren Formen sortieren. Damals lag Datenmaterial von einer Million Galaxien vor.

Das Formen-Erkennen Computern zu überlassen, war für den Doktoranden aus der Schweiz keine ernsthafte Option: «Wissenschaftler arbeiteten 20 Jahre an Gesichtserkennung durch Computer. Jedes Kind kann Gesichter erkennen.» Also beschloss er im Pub mit einem Kollegen, via Internet möglichst viele Menschen zu Mitarbeitern zu machen.

«Wir liessen eine Pressemitteilung raus. Unser Ziel war, innert fünf Jahren jede Galaxie fünf Mal klassifizieren zu lassen. Innerhalb weniger Stunden war das Ziel erreicht», sagt Schawinski. «Die Leute haben ein unheimlich grosses Bedürfnis, bei echter Forschung mitzumachen.» Die Hilfsbereitschaft sei so gross gewesen, dass beim ersten Versuch ein Serverkabel schmolz. Nach neun Monaten war jede Galaxie 70 Mal klassifiziert.

«Der Clou daran ist die Weisheit der Gruppen», erklärt Schawinski. «Oft ist man besser beraten, den Konsens einer Gruppe von Laien zu erfragen als einen Experten zu befragen.» Auch gegenüber der Formen-Erkennung durch Computer seien Menschen im Vorteil: «Das unbekannte Unbekannte findet der Computer nicht», sagt der Astrophysiker. Menschen seien dazu hingegen fähig.

«Was ist der komische Klecks?»

Sein «Top-Beispiel» dafür ist Hanny van Arkel. Die holländische Lehrerin ist eine der Laien, die sich bei Galaxyzoo am Klassifizieren von Galaxien beteiligten. Beim Anblick des Bildes einer Galaxie habe sie gefragt: «Was ist der komische Klecks daneben?»

Schawinski und seine Kollegen gingen der Frage nach – und machten eine spannende Entdeckung: Beim zuvor undefinierbaren Klecks auf dem Bild handelte es sich um das Lichtecho, das ein materiefressendes schwarzes Loch vor 200000 Jahren auf einer Gaswolke hinterlassen hatte – bevor es sich «ausschaltete» und keine Materie mehr frass. «Wir fragten: Gibt es noch mehr solche Kleckse? Und bekamen jede Menge Hinweise. Jetzt forschen wir daran. Vielleicht sind schwarze Löcher, die sich an- und ausschalten, häufiger, als man bisher dachte», erklärt Schawinski.

Laienfrage: Was nützt dieses Wissen? «Es nützt, um unser Universum zu verstehen», sagt der junge Professor – und fügt an: «Wir bilden hier Leute aus, die die Welt des 21. Jahrhunderts schaffen.»

Schawinski hat sich in Fahrt geredet. «Die Astrophysik ist in einem goldenen Zeitalter.» In den letzten 20 Jahren seien Teleskope entwickelt worden, die enorme Fortschritte ermöglichten. «Erstmals haben wir eine Vorstellung, wie das Universum funktioniert, die sogar stimmen könnte.» Und Bürgerwissenschaft leiste ihren Beitrag dazu.

Mitmachen unter www.galaxyzoo.org oder www.zooniverse.org